Neueröffnung
Im neuen «Sevilla» müssen sich die Aarauer an einen Tisch setzen

Knapp sechs Monate nach der überraschenden Schliessung geht die Beiz an der Kirchgasse wieder auf. Das «Sevi» präsentiert sich in neuem Kleid.

Katja Schlegel
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Raoul Niederreuther ist im «Sevilla» angekommen. Mit umgezogen ist auch Jack-Russel-Terrier Hektor.

Raoul Niederreuther ist im «Sevilla» angekommen. Mit umgezogen ist auch Jack-Russel-Terrier Hektor.

Chris Iseli

Die Stühle sind noch die gleichen, die Tischbeine auch, ebenso der Schriftzug auf der Glasscheibe in der Tür: «Café Sevilla». Doch sonst ist alles anders: die Bastteppiche, der Kachelofen, das Linoleum am Boden und der Gips an der Decke, die Ostereier und das Aromat, alles weg.

Es stinkt noch nicht einmal mehr nach Rauch, sondern nach frischer Farbe. Und selbst der Holenstein-Helgen, den der Maler, um seine Trinkschulden zu tilgen, 1957 an die Wand gemalt hat, wurde aufgefrischt.

Im Gastraum sind die Wände mintgrün, das Fischgrat-Eichenparkett ist frisch geölt und die helle Kassettendecke hat dem Raum die Gedrungenheit genommen. Das «Sevilla» ist kaum mehr wiederzuerkennen – und doch ist es das Alte. Das Uralte, das «Sevilla» aus den Zwanzigerjahren.

Bei den Renovationsarbeiten hat Inhaber Beat Geser die ursprüngliche Bausubstanz freigelegt und das «Sevilla» rekonstruiert, wie es 1922 bei der Eröffnung durch spanische Einwanderer ausgesehen hat.

Jetzt steht die nächste Eröffnung an: Am Donnerstag, 19. März, wird der neue Wirt Raoul Niederreuther (40) die Tür zum ersten Mal für seine Gäste aufschliessen. Niederreuther ist den Aarauern nicht unbekannt: Über zehn Jahre lang hat er mit Eveline Bühler die «Krone» geführt.

Erwartungen sind riesig

Vom Riesen-Restaurant zum Beizli mit 36 Sitzplätzen – Niederreuther ist es wohl damit. «Ich freue mich auf dieses kleine, übersichtliche Beizli mit Altstadt-Charme.»

Doch die Erwartungen an ihn sind gross: Noch gibt es keine Speisekarte und schon sind Anfragen für Konfirmations-Essen und Geburtstagsfeiern eingegangen, auf der Strasse wird er angesprochen und bei der Ecke der Fensterscheibe, da, wo sich der als Blickschutz aufgeklebte Plastik gelöst hat, linst immer wieder ein Wunderfitz in den Gastraum.

Kein Wunder sind die Erwartungen gross, schliesslich wollen die Stammgäste zweier Institutionen zufriedengestellt werden. Ein Ding der Unmöglichkeit, das weiss Niederreuther. Und deshalb sagt er auch, das «Sevilla» werde weder die Kneipe von früher noch die neue «Krone».

Weder wird es das typische «Sevi»-Znacht, Kartoffelsalat und Rauchwürstli, auf die Speisekarte schaffen noch die Twister-Frites aus der «Krone» – auch wenn Niederreuther weiterhin mit dem ehemaligen «Krone»-Koch und anderen ehemaligen Mitarbeitern zusammenarbeiten wird.

Der Bruch ist gewollt, es ist ein Neuanfang: «Man darf das hier nicht mit der ‹Krone› vergleichen. Das wird eine neue, andere Geschichte.»

Nicht mehr nur Bier

Mit der optischen Zeitreise wird sich auch das kulinarische «Sevilla» verändern. Hier soll man nicht mehr nur fürs Feierabendbier herkommen, die Hauptrolle soll das Essen spielen. Tapas und Wein aus Spanien und dem restlichen Europa bestimmen das Angebot, angereichert mit einer kleinen Auswahl an Tellergerichten.

Spanisch wird auch der Charakter der Beiz: Hier soll man spätabends noch herkommen und sich in eine glatte Runde setzen können. Etwas anderes bleibt einem auch gar nicht übrig: Niederreuther verzichtet ganz bewusst auf viele Zweiertische. Er will die Leute an einen gemeinsamen Tisch holen. «Hier müssen sich die Aarauer endlich alle an einen Tisch setzen», sagt er und lacht.

Einfach und bodenständig bleiben soll das «Sevilla». «Man muss ihm den Beizencharakter lassen, aber er soll aufgewertet werden», sagt Niederreuther und fasst zusammen: «Einfach, aber abwechslungsreich und qualitativ hochstehend.» Für den Preis wird gelten: Man soll es sich leisten können, ins «Sevi» zu kommen.

Niederreuther will es im «Sevilla« ruhig angehen lassen und nichts überstürzen: Weil er zu Beginn nur mit einem Koch zusammenarbeiten wird, wird das «Sevilla» ab 19. März zuerst nur von Dienstag- bis Samstagabends geöffnet sein, von 17 bis 23 Uhr. «Wir werden einfach starten und uns langsam steigern», sagt er. Ziel sei aber, relativ bald die Öffnungszeiten zu verlängern und einen Mittagstisch einzuführen.