Aarau
Im Stadtmuseum wird straflos über Demokratie diskutiert

Mit fremdsprachigen Führungen wurde der Inhalt der Sonderausstellung vermittelt

Isabelle Schwab
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Bekhal Barzingi vermittelt auf einer Führung auf Kurdisch Stadtmuseumsbesuchern Hintergründe zur Schweizer Demokratie. ISS

Bekhal Barzingi vermittelt auf einer Führung auf Kurdisch Stadtmuseumsbesuchern Hintergründe zur Schweizer Demokratie. ISS

Isabelle Schwab

Es ist ungewöhnlich laut im Stadtmuseum Aarau. Fleissig wird diskutiert, auf Kurdisch, Arabisch, Tibetisch oder Urdu. Denn heute werden die Führungen durch die Ausstellung «Demokratie!» in Sprachen aus jeder Ecke der Welt geführt. Der Tumult im Foyer zeigt: In jedem Land wird anders über Demokratie geredet und anders damit umgegangen.

Weg von der Diktatur

«Ich war 10 Jahre im Gefängnis, nur weil ich das Wort ‹Demokratie› benutzt habe», erzählt etwa ein älterer Mann, während der Führung auf Arabisch. Er stellt immer wieder Fragen zu den Ausstellungsobjekten und hat sichtlich Freude, mit seinen Mitmenschen zu diskutieren. In Syrien, war ihm dies verwehrt geblieben.

Auch dem Iraki Fatah Kaled bedeutet Demokratie sehr viel: «Ich bin in die Schweiz gekommen, weil ich gehört habe, dass die Demokratie hier gut funktioniert», erzählt er. Dann fügt er etwas an, doch Salma Barzingi, die Tochter der Führerin, die für ihn übersetzt, hat es nicht richtig verstanden. «Ich kann nicht so gut Kurdisch», entschuldigt sich die 15-Jährige, bevor sie noch einmal nachfragt. Sofort bringen sich drei junge Männer in das Gespräch ein. Mit Händen und Füssen versuchen sie ihr zu erklären, was Kaled zu sagen versuchte. Nach einigem hin und her versteht Barzingi: «Er wollte weg von der Diktatur. Das war das Wichtigste für ihn.» Die Aussage stösst auf viel Zustimmung unter den Anwesenden. Und so wiederholt Barzingi für einen der Männer langsam: «Weg – von – der – Diktatur.» Ihr Gegenüber wiederholt es zaghaft und lächelt dann stolz.

«Dimuqratia», Demokratie, und «Alddiktaturia», Diktatur, sind Wörter, die in den Diskussionen zwischen den Besuchern immer wieder fallen. «Ich selbst mache mir nicht allzu viele Gedanken über Demokratie», sagt Barzingi. Sie sei in der Schweiz geboren und hat seit sie ein kleines Kind ist den Schweizer Pass. Ihre Wurzeln habe sie ganz klar in der Schweiz. «Ich weiss, dass man in Kurdistan nicht leben kann. Manchmal bekommt man monatelang keinen Lohn, oder wird für das was man sagt verhaftet. Hier in der Schweiz darf ich sein, wie ich bin und muss mir keine Gedanken über das machen, was ich sage.»

Guides dürfen wiederkommen

Die fremdsprachigen Führungen sind am Sonntag auf grossen Anklang gestossen. Innerhalb von zwei Stunden hatten bereits 300 Menschen die Ausstellung besucht. Besonders viel Interesse bestand an den tamilischen Führungen, doch auch die kurdischen und arabischen waren sehr gut besucht. So gut sogar, dass eine weitere ausserplanmässige kurdische Führung durchgeführt wurde. «Wir wollten Sprachbarrieren abbauen», sagt Marc Griesshammer, der Kurator der Ausstellung, «und Demokratie nicht nur als politisches System, sondern auch als Gesellschaftssystem thematisieren.» «Die Hemmschwelle ist so kleiner, über diese Dinge mit zu diskutieren», ergänzt Flavia Muscionico, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Stadtmuseums. «Die Ausstellung soll auch dazu anregen.»

Integrationsarbeit im Museum

Die vielen Diskussionskreise und Gespräche geben den beiden in ihrem Vorhaben recht. Zwischenzeitlich wurde es auch eng im Museum. Für jene, die zu kurz gekommen sind, gibt es aber eine Lösung: «Die Guides, die heute die Führungen machen dürfen jederzeit wieder eine Führung im Museum durchführen», sagt Flavia Muscionico. So könnten die fremdsprachigen Führungen zu einer langfristigen Institution werden. Denn die halbe Stunde, die eine hätte dauern sollen, reichte in den wenigsten Fällen. Die Besucher wünschten sich mehr Zeit, um Fragen zu stellen.

«Wann immer möglich versuchen wir das natürlich zu ermöglichen», sagt Marc Griesshammer. Er ist zufrieden und fühlt sich in seinem Schaffen bestätigt. «Es zeigt auch, dass ein Ort wie das Museum die Menschen zur Teilnahme an der Gesellschaft animieren kann.» Bei so vielen Besuchern stehe man nun aber vor einer logistischen Herausforderung. «Für den Nachmittag hat sich noch eine Tibetisch- und auch eine Tamilischschule angemeldet.»

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