Der Teppich, der in den vergangenen 125 Jahren gewoben worden sei, habe nicht nur bunte, schöne, dicke Fäden, sondern auch Löcher, dunkle Flecken und Knoten, sagte Urban Zehnder. Das Bild, mit dem der Festredner die wechselvolle Geschichte der Stiftung Schloss Biberstein veranschaulichte, führte plastisch vor Augen, wie viel Mühe es über viele Jahrzehnte brauchte, bis die im Schloss wohnenden und arbeitenden Menschen mit Behinderung Akzeptanz, Normalität und Integration erfahren durften. Andreas Zehnder ist ein profunder Kenner der Geschichte der Stiftung, weil er, wie er sagte, während seiner Zeit als Ausbildungsleiter immer auch zu den alten Schriften und Bildern geschaut habe, die jetzt im Staatsarchiv gut aufbewahrt sind.

Bevor die Sonne den Schlossbewohnern am Freitagabend doch noch schien, entlud Petrus noch einmal seine Schleusen, und zwar zünftig. Den Apéro genoss man im Schutz der Zelte im Schlosshof, wo Stiftungsratspräsident Kurt Vogt und Geschäftsführer die Gäste begrüssten.

Ein Grappa zum Träumen

An vier Spielplätzen zeigten die Schlossbewohnerinnen und -bewohner zusammen mit ihren Betreuern Szenen, die sie unter der Regie von Peter Voellmy einstudiert hatten. Szenen, die das Leben im Schloss früher und heute darstellten. Dass der Speckzopf aus der Schlossbäckerei weltweit der beste ist, davon konnten sich die Zuschauer gleich selber überzeugen. Nur der Grappa, der einen zum Träumen verleiten soll, wie die Schauspielerin meinte, wurde diesen vorenthalten. Dafür liess man sich den Wein aus den schlosseigenen Rebbergen umso mehr schmecken.

Was Integration heute heisst, machte das Fest auf eindrückliche Art deutlich: Die Menschen mit Behinderung, die im Schloss wohnen und arbeiten, waren selbstverständliche Gäste des Festes, auch am Bankett. Das war so nicht immer vorstellbar, wie Gemeindeammann Peter Frei erinnerte. Als er die Bezirksschule besucht habe, sei über die Bibersteiner, die noch im Schatten ihrer Nachbarn gestanden hätten, gelacht worden. Und der Eingang zum Schloss war mit einem Gitter versperrt. «Diese Zeiten sind vorbei. Die Schlossbewohner sind ein selbstverständlicher teil unserer Dorfgemeinschaft», sagte Frei. «Es ist heute schwer vorstellbar, wie sich die Gründer der ‹Anstalt für schwachsinnige Kinder im Aargau› und deren Nachfolger für ihre Institution hatten stark machen müssen», sagte Alex Hürzeler, der die guten Wünsche der Kantonsregierung überbrachte. «Es hat lange gebraucht, bis die Förderung und Bildung der Menschen mit geistiger Behinderung als staatliche Aufgabe anerkannt war», sagte der Regierungsrat.

1889 waren es gemeinnützig gesinnte Aarauer, die innert kürzester Zeit genügend Geld zusammenbrachten, das Schloss erwarben, eine Stiftung gründeten und am 13. Oktober 1889 die «Anstalt für schwachsinnige (aber bildungsfähige) Kinder» gründeten – bei strömenden Regen notabene.