Küttigen
Im Winter heizt René Mark mit Eis

Die Palette alternativer Heizmethoden wird zusehends breiter und bunter. Wer sein Haus über eine Wärmepumpe heizen möchte, benützt neu besser keine Erdsonde, sondern einen Eisspeicher.

Daniel Vizentini
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René Mark zeigt den Eisspeichertank, der nun unter der Erde liegt.dvi

René Mark zeigt den Eisspeichertank, der nun unter der Erde liegt.dvi

Mitte November, wenn die Tage wieder kurz werden und die Temperaturen sinken, ziehen Muriel und René Mark mit ihren beiden Kindern von Zürich nach Küttigen in ein neu gebautes Einfamilienhaus. Für die anbrechende kalte Jahreszeit sind sie gewappnet: Eine Eisspeicherheizung soll für warme Temperaturen in ihrem neuen Zuhause sorgen.

«Wir wollten eine möglichst umweltschonende Heizform bei uns umsetzen», sagt René Mark. Gedacht hatte er an eine Wärmepumpe samt Erdsonde. Wegen des Grundwasserschutzes durfte diese aber nicht auf dem Gelände errichtet werden, auf dem das Haus heute steht. Von der Baufirma kam dann die Idee: Statt der Erdwärme sollte ein unterirdischer Eisspeicher fürs Heizen gebraucht werden.

Das Prinzip ist einfach

Heizen mit Eis – das tönt widersprüchlich. Das Prinzip ist jedoch simpel: Für das Heizen oder Kühlen des Hauses stehen zwei Energiequellen zur Verfügung. Eine Quelle liegt unter der Erde: der sogenannte Eisspeicher. Dabei handelt es sich um einen Wassertank aus Beton, der einer Regenwasserzisterne ähnelt. Die zweite Quelle – ein Solar-Luft-Kollektor – liegt auf dem Dach des Hauses. Im Keller stehen eine Wärmepumpe und ein Warmwasser-Speichertank. Ein Sensor entscheidet, aus welcher Quelle die Wärmepumpe die Energie bezieht, um das Haus im Winter aufzuheizen. Ist die Temperatur auf dem Dach wärmer als null Grad, wird die Heizenergie aus dem Solar-Luft-Kollektor entnommen.

An sehr kalten Tagen wird der Wassertank unter der Erde als Energiequelle benützt. Die Wärme des dort gelagerten Wassers wird entzogen, bis es vereist. Dann wird zusätzlich Kristallisationsenergie gewonnen. «Wird null Grad kaltes Wasser zu Eis, wird die gleiche Menge Energie frei, wie wenn man Wasser von 80 Grad auf null abkühlt», sagt Markus Baumann, Vertriebs- und Projektingenieur der Firma Viessmann, die das Heizsystem im Haus der Familie Mark in Küttigen geliefert hat. Bei Temperaturen über null Grad tauen die Erdwärme und die Energie aus den Sonnen-Luft-Kollektoren das Eis im unterirdischen Speicher wieder auf.

Engpass bei Kälteperioden

Nach einer langen und sehr intensiven Kälteperiode kann es sein, dass weder vom Sonne-Luft-Kollektor noch vom Wassertank Energie bezogen werden kann. «Wenn es während dreier bis vier Wochen stets unter minus 10 Grad kalt ist, kann ein solcher Engpass auftreten», sagt Markus Baumann. Dann kann auf das Stromnetz zurückgegriffen werden. In kälteren Ortschaften – zum Beispiel in St. Moritz – müsste einfach ein grösserer Eisspeicher gebaut werden. Derjenige im Haus der Familie Mark umfasst zehn Kubikmeter Wasser.

Küttigen ist erst die zweite Ortschaft in der Schweiz, in der eine vorgefertigte Eisspeicherheizung in Betrieb genommen worden ist. In Deutschland ist die neue Technologie bereits mehr verbreitet. Das Stadtarchiv in Stuttgart wird zum Beispiel mit einer Eisspeicherheizung geheizt. «Wir gehen davon aus, dass die Kunden vermehrt auf den Eisspeicher statt auf die Erdsonde als Heizenergiequelle setzen werden», sagt Markus Baumann. «Es kostet gleich viel, die Leistung ist gleich hoch oder gar besser und es birgt weniger Risiken. Ich kann wirklich keine Nachteile nennen.» Interessant sei die Technologie auch für grosse Gewerbe- und Bürogebäude. «Die Abwärme, die zum Beispiel beim Kühlen der Computerserver entsteht, kann fürs Auftauen des Eisspeichers genutzt und dort gesammelt werden», sagt Markus Baumann.