Ist Improvisationstheater eine Rampensau-Übung? «Bis zu einem gewissen Grad schon», sagt Raphael Dobmann aus Schöftland, zusammen mit Daniel Ballmer Gründungsmitglied der Gruppe. Natürlich müsse man gerne auf der Bühne stehen, anderseits brauche es auch die Fähigkeit, auf Unerwartetes spontan zu reagieren. Denn das Publikum bestimmt mit, was auf der Bühne abgeht. «Auch wir selber fordern einander heraus, foppen einander», sagt Dobmann, der in drei Wochen 22 Jahre alt wird.

So geht Impro-Theater: «Hirschwahn» in Aktion.

So geht Impro-Theater: «Hirschwahn» in Aktion.

Seit fünf Jahren existiert die Gruppe. Sie hat ihren Ursprung in der Theatergruppe der Neuen Kantonsschule Aarau. «Das Schlüsselerlebnis war ein Impro-Workshop im KiFF, den die Impronauten aus Basel angeboten haben», sagt Dobmann. Nach den «normalen» Theaterproben hätten sie zu improvisieren angefangen. Es folgten erste Auftritte, so an Kanti-Veranstaltungen und 2011 im «Härdöpfuchäuer» in Schöftland.

Publikum weist die Richtung

Und so funktioniert das: Hirschwahn stellt die Spielenden; Raphael Dobmann als Moderator fragt das Publikum nach einem Ort, einem Gefühl, einem Gegenstand, einem Musik- oder Filmstil oder einem Thema, und los geht das fröhliche Improvisieren. Im Flösserplatz, wo die Gruppe ihr Jubiläum feierte, bittet er das Publikum um Gegenstände: eine Kappe, Taschentücher und ein Flaschenöffner kommen geflogen. Der Moderator wählt den Flaschenöffner, und an den Spielenden ist es nun, mit diesem Ding, das nicht als Flaschenöffner dienen darf, zu improvisieren. Oder er will einen Beruf und eine Farbe. Zu den Personen ist jeweils eine Konstellation gegeben: Interview, wo zuerst die Antworten kommen und der Partner die Frage geben muss.

Was macht den Reiz aus?

Was macht den Reiz dieser Art von Theater aus? Sie seien mehr als ein Schauspielerkollektiv, vielmehr eine Gruppe von Kollegen, im Moment fünf Frauen und sechs Männer zwischen 17 und 30. Einmal pro Woche treffen sie sich, auch zum Üben. «Da kommen Gesprächsfetzen heraus, die ich gehört habe am Bahnhof, Situationen aus dem Alltag», sagt Dobmann. «Du kannst scheitern, aber du weisst, die andern holen dich aus der Scheisse heraus.» Jeder Auftritt verschaffe einen Adrenalin-Kick. Und jeder Auftritt ist anders, weil das Publikum ein anderes ist: «Wir zelebrieren die Vergänglichkeit.»

Bei Hirschwahn, Kind der Neuen Kantonsschule Aarau, machen vor allem Studenten mit: Publizistik, Politologie, Medizin, Informatik, Elektroingenieur, Geschichte. Es sind aber auch ein Zimmermann dabei, eine Kindergärtnerin, eine Physiotherapeutin und ein Kantischüler. Für eine Szene braucht es zwei bis fünf Leute. Da macht es auch nichts, wenn zwei Mitglieder im Militärdienst oder einer im Ausland weilen.

Parodie auf Trash-Formate

An der Geburtstagsaufführung zeigte Hirschwahn die neuste Kreation «Gabi und die Liebe». Eine Liebesgeschichte mit Unfall und Zeitsprüngen, Krisensitzungen und einer Parodie auf Trash-Formate auf deutschen Privatsendern: Paartherapie-Show. Das Publikum hatte seine Freude an der Spiellust des Ensembles in Wort und Gestik. Gezeigt wurden Szenen, bei denen die Spielenden Sätze, die das Publikum auf Zettel geschrieben hatte, vom Boden auflasen und einbauten. Und auch der notorische Besucher, der als Ort immer wieder «Militär» auf die Bühne warf, ward endlich erhört.

«Jedes Mitglied kann seine Stärken ausspielen», sagt Dobmann. Improvisationstheater trainiere Schlagfertigkeit und Redegewandtheit. Wer nicht so schlagfertig sei, habe seine Stärken vielleicht in der Körpersprache. Man kann Hirschwahn in einer Viererformation auch für Firmenanlässe oder Geburtstage buchen. «Hochzeiten wären auch lustig», meint Dobmann. Davon leben wollen? «Eher nicht», sagt Dobmann: «Das soll ein Ausgleich sein.