Alter und Migration
Im Aargau alt geworden: Jeder fünfte Senior kam als Gastarbeiter

Im Aargau leben rund 17000 ältere Migranten – häufig sind sie nur schlecht integriert.

Jörg Meier
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Die Diskussionsrunde mit älteren Migranten im vollbesetzten KuK. BaranzinI/ZVG

Die Diskussionsrunde mit älteren Migranten im vollbesetzten KuK. BaranzinI/ZVG

Fabio Baranzini

Sie kamen vor über 50 Jahren: die Italiener, die Spanier, die Portugiesen, die Türken, oder die Menschen aus dem damaligen Jugoslawien. Sie kamen damals jung und ungebunden und sie kamen, weil es hier Arbeit gab. Nur kurz wollten sie bleiben, um möglichst bald wieder in ihre Heimat zurückzukehren und dort ein besseres Leben aufzubauen.

Viele der damaligen «Gastarbeiter» aber blieben in der Schweiz, gründeten hier ihre Familien. Jetzt sind sie alt: Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben inzwischen das Rentenalter erreicht. So leben im Aargau schon rund 17 000 ältere Migranten. Das bedeutet, dass jede fünfte Person im Alter von 65 Jahren oder älter im Ausland geboren wurde. Und die Zahlen wachsen von Jahr zu Jahr weiter. Entsprechend sei ein professioneller Umgang mit diesem lange vernachlässigten Bereich der gesellschaftlichen Entwicklung nötig geworden, sagte Lelia Hunziker, Leiter Anlaufstelle Integration Aargau, zu Beginn des Forums Integration 2016 im Kultur- und Kongresszentrum Aarau. Diesmal war das Forum Integration eine Co-Produktion von Anlaufstelle Integration, Pro Senectute. HEKS Aargau Solothurn und des Kantons Aargau.

Migranten förderten Wohlstand

Die rund 200 Teilnehmenden erhielten einen Einblick in das Thema «Alter und Migration», sie bekamen Anregungen wie Gemeinden, Migrantenvereine und Privatpersonen ältere Migrantinnen und Migranten einbinden können. Regierungsrat Urs Hofmann erinnerte daran, dass die in der Schweiz alt gewordenen Migranten viel zum Wohlstand des Landes beigetragen haben. «Sie haben viel geleistet und verdienen Respekt, Dank und unsere Wertschätzung», sagte Hofmann. Und es stehe ihnen zu, dass sie selbstbestimmt und generationengerecht alt werden könnten. Der SP-Regierungsrat verwies weiter auf die damals fehlende Integrationspolitik, die bis heute Folgen habe: So hätten viele Migranten im Rentenalter keinen oder nur einen reduzierten Zugang zu spezifischen Angeboten wie Spitex oder Pro Senectute, weil etwa die sprachlichen Barrieren auch nach so vielen Jahren noch unüberwindbar seien.

Im Alltag ansetzen

An der Tagung wurden drei Projekte vorgestellt, welche Möglichkeiten für die Verbesserung der Integration von älteren Menschen in die Gesellschaft zeigen. So sollen durch die Vermittlung von Gesundheitswissen und die Teilnahme an spezifischen Anlässen Frauen und Männer lernen, ihrer Gesundheit mehr Sorge zu tragen. In Suhr wurde ein Besuchsdienst für italienischsprachige Rentner entwickelt und die Pro Senectute hat einen Leitfaden geschaffen, der sich an Verantwortliche
im Alters- und Migrantenbereich richtet. Mit Tipps und Tricks zeigt der Leitfaden auf, wie ältere Migranten besser erreicht und in die bestehenden Institutionen, Organisationen und Netzwerke eingebunden werden können.

Die Ethnologin Hildegard Hungerbühler skizzierte die Schwierigkeiten der Integration für ältere Migranten in der Schweiz, aber auch deren Ressourcen und Potenziale. «Wir wollten die älteren Migranten nicht nur als Opfer ihrer Geschichte sehen, sondern auch als starke Persönlichkeiten, die unsere Gesellschaft bereichern können», sagte Hungerbühler. Ältere Migranten seien damals nicht gekommen, um in der Schweiz zu bleiben, erklärte die Ethnologin. Sie seien geblieben, weil es sich halt so ergeben habe. Sie gründeten eine Familie, die Kinder kamen, dann die Enkel. Jetzt sind sie alt und leben zwischen zwei Kulturen. Rund ein Drittel kehre ins Heimatland zurück, ein Drittel pendelt zwischen den beiden Ländern, ein Drittel bleibt in der Schweiz. Bis im Jahre 2020 werde es rund 400 000 Migranten im Rentenalter geben.

Viele ältere Migranten leiden unter den früheren Strapazen. Der Anteil der Personen, die Ergänzungsleistungen beziehen, ist doppelt so hoch wie bei Einheimischen. Der Grund ist einerseits, dass viele wegen Krankheit früher in Rente gehen mussten, andrerseits auch, dass Migrantinnen und Migranten häufig schlecht bezahlte Arbeiten ausführten, mussten und die Rente dementsprechend gering ist. Oft kommen zu den körperlichen auch seelische Verletzungen hinzu: Sie leiden noch immer unter «doppelter Heimatlosigkeit», Ausgrenzung und Diskriminierung.

Lieber nicht ins Altersheim

Unter der Leitung der früheren Radio-Moderatorin Ursula Hürzeler erzählten schliesslich vier ältere Migranten aus vier Ländern, wie sie in die Schweiz gekommen sind und warum sie geblieben sind. Das war so spannend, dass kaum noch Zeit für die letzte Frage blieb: Wie es ist, als Migrant oder Migrantin in der Schweiz alt und älter zu werden. Immerhin schien in der Diskussion eines klar: Sie wollen alle nicht zurück in ihr Heimatland, weil sie dort nicht mehr zu Hause sind – und sie wollen nur im äussersten Notfall später einmal in ein Alters- oder Pflegeheim.