Aarau
In bester Bierlaune: Kantonsschülerverbindung Argovia feiert 150 Jahre Altherrenverband

Die Kantonsschülerverbindung Argovia feiert 150 Jahre Altherrenverband.

Peter Weingartner
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150 Jahre Altherrenverband der Kantonsschülerverbindung Argovia
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Der zurücktretende Altherrenpräsident Werner Dreier.
Troy Hischier, Präsident der Aktivitas.

150 Jahre Altherrenverband der Kantonsschülerverbindung Argovia

Peter Weingartner

Blau-weiss-schwarz dominieren im Kultur- und Kongresshaus Aarau: Gefeiert werden 150 Jahre Argovia. Nein, nicht Radio Argovia (argovia.ch), die Kantonsschülerverbindung Argovia der Alten Kanti Aarau jubiliert. Argovia.net.

Was angesichts der Devise «Patriae» (fürs Vaterland) naheliegt, nämlich, dass die Studenten zu spät gekommen sind bei der Verteilung der Endung «.ch», erweist sich auf den zweiten Blick als nicht so klar. Netzwerken – das gehört zum zweiten Leitwert «Amicitiae» (für die Freundschaft). Die Mitgliedschaft bringt Kontakte. Fürs Leben, wie Christoph Schenk (vulgo Aero), der Festredner und zukünftige Altherrenpräsident, sagt. Die Wahl steht noch aus, doch der Applaus auf die Ankündigung hin lässt daran keinen Zweifel. Das sei der Unterschied zwischen Verbindung und Verein, sagt der Chefökonom bei der Zürcher Kantonalbank. «Man kriegt lebenslänglich», meint der rücktrittswillige Präsident, Swisscom-Kadermann Werner Dreier (vulgo Bazillus). Der Präsident der Aktivitas, das sind die Kantischüler in der Verbindung, 18 an der Zahl, heisst Troy Hischier (vulgo Chrüz). Er trägt auch die Fahne und schätzt die Kontakte zu Altherren.

Bier gehört zur Amicitia

Amicitia, Freundschaft, umfasst auch die Geselligkeit, also den Alkoholgenuss. Das Bier drückt immer wieder an die Oberfläche in den Festansprachen, nicht ohne selbstironischen Unterton. So bei Stadtpräsidentin Jolanda Urech, deren Schwiegervater, Mitglied der Verbindung «Industria» (Fleiss), auf den Namen «Suff» getauft wurde. Ihr Verzicht darauf, als Geschenk ein Fass Bier mitzubringen, quittiert der männliche Teil der Festgemeinde mit vielsagendem Raunen. Auch Christoph Schenk weiss: reden, kanten (singen) und zechen gehören zur Verbindung. Wie das Hochhalten der Tradition.

Bleibt die dritte Devise: «Litteris» (für die Buchstaben, das Geschriebene). Es wird gelesen bei den Aktiven, ein Buch pro Quartal. Im Moment ist es «Homo Faber» von Max Frisch, sagt Jan Leuenberger (vulgo Cor).

Fakten und Anekdoten

Stadtpräsidentin Jolanda Urech wartete mit drei Anekdoten zum Gründungsjahr 1867 auf. So sei der Sommer heiss gewesen. Trockenheit, Staub auf den Strassen. Die Leute kriegten den Husten. Man habe die Strassen bewässert, doch zu wenig häufig: «Das Budget reichte nicht!»
55 Beizen habe es in Aarau zu der Zeit gegeben. Wegen Überhockens seien 183 Personen angezeigt worden. Ob da auch Argover darunter gewesen seien, könne sie aus Datenschutzgründen nicht sagen. Das gilt auch für die Gesetzesänderung, die in diesem Jahr unehelich geborene Kinder mit ehelich geborenen gleichstellte, wenn die Eltern nach der Geburt geheiratet haben.
Kanti-Rektor Martin Burkart graste in der Weltgeschichte und fand Interessantes zum Jahr 1867: Etablierung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, Bismarck wird Kanzler, die USA kaufen Russland Alaska ab, die Reclam-Universalbibliothek bringt erstes Buch heraus, Karl Marx veröffentlicht den ersten Teil des «Kapitals», Johann Strauss komponiert «An der schönen blauen Donau».(wpo)

Sissach, nicht Rheinfelden

Mehr als 200 Personen sind am Festakt dabei. Das freut den OK-Chef, den stellvertretenden leitenden Staatsanwalt des Kantons Aargau, Daniel von Däniken (vulgo Pascha). Sie hätten sich für die Festvorbereitung «halb so oft getroffen wie vor 25 Jahren, dafür doppelt so viel ...» Das Reimwort schenkt er sich. Und Slogans wie «Wir schaffen das» oder «Argovia first» brauchten sie gar nicht auszusprechen; die hätten sie verinnerlicht.

Launig sind auch die Grussadressen. So relativiert Kanti-Rektor Martin Burkart (vulgo Camus) die Bier-Affinität, denn man hat 1867 als Gründungsort nicht Rheinfelden (Feldschlösschen), sondern Sissach gewählt. Wo immerhin Citro hergestellt werde für ein «Panasch».

Bildungsdirektor Alex Hürzeler seinerseits streicht die Bedeutung des Netzwerkens heraus sowie des politischen Meinungsaustausches. Politisch ist die Verbindung ungebunden, und Patrick Deucher (vulgo Bouquin), Wahlkampfleiter der FDP im Aarauer Stadtratswahlkampf, mag heisse Diskussionen mit Sozialdemokraten in der Verbindung. Die bekanntesten Argover übrigens sind alt FDP-Bundesrat Kaspar Villiger (vulgo Micky) als Bundes- und Hermann Burger (vulgo Fis) als Literat. Patriae et Litteris.