Man könnte es für Kunst halten. Das grosse Betongebilde steht seit gestern Morgen an der Aare, zwischen Kettenbrücke und dem Restaurant «Summertime». Ein Schwertransport hat es angeliefert, direkt von der Firma Rothpletz, Lienhard + Cie AG in der Wöschnau. Aber mit Kunst hat der Betonklotz wenig zu tun. Höchstens mit Handwerkskunst: Es handelt sich
dabei nämlich um ein sogenanntes «Mockup», ein Test-Objekt für die neue Aarebrücke Pont Neuf.

Getestet wird zweierlei: die Bautechnik und die Optik. Der Betonklotz hat deshalb eine sehr eigentümliche Form – in ihr sind sämtliche komplexen Winkel, Kurven und Windungen der künftigen Brücke vereinigt. «Das Testobjekt zeigt alle Schwierigkeiten der Brückenkonstruktion auf», erklärt Roberto Scappaticci, Projektleiter beim kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). «Was so einfach aussieht, ist das Ergebnis tagelanger Arbeit und vieler Versuche. Das Holz für die Verschalung optimal zu krümmen, war zum Beispiel nicht einfach.» Dass man nun Genaueres über das Bauverfahren wisse, helfe beim Submissionsverfahren, erklärt er weiter.

Kein Kratzer im Porsche

Die technischen Tests sind also quasi abgeschlossen. Nun geht es um das Erscheinungsbild. Am Betonklotz wird – gut sichtbar – getestet, wie sich verschiedene Gestaltungsweisen, Materialien und Oberflächenbehandlungen mit der Zeit verändern. Deshalb steht das Testobjekt auch nicht einfach irgendwo, sondern direkt an der Aare, wo es «den Launen der Natur bewusst ausgesetzt ist», wie Thomas Pfister, Leiter Tiefbau der Stadt Aarau, erklärt. Hier gibt es Feuchtigkeit, Abgase, Menschen. Also alles, was sich später auch am Pont Neuf zu schaffen machen wird. «Wir wollen wissen, wie sich der Beton mit der Zeit verändert und verfärbt», führt Scappaticci aus. «Schliesslich haben wir einen Projektwettbewerb durchgeführt, weil wir eine schöne Brücke wollen. Und man kauft ja auch keinen Porsche mit einem Riesenkratzer, sondern mit einem schönen Lack.»

Wer direkt vor dem Betonklotz steht, erkennt die verschiedenen Oberflächen auf der dem Fussweg zugewandten Seite. Unten am Sockel ist die leicht gelbliche, mergelartige Farbe zu sehen, die man an der fertigen Brücke gerne haben würde. Weiter oben ist der Beton mit verschiedenen Applikationen behandelt – ein Beton-Schutzfilm gegen das Wasser und einer gegen Graffiti. Mit der Zeit werden sich hier Moose, Flechten und Algen ansetzen. Auch die Fugen der Holzschalungen verlaufen auf der einen Seite versetzt, auf der anderen direkt untereinander. Was besser aussieht, ist wohl Geschmackssache.

Wann wird gebaut?

Das Testobjekt wird jetzt für einige Jahre an der Aare stehen – bis der Pont Neuf fertig gebaut ist. Wie lange das dauert, ist ungewiss. Denn Einsprachen blockieren das Bauprojekt, das im November 2015 öffentlich auflag. Von den ursprünglich sechs Einsprachen wurden zwei zurückgezogen, nachdem der Kanton und die Einsprecher Einigungen erzielen konnten. Bleiben vier. Die Verhandlungen laufen noch. «Wir haben dank kleineren Projektoptimierungen einen gewissen Konsens gefunden», sagt Roberto Scappaticci. Wohin das führt, ist derzeit noch unklar. Ein Einsprecher hat ein Gutachten der Natur- und Heimatschutzkommission angefordert. Das liege mittlerweile vor und sei mit dem Einsprecher auch schon besprochen worden, so Scappaticci.

Eigentlich hätte man in diesem Jahr mit dem Bau beginnen wollen. Heute ist klar: Selbst wenn die Baubewilligung demnächst rechtskräftig würde, gebaut wird frühestens Mitte 2019. Denn der Kanton hat die einsprachebedingte Zwangspause genutzt und beim Bund erneut Geld aus dem Agglomerationsprogramm «AareLand» (3. Generation) beantragt. Den Zustupf von 10 Mio. Franken gäbe es, wenn sich der Bund von den geplanten Aufwertungen für den Fuss- und Veloverkehr überzeugen liesse. Entschieden wird 2018 – und so lange will man mit dem Baubeginn zuwarten. Das Bundesgeld wäre mehr als willkommen – der Pont Neuf kostet rund 33 Mio. Franken, die sich Kanton und Stadt im Verhältnis 70 zu 30 teilen.