Die Zahl der Welse im Hallwilersee ist «explosionsartig gestiegen». Das berichten Fischer vom Hallwilersee. Gemäss einem Mitarbeiter der Fischerei des Seehotels Delphin sind dort jede Woche bis zu acht Welse in den Netzen – und dies nur als Beifang, denn das Seehotel fischt nicht in Ufernähe, also dort, wo der Wels sich normalerweise aufhält.

Ein grosses Problem ist der Wels bereits im zehn Kilometer entfernten Sempachersee: «Monsterwels-Plage im Sempachersee» – so lautete im April eine Schlagzeile der Gratiszeitung «20 Minuten». Und das Radio SRF berichtete, der Wels werde dort laut Fischern zunehmend zu einer Belastung.

Er kann ein Netz aufreissen

Der Wels ist ein Raubfisch, der den Fischern den Fang wegfrisst. Manchmal vermag er sogar die Netze aufzureissen. Im Seehotel Delphin am Hallwilersee sagt der Chef der Fischerei, Ernst Fischer, man habe dieses Jahr bereits weniger Brachsen, Rotaugen oder Karpfen gefangen.

Dass solche Fischbestände zurückgehen, müsse aber nicht unbedingt mit einer Zunahme der Welse zusammenhängen. «Die Zahlen sind bis jetzt zu wenig aussagekräftig», sagt er vorsichtig. Dennoch: Nehmen die Fischbestände weiterhin ab, habe seine Fischerei ein Problem.

Der Wels ist der grösste Süsswasserfisch in Europa, ein- bis eineinhalb Meter lang und 10 bis 50 Kilogramm schwer. Es gibt sogar Berichte von Exemplaren mit einer Länge von drei Metern und einem Gewicht von 150 Kilogramm. Auf dem Teller gibt der Fisch also selbst was her. Ernst Fischer sagt: «Wenn wir viele Welse fangen, tun wie sie auch mal aufs Menü.» Doch auf dem Markt ist der Wels nicht begehrt.

Der Wels ist nicht wählerisch: Er frisst jeweils von jenen Fischen, die es im See am meisten gibt. In Sachsen-Anhalt wurde letztes Wochenende ein Wels gefangen, der ein Leichenteil gefressen hatte.

Fischbestand wird sich einpendeln

Trotz der vielen Fänge von Welsen: Eine Wels-Plage im Hallwilersee sieht Ernst Fischer noch nicht. Ähnlich sieht dies auch Berufsfischer Richard Stadelmann: Für ihn ist die Zunahme der Welse im See unproblematisch. Bezüglich der anderen Fischbestände habe er eher eine Zunahme beobachtet, etwa von Egli, Felchen oder Forellen. «Ich denke, dass sich das Verhältnis der Fischbestände im See natürlich einpendeln wird», sagt er. Wenn es viele Fische zu essen gebe, gebe es auch mehr Welse. Und wenn dem Raubfisch das Futter ausgehen sollte, dann werde auch die Zahl der Welse sinken. «Im Neuenburgersee zum Beispiel ist die Fischpopulation samt Welsen ausgewogen.»

Berufsfischer Richard Stadelmann findet, der Wels werde derzeit von Freianglern als Grund benützt, um ein altes Anliegen durchzubringen: die Aufhebung des Nachtangelverbots für Freizeitfischer.

Nach den Schlagzeilen über die Welse im Sempachersee hat der dortige Fischereiverband letzte Woche formell die Aufhebung des Nachtangelverbots gefordert. Gemäss Philipp Amrein, Leiter Fachbereich Jagd und Fischerei beim Kanton Luzern, werde die Anfrage nun geprüft. 2013 sind im Sempachersee rund 300 Kilogramm Welse gefischt worden, 2015 waren es 1200 Kilogramm.

Von 6 auf 79 Welse im Jahr

Im Kanton Aargau sehen die Zahlen ähnlich aus: Bis 2013 wurden noch zwischen 6 und 13 Welse aus dem Hallwilersee gefischt, ab 2014 stieg die Zahl auf 64 bis 79.

Der massive Anstieg der Fangzahlen ist aber nicht repräsentativ für das Wels-Vorkommen im Hallwilersee. Denn gemäss David Bittner von der Sektion Jagd und Fischerei des Kantons Aargau hat ein Berufsfischer im Hallwilersee gezielt nach Welsen gefischt. Gemeint ist der seit Anfang Jahr pensionierte Berufsfischer Heinz Weber. Dieser bestätigt die Aussage Bittners. «2014 begannen wir, gezielt nach Welsen zu fischen. Wir machten damit auch ein, zwei Fischessen. Der Wels kam aber nicht so gut an», sagt Weber. Ende 2015 hätten sie die gezielten Welsfänge deshalb wieder eingestellt.

Wels findet mehr Nahrung

Dennoch nimmt der Welsbestand laut Bittner von der Sektion Jagd und Fischerei seit Jahrzehnten in allen Aargauer Gewässern zu. Eine akute Bedrohung sei dies aber nicht, für den Kanton bestehe deshalb auch kein Handlungsbedarf. Und neu ist der Wels im Hallwilersee nicht: An alten Pfahlbauten habe man zum Beispiel Welsknochen gefunden und Überreste grosser Speere, die auf alte Jagdmethoden auf grosse Fische wie eben Welse zurückzuführen sind. Man vermutet deshalb, dass der Wels seit «ein paar tausend Jahren» dort heimisch ist.

Was sich gemäss David Bittner hingegen sicher geändert habe, sei die Umwelt: Im Hallwilersee findet der Wels heute etwa genug Laich und sonstige Nahrung. Und der trotz Verbesserung nach wie vor eher tiefe Sauerstoffgehalt des Hallwilersees ist für den Wels ein Vorteil: Im Gegensatz zu anderen Fischen kommt der Wels gut mit wenig Sauerstoff aus.