Die Verbindung mit Skype klappt. Jasmine Burkhard (29) sitzt entspannt auf einem Holzstuhl. Sie trägt ein T-Shirt und ist barfuss. Es ist 25 Grad warm. «Ein wunderschöner Frühlingstag», sagt sie. Seit letztem Februar lebt und arbeitet die Sozialarbeiterin in Cochabamba, der viertgrössten Stadt Boliviens.

Hat sie Glück, erhascht sie einen Blick auf die Schneeberge. Doch Heimweh nach der Schweiz oder nach ihrem Wohnort Oberentfelden hat sie nicht. «Momentan ist mein Leben hier, darauf lasse ich mich voll und ganz ein.» Sie denke und träume bereits auf Spanisch, so sehr fühle sie sich hier zu Hause.

In Bolivien ist Jasmine Burkhard für die Entwicklungsorganisation Interteam in der Personellen Entwicklungszusammenarbeit tätig. Drei Jahre lang arbeitet sie mit drei verschiedenen Organisationen zusammen, die ein Frauenhaus für Gewaltopfer, ein Netzwerk eines Distriktes, das gegen Gewalt ankämpft, und die Spezialeinheit der Polizei für Gewalt an Frauen umfassen. Letzteres ist erste Anlaufstelle für weibliche Gewaltopfer, die gegen Täter Anzeige erstatten wollen.

Jasmine Burkhard unterstützt die Polizistinnen und Polizisten psychologisch und schult sie. Dies soll den Polizisten helfen, ihren Arbeitsalltag besser zu bewältigen und sensibler mit ihren Gewaltopfern umzugehen. «Teilweise ist es kaum zu glauben, wie sie diese behandeln.» Einmal sei eine Frau, die allen Mut zusammengenommen habe, um eine Anzeige zu erstatten, in Tränen ausgebrochen. Der Polizist habe nichts Besseres zu tun gehabt, als an seinem Handy herumzuspielen, statt der Frau zu helfen.

Sie wollte die Welt verbessern

Jasmine Burkhard absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Sie merkte aber schnell: «Das ist nichts für mich, ich muss mit Menschen zusammenarbeiten.» Ihre Abschlussarbeit nach ihrem Studium zur Sozialarbeiterin 2014 stellte sie unter das Thema häusliche Gewalt. Sie begann zu reisen, leistete soziale Einsätze in Südamerika. «Als Mädchen war ich utopisch und dachte, die Welt verbessern zu können», sagt sie und lacht. «Heute möchte ich punktuell auf Menschen einwirken.»

Bolivien hat es der Sozialarbeiterin angetan: Immer wieder kehrte sie zum Reisen oder Arbeiten in dieses Land zurück. «Ich habe das Gefühl, nach Hause zu kommen.» So fasziniert Jasmine Burkhard von Bolivien ist, so wenig verschliesst sie ihre Augen vor der Gewalt an Frauen in diesem Land. Zwar gebe es keine offiziellen Zahlen darüber, sagt sie. Doch könne man davon ausgehen, dass jede zweite Frau entweder von ihrem Vater oder später von ihrem Ehemann geschlagen oder gar misshandelt wird. Die Gewalt könne sexueller, psychischer oder physischer Natur sein. «In Bolivien sagt immer noch der Mann, wo es langgeht», sagt Jasmine Burkhard. «Die Familienstrukturen sind traditionell, deshalb wagen sich die Frauen oft nicht, sich zu wehren.»

Trinken und schlagen

Auch spiele der Alkohol eine grosse Rolle. Trinken die Männer, sinkt ihre Hemmschwelle und sie vergehen sich an ihren Frauen. Im Frauenhaus merkt sie schnell, ob eine Frau bereit sei, sich zu befreien und ihr eigenes Leben zu führen. «Dafür braucht die Betroffene Mut und Stärke. Oft ist sie aber eine Gefangene ihrer Situation.» Schafft es eine Frau dennoch, freut sich Jasmine Burkhard enorm. Im Frauenhaus lebe jetzt eine Frau, die eine Arbeitsstelle gefunden habe und ihre beiden Töchter sowie ihr Baby alleine aufziehe.

Die Arbeitsbedingungen sind nicht einfach. Die Bürokratie ist gross, oft wartet Jasmine Burkhard endlos, um mit einer Amtsperson zu sprechen. «Manchmal kann ich gut damit umgehen, manchmal stresst es mich», sagt sie. Im Frauenhaus fehlt es an finanziellen Mitteln, professioneller Betreuung der Opfer, und bei Regen rinnt es teilweise durch die Decke. Doch die Schweizerin lässt sich nicht unterkriegen, kurzerhand übernahm sie die Beratung der Frauen, da eine solche Instanz nicht mehr existiert.

Auch erstellte sie Stammblätter der Gewaltopfer. Die Mitarbeiter des Frauenhauses waren zuerst begeistert davon. Doch als sie merkten, dass diese Arbeit mit Aufwand verbunden ist, schwand das Interesse schnell. «Mittlerweile werden die Stammblätter meist nur noch von mir geführt», sagt Jasmine Burkhard. Was keinen Sinn mache, denn ihr Einsatz in Bolivien soll nachhaltig wirken: «Ich helfe dabei, Projekte aufzubauen, damit sie andere weiterführen können.» Der Entwicklungsgedanke basiere nicht darauf, ein Projekt an Angestellte, sondern an eine Institution zu binden.

Manchmal wäre eine Migros gut

Jasmine Burkhard geniesst ihr Leben in Cochabamba. Sie hat ihre eigene Wohnung, eine süsse Katze und ein chinesisches Fahrrad, mit dem sie durch die lebendigen südamerikanischen Strassen kurvt. Eigentlich sei das Essen nicht besonders gesund, gesteht sie, dafür lecker. Liebend gerne holt sie sich ihre Mahlzeiten mitten im Marktgetümmel an einer der unzähligen Buden.

«Freunde in Bolivien zu finden, ist nicht einfach. Die Einheimischen sind mit ihrer Familie verwurzelt», sagt sie. Einsam ist sie aber nicht, denn sie kennt viele Leute von ihrer Arbeit – und bekommt regelmässig Besuch aus der Schweiz. Fehlt ihr etwas? «Die Migros und die Natur. Einkaufen in Bolivien braucht viel Zeit.» Und die Natur liege auch nicht gerade vor der Haustüre. Wohl versuchte sie es mit Joggen, doch wurde sie dabei von Strassenhunden verfolgt. Deshalb schwimmt sie jetzt und spielt Squash.

Die Verbindung mit Skype unterbricht. Weg ist das fröhliche Lachen von Jasmine Burkhard. Weg ihr T-Shirt und das Gefühl, es könnte auch bei uns 25 Grad warm sein.