Aarau
Im Sevilla geht nach 40 Jahren eine Ära zu Ende

Die Wirtsleute René und Annalis Dätwiler-Maurer hören nach dem Maienzug im Restaurant an der Kirchgasse auf.

Hermann Rauber
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René und Annalis Dätwiler hören nach mehr als vier Jahrzehnten im Sevilla auf.

René und Annalis Dätwiler hören nach mehr als vier Jahrzehnten im Sevilla auf.

Toni Widmer

Es ist ein historischer Wechsel im Restaurant Sevilla an der Aarauer Kirchgasse: Die Liegenschaft samt dem urtümlichen Lokal wird von Architekt Beat Geser übernommen. Damit geht nach mehr als vier Jahrzehnten im Sommer die Ära der Wirtsleute René und Annalis Dätwiler-Maurer zu Ende. Der Charakter der originellen Altstadtbeiz soll laut dem neuen Besitzer aber «nicht verändert werden».
Das «Sevilla» ist die letzte von ursprünglich drei spanischen Weinhallen in Aarau, die alle im 19. Jahrhundert entstanden sind. Im stattlichen Haus aus dem 17. Jahrhundert an der Kirchgasse 4 führte ehedem die Spanierin Rosalia Masabeu-Elias das Zepter, später die Familie von Ernst Maurer. 1973 übernahmen René und Annalis Dätwiler-Maurer die Wirtschaft und setzten damit die Familientradition fort. Das «Sevilla» ist vom Cachet her eine der ältesten noch existierenden Beizen in der Kantonshauptstadt. Es war inmitten von aus dem Boden schiessenden neuen Etablissements wie ein gallisches Dorf, das gegen jede Modeströmung immun blieb - eine verlässliche Oase, in der sich mindestens äusserlich seit Menschengedenken nichts verändert hat.
Schmelztiegel der Gesellschaft
Das «Sevilla» ist aber auch ein Schmelztiegel der besonderen Art, ein gesellschaftlicher Hafen für eine ganz unterschiedliche Kundschaft, die vom Büezer bis zum Regierungsrat reichen kann. Die Vielfalt der Stammgäste gehorchte dem gleichen Gesetz wie beispielsweise im ehemaligen «Affenkasten», nämlich «Oberi und Underi, Gwöhnlichi und Bsundrigi». Zusammengehalten wurde diese spezielle Mischung in all den Jahren durch das Wirtepaar, das vielen Besucherinnen und Besuchern freundschaftlich verbunden war. Das galt auch für den Maler Werner Holenstein, der 1957 in einer einzigen Nacht im «Sevilla» ein Bild an die Wand zauberte, das heute noch zu sehen ist.
Bei aller Nostalgie war leider abzusehen, dass sich die Ära Dätwiler-Maurer aus Alters- und Gesundheitsgründen zu Ende neigt. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich nicht einfach, René Dätwiler erklärte bereits vor fünf Jahren in der AZ, dass «zwar Interessenten vorhanden sind», eine Übergabe an «irgendjemanden» aber nicht in Frage komme.
Nun ist Dätwiler in der Person des Aarauer Architekten Beat Geser offensichtlich fündig geworden. Geser hat reichlich Erfahrung im baulichen Umgang mit Altliegenschaften und betont, dass er «das einmalige Ambiente» im «Sevilla» beibehalten will. Nötig seien einzig kleinere Investitionen, wie sie vom kantonalen Lebensmittelinspektorat für die Infrastruktur im Gastgewerbe vorgegeben werden. Die «Besitzstandsgarantie» gilt auch für den Einlegerverein und die diversen Stammtische im «Sevilla».
Noch kein neuer Pächter
René und Annalis Dätwiler werden am Samstag nach dem Aarauer Maienzug anfangs Juli ihre geliebte Wirkungsstätte endgültig verlassen. Die nötigen Bauarbeiten dürften in die Zeit der Sommerferien fallen. Wer danach das Lokal führen wird, ist laut Beat Geser «noch offen».

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