Das wird ein spannender Wahlsommer in Küttigen: Bei der Ersatzwahl für den Sitz von Vizeammann Peter Forster (FDP) im August stehen gleich zwei namhafte Kandidierende in den Startlöchern: Die SP schickt Regula Kuhn ins Rennen, die Freisinnigen setzen auf Schulpfleger und Ortsparteivorstand Emil Bieri.

Letzterer wäre fürs Gespräch mit der AZ gerne auf einen Jurahügel gestiegen, aus Zeitgründen fand es dann doch auf Bieris Terrasse in der «Zwüschebäche»-Siedlung statt. Er sei sich bewusst, dass er gegenüber der SP-Kandidatin einen Nachteil habe, den er nicht wettmachen könne, sagt Bieri gleich am Anfang. Denn der Küttiger Gemeinderat ist derzeit ein reines Männergremium, und das stört nicht wenige im Dorf. «Auch die FDP hat eine Kandidatin gesucht», sagt Bieri. «Es hat sich leider nicht ergeben, aber wir arbeiten daran.» Er sei überzeugt, dass er aufgrund der unterschiedlichen Positionen durchaus Chancen gegenüber Kuhn habe: «Es geht uns finanziell gut – weil wir im Gemeinderat eine bürgerliche Mehrheit haben. Das ist der FDP wichtig, um Küttigen weiterhin unabhängig, lebendig und lebenswert gestalten zu können.»

«Den Ärmel reingezogen»

Aufgewachsen ist Bieri in Aeschi SO. Fürs Elektrotechnik-Studium an der ETH zog er nach Zürich, dann in die Region Baden, wo er bei der ABB arbeitete. 2009 kam er über Umwege wegen seiner Frau, von der er mittlerweile getrennt lebt, nach Küttigen. «Hier hat es mir den Ärmel reingezogen. Auch wegen der Kinder.» Die Buben sind heute fünfzehn und neun, die Zwillingstöchter acht Jahre alt.

Der FDP-Gemeinderatskandidat verfügt über viel Führungserfahrung. Nach Engagements in einem Schweizer KMU und den Konzernen ABB und Alstom arbeitet er derzeit bei der Axpo als Leiter Digitale Transformation für die Wasserkraft. Er eruiert mit seinem Team, welche neuen Technologien und Prozesse eingesetzt werden können, um die rund 60 Axpo-Wasserkraftwerke in der ganzen Schweiz zu optimieren. An einem Pilotstandort im Tamina-Tal bei Bad Ragaz, seiner «Spielwiese», darf Bieri 2 Mio. Franken ausgeben. Das ist wenig im Vergleich zu seinem vorherigen Projekt: Bieri war Leiter Inbetriebnahme des Pumpspeicherkraftwerks «Linthal 2015». 2,1 Milliarden Franken kostete das. «Vor grossen Beträgen habe ich mittlerweile keine Angst mehr», sagt er und lacht. «Aber man darf natürlich nicht minder vorsichtig damit umgehen und muss das Notwendige vom Wünschbaren trennen.» Er sei ein feuriger Vertreter der Wasserkraft, bestätigt der Freisinnige. «Sie hat ein Potenzial, das weit über allen anderen erneuerbaren Energien liegt. Und den entscheidenden Vorteil, dass sie bedarfsgerecht steuerbar ist.»

Emil Bieri bezeichnet sich als «überzeugter Anhänger unseres Milizsystems»: «Das Know-how, das sich die Leute im Beruf erarbeitet haben, sollen sie zugunsten der Gemeinschaft einsetzen können. Es ist aber essenziell, dass die Belastung durch ein solches Amt nicht zu gross wird, sonst verlieren wir engagierte Unternehmer oder Führungskräfte aus der Privatwirtschaft. Deshalb braucht es eine starke Verwaltung, die genügend Kompetenzen hat und auch eigene Entscheidungen fällen darf. Dafür würde ich mich auch in Küttigen einsetzen. Die Abläufe können effizienter und der Einsatz von Ressourcen optimiert werden. Aus meiner Sicht könnte zum Beispiel die Bauverwaltung gestärkt werden, die derzeit gleichzeitig Baugesuche abwickeln und grosse eigene Bauprojekte stemmen muss.» Auch die Digitalisierung ist ihm ein Anliegen, «da geht auch in Küttigen noch einiges». Und: Schon vor einem Jahr hatte Bieri namens der FDP kritische Fragen wegen der Solaranlage auf dem Dach des neuen Feuerwehrgebäudes gestellt und eine vom Volk abgesegnete Energiestrategie gefordert. «Das hat mir den Ruf eingebracht, gegen Solarenergie zu sein – was so nicht stimmt. Ich muss allerdings sagen: Wenn wir Küttiger Solaranlagen bauen, verursachen wir mit jeder Kilowattstunde Solarstrom etwa das Fünffache an CO2, als wenn wir nachhaltig produzierten Strom von der Eniwa beziehen. Man muss das breit anschauen: nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch und gesellschaftlich.»

In der Freizeit treibt er Wild

Apropos Eniwa: Bieri hat sich auch mit deren Kraftwerk-Neubauprojekt auseinandergesetzt. Und mit der geplanten Entfernung des Mitteldamms, die laut Eniwa nötig ist, um die für Subventionen nötigen 20 Prozent Mehrproduktion zu erreichen. «Wirtschaftlich verstehe ich das aus Sicht Eniwa voll und ganz, organisatorisch und kommunikativ ist es in meinen Augen aber schlecht gelaufen. Der Fall zeigt auch wieder den Unsinn von Subventionen: Durch einen willkürlichen Schwellenwert können sich ungesunde Abhängigkeiten ergeben.»

Als die FDP seine Kandidatur bekannt gab, war Bieri gerade in den USA auf einem Harley-Trip. Er ist auch begeisterter Mountainbiker, fährt gerne «id Höger ine». Ausserdem ist er im Chochclub Chöttige («am Anfang konnte ich überhaupt gar nichts») und assistiert der Jagdgesellschaft Wasserfluh-Homberg seit drei Jahren als Treiber. «Meine Kinder fanden das anfangs nicht so toll, aber ich habe ihnen erklärt, was die Jäger Sinnvolles für den Wald und den Wildtierbestand tun. Es ist unglaublich, wie viele Tiere hier in der Nähe leben, das nimmt man sonst gar nicht wahr. Ich bin gerne bei Wind und Wetter draussen und geniesse nach einem anstrengenden Tag die Geselligkeit am Feuer bei der Jagdhütte.

Sollte er in den Gemeinderat gewählt werden, würde er sein Vollzeitpensum zwar nicht reduzieren, dafür aber aus der Schulpflege und dem FDP-Vorstand zurücktreten. «Mein Arbeitgeber erlaubt mir zum Glück, zeitlich und örtlich flexibel zu arbeiten. Ich muss auch längst nicht mehr so oft reisen wie beim Linthal-Projekt, wo ich teils die ganze Woche über weg war.»

Das Porträt der SP-Kandidatin Regula Kuhn finden Sie hier.