Aarau
In Aarau fliegen die Fledermäuse sogar im Winter

Peter Jean-Richard betreibt ein aufwendiges Hobby. Er forscht den Fledermäusen nach und erlebt Überraschungen. Entgegen landläufiger Meinung fliegen die scheuen Tiere nämlich auch, wenn es kalt ist.

Hubert Keller
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Mit Computer und Abhörgerät: Peter Jean-Richard untersucht das Vorkommen der Fledermäuse im Telliwald auch von seinem Balkon am Girixweg aus.

Mit Computer und Abhörgerät: Peter Jean-Richard untersucht das Vorkommen der Fledermäuse im Telliwald auch von seinem Balkon am Girixweg aus.

Hubert Keller

Fledermäuse verfallen im Winter in einen Dauerschlaf und sind fast nur in der Nacht unterwegs. Das ist die allgemein gültige Vorstellung, die man von den scheuen Tieren hat. Peter Jean-Richard widerspricht: «Der Winterschlaf der Fledermäuse findet so nicht statt.» Mit seinen hochsensiblen technischen Geräten ortet er zu seiner eigenen Verwunderung einzelne Exemplare auch bei den gegenwärtig tiefen Temperaturen. Und je länger er forscht, umso bewusster wird ihm: «Man weiss über die Fledermäuse noch vieles nicht.»

Peter Jean-Richard untersucht das Vorkommen der Fledermäuse in der Region seit drei Jahren. Er hat sich vorgenommen, die Arbeit dieses Jahr abzuschliessen. Und ist sich dann doch nicht ganz sicher: «Je mehr ich herausfinde, umso grösser sind die Wissenslücken, die sich auftun.»

Mit grossem Erstaunen

Dass die Fledermäuse auch im Winter fliegen, hat er mit grossem Erstaunen festgestellt. Fledermäuse jagen Insekten in der Luft, an Pflanzen und am Boden. Und da das Nahrungsangebot in der kalten Jahreszeit gering ist, vermutet Jean-Richard, dass sie die Unterkunft wechseln, einen geschützteren Schlafplatz aufsuchen – aus einem Wohnungsangebot, das sie möglicherweise schon vorher ausgekundschaftet haben. Die Fledermäuse kann man, entgegen allgemeiner Annahme, nicht nur auch im Winter beobachten, sondern auch am Tag, noch vor der Dämmerung oder bei Regen. Und so ist Jean-Richard nicht nur im Sommer unterwegs, sondern zu jeder Jahreszeit und fast zu jeder Tages- und Nachtzeit. «Es ist fast immer etwas los.»

Die Fledermäuse orten ihre Beute mit Ultraschall. Sie zanken und rufen sich in Frequenzen, die das Hörvermögen des Menschen überfordern. Ihre Ultraschallrufe, die sich im Fall der Rauhautfledermaus im Bereich von 38 und 42 Kilohertz (kHz) bewegen, nimmt Jean-Richard auf und wertet sie mit einer speziellen Software auf dem Computer aus. Die Rufbilder werden auf dem Bildschirm abgebildet und können so den verschiedenen Arten zugeordnet werden, wobei immer auch ein Rest von Unsicherheit bleibt. «Leider ist es trotz neuster Technik nicht in jedem Fall möglich, aufgrund der Ultraschallrufe jede Art sicher zu bestimmen.» Übrigens, junge Menschen, deren Gehör noch nicht verdorben ist, hören bis 20 kHz. Und im fortgeschrittenen Alter? Maximal bis 20 kHz.

Jean-Richards Resultate zeigen, dass Fledermäuse fast im gesamten Stadtgebiet vorkommen. «Das ist erfreulich», sagt er und relativiert: «Da vor allem Zwerg-, Rauhaut- und Weissrandfledermäuse auszumachen sind, Arten, die in der Schweiz als nicht gefährdet gelten, vermisst man umso mehr solche, die bedroht sind.»

Fledermäuse fühlen sich wohl

Besonders wohl fühlen sich die Fledermäuse an der Aare, in den Auenwäldern, im Telliwald und an der Suhremündung. «In den letzten Jahren ist entlang der Aare viel für die Natur getan worden, das kommt nun den Fledermäusen zugute», stellt Jean-Richard fest. «Die Fledermäuse finden reichlich Nahrung und gute Schlafplätze.» Auch im Telli-Wald, der letztes Jahr ausgelichtet worden ist, spürt er mit seinem Aufnahmegerät Fledermäuse in grosser Zahl auf. Und da Jean-Richard in der Telli am Girixweg wohnt, kann er das Gerät auf dem Balkon seiner Wohnung aufstellen, um die Tiere zu orten. Ein sehr geeigneter Ort, um während der ganzen Nacht automatisch Rufe aufzunehmen.

Der Aufwand, der mit einer kleinen Anzahl von vier Abhörgeräten nötig ist, um die Verbreitung der Fledermäuse in einer grösseren Region zu untersuchen, ist beträchtlich. Zudem sind die klimatischen Bedingungen nicht in jeder Nacht gleich. Temperaturen, Wind und Feuchtigkeit ändern auch kurzfristig und bringen unterschiedliche Voraussetzungen für die Ultraschallerfassung mit sich.

Aufwendiges Hobby

Peter Jean-Richard betreibt mit wissenschaftlicher Akribie ein aufwendiges Hobby. Er erforscht ein Gebiet, über das man noch zu wenig weiss. Er erarbeitet eine allgemein verfügbare Datenbasis, die für Projekte herangezogen werden kann, die der Verbesserung des Lebensraumes oder dem Quartierschutz der Fledermäuse dienen. Darüber hinaus ergründet er den ökologischen Gesundheitszustand der Gartenstadt Aarau. Denn dafür sind die Federmäuse ein guter Indikator. Wo ihre Zahl und die Artenvielfalt gross sind, ist die Natur ganz allgemein gesund.

Und, wie geht es der Gartenstadt? «Gut», sagt Jean-Richard. «Die Aufwertung der Auen entlang der Aare hat der Natur gut getan.» Für ihn unerklärlich ist aber, dass zum Beispiel im Rohrerwald und am Waldrand beim Binzenhof die Fledermäuse praktisch nicht vorkommen. Liegt es an der Bewirtschaftung dieser Wälder, am Baumbestand? Auch in den viel bewunderten Spitalpark mit seinen grossen ausladenden Bäumen verirren sich die Fledermäuse selten. Auch hier hat Jean-Richard keine Erklärung und räumt ein, dass die bisherigen Resultate seiner Forschungsarbeit für einen schlüssigen Befund noch ergänzt und überprüft werden müssen. Die Arbeit geht dem pensionierten Maschineningenieur nicht aus.

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