Aarau

Im Dunkelzelt stolpern Sehende – und fühlen sich für einmal wie Blinde

Die Sehbehinderten Ruth Häuptli (l.), Adrian Meury und Verena Müller vor dem Eingang des Dunkelzelts.

Die Sehbehinderten Ruth Häuptli (l.), Adrian Meury und Verena Müller vor dem Eingang des Dunkelzelts.

Seit gestern hat die Aargauer Messe Aarau (AMA) im Schachen geöffnet. Zum ersten Mal dabei ist der Blinden- und Sehbehindertenverband mit einem Dunkelzelt. Die az-Reporterin ist hineingegangen.

Kurz nach Eröffnungsbeginn der Aargauer Messe Aarau haben sich am Mittwochnachmittag viele Besucher und Schulklassen durch die Ausstellungszelte und Reithalle geschlängelt. Etwas abseits des Rummels liegt das Dunkelzelt des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands, Sektion Aargau-Solothurn, und des Aargauischen Blindenfürsorgevereins Aarau.

Die zwei Schulmädchen Livia und Seline stehen erwartungsvoll vor dem Zelt, das ihnen eine ganz neue Welt eröffnen wird. Ein Mitglied des Seh- und Behindertenverbandes nimmt die Mädchen an der Hand und führt sie ins Zelt.

Sobald der Vorhang hinter ihnen fällt, wird es still – und dunkel. «Gruselig», sagen die Mädchen. Doch rasch gewöhnen sie sich an die Dunkelheit und ihre sehbehinderte Begleiterin führt sie an einen Holztisch, auf dem kleine, gefüllte und sternenförmige Säcke liegen. «Könnt ihr den Inhalt fühlen?», fragt sie Livia und Seline.

Sie ertasten die Säckchen und ihre Antworten kommen schnell: Mehl, Hörnli, Reis, Chriesisteine, Hirse. Auch die Hör- und Riechsinne der beiden Mädchen sind weit geöffnet. Mühelos erschnuppern sie die verschiedensten Düfte und sagen, wie Sand, Korken, Perlen oder Metallringe klingen. Ihre Begleiterin lacht und sagt: «Kinder haben viel feinere Sinnesorgane als Erwachsene. Sie nehmen Gerüche und Geräusche intensiver wahr.»

Stolpernd durchs Dunkelzelt

Da ergeht es der Reporterin schon anders: Mehr stolpernd als gehend lässt sie sich durchs Zelt führen und das Ertasten der Gegenstände bereitet ihr Mühe. Verzweifelt klammert sie sich an den klitzekleinen Strahl Tageslicht, der durch das Zelt dringt und ihr schemenhaft den Weg weist. Die Zeit scheint still zu sehen und in diesem Moment kommt sie sich klein vor.

Beschämt erinnert sie sich an die sehbehinderten und blinden Menschen, die am Stand vor dem Zelt stehen und trotz ihrer Einschränkung fröhlich sind.

Im Dunkelzelt befindet sich auch eine Bar, an dem die Besucher für einen geringen Preis Mineralwasser und Wein trinken können. Dies erinnert an das Dunkelrestaurant «Blindekuh» in Zürich. Monika Schenk aus Schönenwerd, ebenfalls sehbehindert, serviert dort. Auch im Aarauer Dunkelzelt schenkt sie behände Mineralwasser aus.

Als wäre der Raum lichterloh erhellt, klauben die zwei Mädchen ihr Geld aus der Börse und bezahlen ihre Getränke. Die Erleichterung, als sie aus dem stockdunklen Zelt wieder ins Frühlingslicht treten, ist ihnen aber trotzdem anzusehen.

«Die Dunkelheit näherbringen»

Zum ersten Mal nehmen der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband, Sektion Aargau-Solothurn, und der Aargauische Blindensfürsorgeverein an der AMA teil. «Wir wollen den Besuchern die Dunkelheit näherbringen. Das Erlebnis im Dunkeln lässt die Wahrnehmung blinder Menschen ein Stück weit nachempfinden», sagt Verena Müller, Präsidentin der Sektion Aargau-Solothurn des Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

An diesem milchigen Frühlingsnachmittag trägt sie eine knallige Jacke und orangefarbene Jeans, in ihrem Haar steckt ein kecker Haarreif. Die Besucher, die vereinzelt hereintröpfeln, begrüsst sie mit einem herzlichen Lachen.

Auch erhalten die Gäste ein Blindenschrift-Alphabet und Brillen, die – setzt man sie auf die Nase – Sehbehinderungen simulieren. Sie abzunehmen und wieder richtig sehen zu können, erscheint wie ein Geschenk. Der Rundgang durch die AMA betrachtet man jetzt aus neuen Augen.

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