Aarau

Im Zentrum der Aarauer Neujahrsblätter 2016 steht das neue Stadtmuseum

Alt und Neu vereint: Das Aarauer Stadtmuseum spiegelt sich in der Fassade des Kultur- und Kongresshauses – und in den Aarauer Neujahrsblättern 2016

Alt und Neu vereint: Das Aarauer Stadtmuseum spiegelt sich in der Fassade des Kultur- und Kongresshauses – und in den Aarauer Neujahrsblättern 2016

Die Neujahrsblätter der Stadt Aarau gelten als wahre Schatztruhe. Die 90. Ausgabe lenkt nun den Blick auf eine Institution, für die das ebenfalls gilt: das Stadtmuseum. Dort fand auch die Vernissage statt.

«Eine kalte Person, eine Frau, die sich ihres Standes bewusst ist.» – Besonders schmeichelhaft fiel das Urteil der Vernissage-Besucher über Salomé von Wattenwyl-Rothpletz nicht aus. Daniel Sidler hatte sie aufgefordert, das Porträt der Aarauerin, das in der neuen Dauerausstellung des Stadtmuseums hängt, zu interpretieren. Sidler beschäftigt sich in seinem Neujahrsblätter-Beitrag «Frauen von Geist. Zwei Aarauerinnen in Bern im Zeitalter der Aufklärung» mit den Töchtern des Seidenbandfabrikanten Abraham Rothpletz, Salomé und Elisabeth, die beide um die Mitte des 18. Jahrhunderts in die Berner Haute Volée einheirateten.

Der Historiker Daniel Sidler betrachtet die beiden durch die Brille von Julie Bondeli (1732–1778), einer der schillerndsten Intellektuellen ihrer Zeit. Bondeli führte in Bern einen Salon nach französischem Vorbild, in dem geistreiche Konversationen geführt wurden. Salomé von Wattenwyl und Elisabeth Steiger-Rothpletz verkehrten in diesen Kreisen. In ihrer Korrespondenz urteilt Bondeli vorteilhafter über Salomé als über ihre Schwester: Salomé sei eine philosophische Frau und «eine der liebenswürdigsten Frauen, die ich kenne». Der positive Eindruck werde nur gemindert durch die Gefühlskälte, die sie auf den ersten Blick ausstrahle. – Ganz so falsch hatten die Vernissage-Besucher das vom Basler Emanuel Handmann gemalte Porträt demnach nicht interpretiert.

«Wie Alice im Wunderland»

Das neue Stadtmuseum ist das Schwerpunktthema der Neujahrsblätter 2016. Mehrere Beiträge, verfasst unter anderem von Stadtrat Hanspeter Hilfiker, dem kantonalen Denkmalpfleger Reto Nussbaumer und Museumsleiterin Kaba Rössler, sind dem Neubau und dem alten Schlössli-Turm, gewidmet – dem Abschied vom alten Wohnmuseum und der neuen Dauerausstellung «100 x Aarau». «Wenn man von den neuen in die alten Räume wechselt», schreibt dazu der Architekt Martin Steinmann, «kommt man sich vor wie Alice im Wunderland, die durch den Spiegel in eine fremde Welt tritt.»

In der von Martin Tschannen, dem Leiter der Redaktionskommission, moderierten Gesprächsrunde äusserte sich Stadtpräsidentin Jolanda Urech rundum zufrieden: Heute, etwas mehr als 200 Tage nach der Eröffnung des neuen Museums, könne festgestellt werden, dass das gesteckte Ziel erreicht worden sei. Das Stadtmuseum sei nicht nur ein Erinnerungsspeicher, sondern auch ein Ort, der sich mit Gegenwart und Zukunft befasse, was auch architektonisch zum Ausdruck komme.

18 000 Besucher in 6 Monaten

«Schöne Architektur», sagte Museumsleiterin Kaba Rössler, «ist nur gut, wenn sie auch funktioniert – und das tut sie.» Rund 18 000 Personen besuchten das Museum in den ersten sechs Monaten – eine stolze Bilanz, wenn man weiss, dass man 10 000 Besucher pro Jahr budgetiert hatte. Etwas ist der Museumsleiterin freilich aufgefallen: Das grosse Volumen des Museums erfordert sehr viel Unterhalt. Sprich: Abstriche bei den Ressourcen kämen höchst ungelegen. Stadtpräsidentin Jolanda Urech hielt dazu bloss fest, die Ressourcen seien von der Stadt zum Start definiert worden.

Genau gezeichnete Porträts

Im zweiten Teil der Aarauer Neujahrsblätter 2016 finden sich auch mehrere Beiträge, die in keinem Zusammenhang stehen mit der Eröffnung des neuen Stadtmuseums. Darunter ist eine sehr fakten- und aufschlussreiche Kurzbiografie des jüdischen Flüchtlings Fritz Kerr, der ursprünglich Kohn hiess und ab 1933 mehrmals als Trainer beim FC Aarau anheuerte. Hermann Rauber durfte bei seinen Recherchen auf das private Archiv der Tochter, Katharina Kerr, zurückgreifen.

Der frühere Stadtarchivar Martin Pestalozzi steuert unter anderem ein knapp gehaltenes, äusserst genau gezeichnetes Porträt des im April im Alter von 81 Jahren verstorbenen Gerhard Ammann bei. Der Naturschützer aus Berufung war während vieler Jahre Redaktionsmitglied der Neujahrsblätter und hat für sie auch zahlreiche Artikel verfasst. Eine wichtige Frucht seines dauernden Einsatzes für den Naturschutz ist der Auenschutzartikel in der Aargauer Verfassung. Weitere Beiträge befassen sich beispielsweise mit der Stadtmusik, dem Aarauer Wald oder der Filmregisseurin Sabine Boss. Der Jurist Andreas Baumann beleuchtet die, wie er schreibt, halbautonome Stellung der Stadt Aarau unter bernischer Herrschaft.

Aarauer Neujahrsblätter 2016,
herausgegeben von der Ortsbürgergemeinde Aarau, 90. Jahr; Hier und jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, ISBN 978-3-03919-374-5,
erhältlich in Buchhandlungen sowie im
Aarauer Rathaus (Stadtbüro)

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