Kinder erziehen sei anstrengend, sagt Karin Seiler (Name geändert). So anstrengend, dass sie, wenn sie ehrlich ist, findet: «Wäre ich noch einmal jung, würde ich keine Kinder mehr auf die Welt stellen.» Stattdessen würde sie zur Arbeit gehen, statt Sozialhilfe zu beziehen, ihr eigenes Geld verdienen und hätte am Abend frei.

Und doch sagt sie, sie habe sich die Kinder gewünscht. Mit 25 träumte sie davon, eine Familie zu gründen und mit ihrem Mann alt zu werden. Heute wohnt die 43-Jährige mit ihren Töchtern 18, 8 und 6 Jahre alt im Ostaargau als alleinerziehende Mutter.

Die Mädchen sind das Anstrengendste in ihrem Leben. Und das Wichtigste. «Wenn man etwas macht, muss man es richtig machen», findet sie, «ich muss für die Kinder da sein.»

Seiler will, dass ihre Kinder besser starten als sie selbst und eine Lehre abschliessen. Das ist keine Selbstverständlichkeit für Kinder, deren Familien von Sozialhilfe leben: Das Risiko, arm zu bleiben, ist für diese Kinder hoch. Nicht nur, weil den Eltern für vieles das Geld fehlt, sondern auch, weil die Eltern oft selbst keine gute Ausbildung haben und es an sozialen Beziehungen mangelt (siehe Interview).

Spazieren, falten, misten

Karin Seiler versucht, ihre Kinder zu fördern. In ihrer Wohnung riecht es nicht von ungefähr nach Haustieren und Flieder: Für die fünf Meerschweinchen und das Kaninchen sollen die Kinder Verantwortung übernehmen. Den Strauss weissen Flieder auf dem Stubentisch hat sie von einem Spaziergang mitgebracht: «Die Kinder sollen die Schönheit der Natur schätzen lernen», sagt sie.

Im April machte sie mit den beiden Jüngeren eine Velotour nach Aarau und wanderte zur Ruine Stein in Baden. Zu Hause bastelt sie mit den Mädchen Figuren aus Papier. Damit will sie bei der jüngsten Tochter Julia die Motorik fördern und Kim soll lernen, nach Plan zu arbeiten. In der Wohnung entdeckt man die farbigen Papiertiere und -blumen überall.

Was ist mit Fernsehen? «Nicht mehr als eine Stunde pro Tag – ausser es regnet», sagt Karin Seiler. Und Computerspiele? «Nur ab und zu», antwortet Kim anstelle der Mutter. Kim hat in ihr Schulheft einen Zirkus gemalt und zeigt die Englischwörter, die sie heute gelernt hat: elephant, horse, circus.

Sorgenkind Kim

Karin Seiler redet viel von ihrer mittleren Tochter, oft seufzt sie dazu. Sagt: «Sie ist halt anders. Sie hat halt ADS.» In der Schule fällt Kim wegen des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms auf. Zu Hause findet die Mutter manchmal den Zugang zu ihr nicht, bei Gesellschaftsspielen verliert Kim rasch die Geduld. Lieber nimmt sie ihr Meerschweinchen Snixy ins Zimmer und streichelt das strubbelige Fell. «Gute Momente sind jene, in denen die beiden Kleinen zufrieden an der Aare spielen oder Kim von sich aus sagt: ‹Mami, das nehmen wir nicht, das ist zu teuer›», sagt Karin Seiler. Sie holt ein Papier hervor, worauf Kim ungelenk geschrieben hat, dass es ihr wichtig ist, dass ihre Mutter dreimal schauen komme, ob sie schon schläft, und nicht zweimal. Darunter steht: «Danke du bist eine Mutter wo uns lieb hat.»

In der Familientherapie vor zwei Jahren hat Karin Seiler gelernt, die Kinder besser zu verstehen, nicht zu viel in der Vergangenheit zu grübeln und dass es nicht schlimm ist, wenn sie sich ab und zu irgendwo einen Kaffee leistet mit Geld, welches sie nicht selbst verdient hat.

Bemühungen, die kosten

Karin Seilers Bemühungen, die Kinder zu fördern, schlagen sich in der Monatsabrechnung nieder (siehe Tabelle). 132 Franken hat Karin Seiler im April für Bastelmaterial ausgegeben. 30 Franken auf Ausflügen für SBB-Billette und 100 Franken Hundesteuer für den Jack-Russel-Terrier Rambo.

Karin Seiler bemüht sich, Ordnung zu halten, und auch dies ist in der Abrechnung sichtbar: 300 Kilogramm Abfall hat sie im April in den Werkhof gekarrt im Auto ihres Ex-Mannes – einen Teppich, ein kaputtes Bassin, eine kleine Matratze und so weiter. Eine absurde Facette einer Familie mit finanziellen Problemen: 140 Franken kostete es, den Plunder loszuwerden.

Jetzt ziehen Karin Seiler und Julia ihre Regenjacken über und gehen mit Rambo nach draussen. Kim will zuerst nicht mitkommen und rennt den dreien dann doch noch nach – mit ihrem weissen Stoffbären, der überall hin mitkommt. Auf dem Spielplatz neben der Schule deutet sie auf eine Papierblume, die innen an der Scheibe hängt, und sagt stolz: «Die Grosse habe ich gemacht.»