«Eine physische Angelegenheit» sagt Hubert Schäpper, sei sein Musiker-Job hoch oben auf dem Aarauer Obertorturm. Nicht nur das Anschlagen der Holzhebel, mit deren Hilfe die elf mit Drähten verbundenen Glocken zum Klingen gebracht werden, fordert dem Körper einiges ab. Als sein Vorgänger Willi Lienhard die 187 Stufen nicht mehr hochzusteigen vermochte, übertrug der Stadtrat 1974 dem damals 16-jährigen Bezirksschüler Hubert Schäpper die Aufgabe, das Obertorturm-Carillon zu spielen. Rund 30 Mal im Jahr erklingt an kirchlichen wie weltlichen Festtagen (Maienzug, Bachfischet) das Glockenspiel über den Aarauer Dächern. Seit 45 Jahren amtet Schäpper als Glöckner von Aarau. Und ans Aufhören denkt er nicht im Geringsten.

Ein Geschenk der Glockengiesserei Rüetschi

Gut möglich also, dass er in fünf Jahren das gleiche Jubiläum feiert wie heuer sein ungewöhnliches Instrument: Seit 50 Jahren verfügt der Obertorturm über ein Carillon. 1967 beschloss nämlich die Glockengiesserei Rüetschi aus Anlass ihres 600-jährigen Bestehens (1968), der Stadt Aarau acht Glocken zu schenken. Angeliefert wurden diese 1969. Zwei Glocken (Stimmung Es und F), die für den Viertelstunden- und den Stundenschlag zuständig sind, waren schon vorhanden. Die kleinste der elf Glocken kam 1976 hinzu. Das Carillon deckt eine diatonische Tonleiter ab. Es fehlen quasi die schwarzen Tasten der Klaviatur. Bei manchen Melodien muss sich Schäpper daher Modifikationen einfallen lassen.

Natürlich wird das Carillon-Jubiläum gebührend gefeiert. Und zwar am kommenden Samstag, 10. August. Den Auftakt machen um 11 Uhr in der Stadtkirche die Turmbläser – im Verein mit den Glocken der Stadtkirche. Um 11.30 Uhr sollten im Kasinopark das Carillon und die als Bordune eingesetzten Glocken der Stadtkirche und der katholischen Kirche Peter und Paul zu hören sein.

Um 15 Uhr spielt auf dem Holzmarkt die Roggehuse Musig – quasi als «Vorgruppe» zum Jubiläumskonzert, bestritten von Carillon-Spieler Schäpper und den Turmbläsern. Uraufgeführt wird um 16 Uhr die Komposition «Carimelodram», die der Winterthurer Trompeter Claude Rippas eigens «für das Carillon des Aarauer Obertor-Turmes und die Aarauer Turmbläser mit zwei Trompeten und zwei Posaunen» geschrieben hat. Der Glöckner oben in seinem Turm-Kabäuschen, die vier Bläser unten auf dem Holzmarkt – da liegen rund 40 Meter und dicke Mauern dazwischen. Damit die Kommunikation klappt, sind eine Audio- und eine Videoverbindung erforderlich.

Die unteren Stockwerke des Obertorturms (bis zum Mauerabsatz) stammen wohl aus dem 13. Jahrhundert. Der Aufbau darüber geht auf die Zeit um 1500 zurück und entstand, als der Turm zur Hochwacht mit Feuerwächterwohnung (bis 1876) wurde. Steigt Hubert Schäpper in sein im Sommer heisses, im Winter kaltes Reich hinauf, unternimmt er also eine Reise durch die Jahrhunderte. Und nach Belgien oder Holland, wie er sagt. Dort vor allem sind Carillons wie jenes von Aarau hauptsächlich verbreitet.