Aarau
Immer mehr Asylsuchende auf der Zurlindeninsel: Das Ungleichgewicht sorgt für Unbehagen

Viele Asylsuchende halten sich bei schönem Wetter wegen fehlender Beschäftigung auf der Zurlindeninsel in Aarau auf. Manche Aarauer fühlen sich neben den Männergruppen nicht wohl. Welche Massnahmen will die Regierung ergreifen?

Katja Schlegel, Henrik Furrer und Sabine Kuster
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Die Asylbewerber geniessen die Zurlindeninsel wie alle. Doch nun fühlen sich die Aarauer hier nicht mehr wohl. Henrik Fu

Die Asylbewerber geniessen die Zurlindeninsel wie alle. Doch nun fühlen sich die Aarauer hier nicht mehr wohl. Henrik Fu

Henrik Furrer

Die Sonne lockt und die Menschen kommen aus den Löchern, wie in jedem Frühling. Man setzt sich ins Gras, zum Beispiel an der Aare, vielleicht ein Bierchen in der Hand, die Kollegen mit dabei, die Stimmung ist ausgelassen. Das gefällt allen. Auch den jungen Asylbewerbern. Ein beliebter Treffpunkt in Aarau ist die Zurlindeninsel unterhalb der Kettenbrücke: ein paar Bänklein, Rundumblick aufs Wasser. Hier sitzen die jungen Männer seit einiger Zeit zu Dutzenden.

Am Donnerstagabend vergangene Woche sind dort Asylbewerber mit dem Messer aufeinander losgegangen. Vermutlich zu viel Bier, zu viel Sonne, zu viel Testosteron und ein böses Wort zu viel. Seither macht die Polizei mehr Kontrollen. Das verändert die Insel.

Die Familien bleiben aus

Bisher war die Zurlindeninsel ein beliebter Treffpunkt für alle. Hier sitzt man mit der Gitarre, spielt Kubb oder Bumerang, lässt die Kinder krabbeln und spannt die Slackline zwischen den Bäumen. Hier wurde auch schon immer getrunken und gekifft. Das ist nichts Neues. Aber in diesem Frühling ist es anders: Die Familien fehlen. Warum? Eine Frau aus Aarau, die mit Kinderwagen die Insel quert, sagt: «Ich ging früher immer gern mit meinem Kind auf die Zurlindeninsel. Heute, wo es so viele Asylbewerber dort hat, traue ich mich nicht mehr.» Eine ältere Frau findet: «Man sieht die Asylbewerber in letzter Zeit immer häufiger auf der Zurlindeninsel.

Sie trinken Bier und sind relativ laut. Aber mich stört das nicht, die haben halt eine andere Mentalität als wir.» Und ein Mitarbeiter des Stadtbauamtes, der einen Kübel leert, sagt: «Es sind häufig Asylbewerber hier am Bier trinken, vor allem am Wochenende. Sie lassen oftmals ihren Abfall liegen, deshalb haben wir unsere Reinigungstour am Wochenende auf die Zurlindeninsel ausgeweitet.»

Kommentar: An der Aare wollen sich alle wohlfühlen

Den Kommentar zum Thema lesen Sie hier

Ob man die Asylsuchenden unheimlich findet oder nicht – man lässt sie in Ruhe und gesellt sich nicht zu ihnen. Wer will es ihnen verübeln, dass sie sich diesen schönen Platz ausgesucht haben? Aber man spaziert oder pedalt an ihnen vorbei. Ohne fassbaren Grund, vielen ist es einfach nicht wohl bei diesen vielen Männern, deren Gespräche man nicht versteht.

Kein Recht wegzuweisen

Das Nebeneinander ist auf der Zurlindeninsel ins Ungleichgewicht geraten. Wie reagiert die Stadt darauf? «Wir können niemandem verbieten, sich aufzuhalten, wo er möchte. Das ist ihr Recht», sagt SVP-Stadträtin Regina Jäggi, zuständig für die öffentliche Sicherheit. «Es gibt immer wieder solche Plätze, an denen sich eine Bevölkerungsgruppe versammelt. Plötzlich ändert es wieder und sie suchen sich einen neuen Ort.» Bislang sei aus der Bevölkerung auch noch keine Beschwerde betreffend die Zurlindeninsel an sie herangetragen worden. Auch im Stadtrat habe man das Thema «Zurlindeninsel» noch nicht besprochen, so Jäggi, sie werde es aber zur Diskussion bringen.

Stadt sind die Hände gebunden

Jäggi versteht beide Seiten: «Diese jungen Männer sitzen an einem schönen Ort in der Sonne und tun damit das, was wir alle gerne tun. Gleichzeitig ist es natürlich unschön, wenn sich andere unwohl fühlen und sie einen Raum deshalb nicht mehr nutzen.» Aber der Stadt seien die Hände gebunden, das Gleichgewicht müsse sich von selbst wieder herstellen. «Wir können nicht vorschreiben, wie viele Asylsuchende sich wo aufhalten sollen.» Erst recht nicht kann die Stadt ein generelles Rayonverbot aussprechen. «Rayonverbote können wir nur gegen Einzelpersonen verhängen, die sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht haben.» Solange sich Asylsuchende anständig verhielten, könne die Stadt sie nicht wegschicken, sagt Jäggi und fügt an, dass es längst nicht nur Asylsuchende seien, die auf der Zurlindeninsel für Probleme sorgen: «Wir haben auch Schweizer, die da Tumult machen.» Eine Besserung der Zustände sieht Jäggi in der Beschäftigung der jungen Asylsuchenden. Denn das Hauptproblem sei die Langeweile: «Sie brauchen eine Beschäftigung, eine Aufgabe.» Diesbezüglich arbeite die Stadt unter Hochdruck an einem Angebot. Noch will Jäggi dazu nichts sagen, nur so viel: «Es ist etwas in der Pipeline.»

Die Kantonspolizei bestätigt, dass sich auf der Zurlindeninsel vermehrt Asylbewerber aufhalten. Doch auch Mediensprecher Roland Pfister sagt: «Wir können ihnen nicht vorschreiben, wo sie sich aufhalten. Wegweisungen machen wir nur, wenn sich jemand auffällig verhält.» Zur Frage, ob die Zurlindeninsel nun weniger sicher sei, sagt er: «Übergriffe auf Passanten haben wir keine.»

«Hier stören wir niemanden»

Es bleibt also das diffuse Gefühl. Am Bahnhofplatz in Aarau hat man sich an die Asylbewerber gewöhnt, die oft herumstehen und das Gratis-WLAN nutzen. Warum sind nun viele auf der Zurlindeninsel? Bei einer Nachfrage vor Ort gestern Nachmittag trifft der Reporter zuerst nur auf zwei Asylbewerber, die auf einer Bank sitzen und Deutsch lernen. Kein unheimliches Bild. Dann betreten zwei Asylbewerber aus Gambia die Insel. Einer spricht etwas Englisch und sagt: «Wir kommen gerne hier her, weil es ein schöner Platz ist. Wir wollen nicht in der Stadt sitzen und Bier trinken aus Respekt gegenüber den Anwohnern.» Sie sind zum Schluss gekommen: «Hier haben wir Ruhe und stören niemanden.»

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