Auschwitz-Überlebender
«Ich habe damals keinen Deutschen gesehen, der ein bisschen menschlich war»

Eduard Kornfeld überlebte Auschwitz und Dachau. Nun war er zu Gast in Aarau, wo ihm hundert Schüler unverblümte Fragen zu seiner Geschichte stellten. Und er beantwortete sie gerne – «Herr Kornfeld, hassen Sie die Deutschen?»

David Egger
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Eduard Kornfeld überlebte Auschwitz und Dachau. Nun war er zu Gast in Aarau, wo ihm hundert Schüler unverblümte Fragen zu seiner Geschichte stellten.
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Eduard Kornfeld spricht über das Erlebte
Eduard Kornfeld überlebte Auschwitz und Dachau. Nun war er zu Gast in Aarau, wo ihm hundert Schüler unverblümte Fragen zu seiner Geschichte stellten

Eduard Kornfeld überlebte Auschwitz und Dachau. Nun war er zu Gast in Aarau, wo ihm hundert Schüler unverblümte Fragen zu seiner Geschichte stellten.

Sandra Ardizzone

1942 in der Slowakei, an der Grenze zu Ungarn, ein Heuwagen klappert über einen Feldweg. Im Heu verstecken sich der 13-jährige Eduard Kornfeld aus Bratislava und sein 15-jähriger Bruder.

Sie reisten illegal nach Ungarn, weg von Vater, Mutter, zwei Schwestern und zwei Brüdern. Eduard sah sie nie wieder; weg von den Fäusten und Steinen, die den Jungen mit dem Judenstern auf dem Schulweg trafen.

«Mit 13 Jahren fängt meine traurige Geschichte an», beginnt Kornfeld. Hundert Schüler der Kantonalen Schule für Berufsbildung (KSB) verstummen. Später werden sie ihm Fragen stellen. Ob er noch an Gott glaube? Wie waren die Toiletten in Auschwitz?

«Das ist noch nicht lange her»

Seit Wochen haben sich die Schüler des Brückenangebots (10. Schuljahr) auf den Besuch von Kornfeld vorbereitet. Zum Beispiel mit dem Tagebuch der Anne Frank. Noch mehr Eindruck macht der 17-jährigen Schülerin Sibel Tulgar aber das Gespräch mit Kornfeld. «Das bleibt im Kopf. Mit einem Überlebenden zu sprechen, heisst auch, dass das alles noch nicht lange her ist.»

Der Flüchtlingshelfer hält sich nicht an die Abmachung. Er hätte Eduard und seinen Bruder bis zu ihrem Onkel fahren sollen. Doch nach der Grenze lädt er sie ab. Erschöpft und verdreckt laufen sie zum nächsten Ort. Dort kaufen sie Billette, um mit dem Zug zum Onkel zu fahren – und fliegen fast auf. Zum Glück merkt der Beamte nicht, wie verwundert Eduard das Rückgeld anstarrt. Die ungarischen Pengö-Münzen waren in der Mitte gelocht.

Dann die Ankunft beim Onkel. «Immer wieder haben wir uns versteckt.» So auch in Budapest. Die Deutschen rücken näher. Später, unausweichlich, im Viehwaggon, die Deportation. Eduard, sein Bruder, der Onkel und dessen Familie, eingepfercht mit Unzähligen.

Josef Mengele stand vor ihm

Endstation Auschwitz. Eduard blickt durch einen Spalt nach aussen. Ein Deutscher von der Schutzstaffel (SS) schmeisst in hohem Bogen ein Baby auf einen Lastwagen.

Der Waggon öffnet sich, auf der Rampe verliert Eduard den Rest seiner Familie. Nur seinen Bruder wird er Jahre später wieder sehen. Die Schornsteine am Horizont speien Feuer. «Zwei Tage später wusste ich, dass sie nicht zu einer Bäckerei gehören.»

Kornfeld erzählt von den Selektionen, wie er mehrmals fast in die Gaskammer geschickt worden ist, wie er mit dem Willen, zu überleben, in die Augen von Josef Mengele schaute. Auch die Peitschenhiebe der SS beschreibt er.

Das Detail beeindruckt die Schülerin Sibel. «Das ist ein Schmerz, den wir uns nicht vorstellen können», sagt sie. Als suchte sie den kleinen Lichtblick in der Hölle, fragt eine andere Schülerin: «Fiel es der SS immer leicht, zu töten?» Kornfeld: «Ich habe damals keinen Deutschen gesehen, der auch nur ein bisschen menschlich war.»

Und so getraut sich ein Junge zu fragen: «Hassen Sie die Deutschen?» Kornfeld erzählt von seiner Arbeit als Juwelenfasser in Zürich, nach dem Krieg, wo er mit Zyankali die Edelmetalle zu reinigen hatte. «Damals wünschte ich mir, ich hätte das Zyankali ins deutsche Grundwasser leiten können.»

Verständnis in den Augen der Schüler. «Aber das ist nicht mehr so. Die Kinder und Enkel der damaligen Deutschen sind nicht verantwortlich für die Taten der früheren Generation.»

Die Nazis brachten Kornfeld nach Dachau. Als die Amerikaner ihn befreiten, wog er noch 27 Kilogramm. Die Mägen der Häftlinge waren überfordert vom Speck und den Bohnen, die sie nun erhielten. So raffte der Tod noch viele mehr dahin, Tuberkulose überall. Auch Kornfeld litt darunter, was ihn schliesslich nach Davos in ein Sanatorium brachte. Er blieb in der Schweiz, seine Schwiegertochter kommt aus Aarau.

Kornfeld hat zuerst lange nicht über die Zeit der Verfolgung und die Konzentrationslager (KZ) gesprochen. «Bis vor 30 Jahren kam es schlecht an, davon zu erzählen. Auch in der Schweiz.»

Viele Menschen wollten den Holocaust verdrängen. Heute fühlt sich Kornfeld dazu verpflichtet, sein Überleben zu erzählen. So auch den hundert Schülern der KSB, die Anfang Mai eine Spezialwoche zu Themen wie Holocaust und Erinnerung durchführen.

Zur Vorbereitung gehört auch das Gespräch mit Kornfeld. «Wenn ein Überlebender live vom Holocaust erzählt, ist das viel eindrücklicher als alle Filme und Bücher», sagt die 16-jährige Vanessa Lenzin.

Und die Latrinen in Auschwitz? Einige Schüler kichern. Lehrer Heinz Hauser sagt: «Eine gute Frage. Das hat viel mit Menschenwürde zu tun.» Kornfeld erzählt, wie die SS manche Häftlinge nach unten in die Latrinen schmiss. Wer den Alten helfen wollte, sich daraus zu befreien, wurde geschlagen.

Und Gott? Kornfeld hat seine Religion an seine Kinder weitergegeben. «Aber es bereitet mir Probleme, an Gott zu glauben. Eines kann ich garantieren. In Auschwitz war er nicht.»

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