Im Herbst 2013 sind Sie nicht nur in den Stadtrat, sondern überraschend auch zur Vizestadtpräsidentin gewählt worden. Wie erklären Sie sich Ihre Popularität?

Seitdem ich in Aarau wohne, war ich immer irgendwo aktiv – dem Alter meiner Kinder entsprechend: In der Pinocchio-Spielgruppe, im Chindsgi, acht Jahre als Präsidentin des Elternvereins Aarau, als Aufgabenhilfe im Telli und im Oberstufenschulhaus, Brockenstube… Mich kennt man und ich bin gerne bei den Leuten.

Und Sie sind ein Pro-Aarau-Urgestein, waren 2010/11 erste Einwohnerratspräsidentin des Vereins

Ich gehöre zwar nicht zu den Gründern, aber ich wurde von ihnen mehrmals angefragt, ob ich nicht für den Einwohnerrat kandidieren wolle. Als ich das Präsidium des Elternvereins Aarau abgab, war der richtige Zeitpunkt gekommen.

Was war Ihre Motivation, in die Politik einzusteigen?

Als Privatperson kann man viel bewegen, aber man kommt an den Punkt, an dem es die Politik braucht, um etwas auf eine neue Ebene zu bringen. Ein Beispiel: Ich bin ein grosser Fan von Tagesschulen. Ich habe mir damals die Tagesschule in Baden angeschaut und war begeistert. So etwas wollte ich auch in Aarau haben. Daraus entstand in meiner Einwohnerrats-Zeit dann das Projekt der schulergänzenden Betreuungsangebote.

Pro Aarau stellt 4 von 50 Einwohnerräten. Sind Ihre Stadtpräsidiumsambitionen angesichts des tiefen Wähleranteils nicht etwas sportlich?

Ich stellte mir die Frage, ob ich erneut für das Vizepräsidium kandidieren soll oder für das Stadtpräsidium. Den Ausschlag gaben schlussendlich die Leute auf der Strasse – sie haben mich motiviert, für das Stadtpräsidium zu kandidieren. Man sagte mir, ich mache es gut, ich hätte die nötige Erfahrung und man habe das Gefühl, ich bringe die Stadt vorwärts. Ich bin eine Kandidatin des Volkes, derjenigen, die sich politisch nirgends einbinden möchten. Pro Aarau ist in allen wichtigen städtischen Gremien vertreten. Wir haben keine Vorgaben auf kantonaler und nationaler Ebene, wir können uns so voll und ganz für unsere Stadt einsetzen.

Jathurshan Premachandran macht in Aarau "Aufsuchende Asylarbeit", 14. Juni 2017. Mit Stadträtin Angelica Cavegn.

Jathurshan Premachandran macht in Aarau "Aufsuchende Asylarbeit" und wird von Angelica Cavegn Leitner unterstützt.

Jathurshan Premachandran macht in Aarau "Aufsuchende Asylarbeit", 14. Juni 2017. Mit Stadträtin Angelica Cavegn.

Sie werden von der SP unterstützt, was Ihre Stadtratskandidatur betrifft. Sind Sie eine linke Politikerin?

Eher Mitte-links. Für mich steht eine klare und verbindende Sachpolitik für unsere Stadt im Vordergrund. Pro Aarau wird die SP-Kandidierenden ebenfalls unterstützen.

Die SP will mit Daniel Siegenthaler das Stadtpräsidium verteidigen. Führt Ihre Kandidatur zu einer Zersplitterung des linken Lagers?

Ich sehe mich als Alternative zu meinen Mitkandidaten, als die Kandidatin in der Mitte.

Sie sind die einzige Frau im Rennen um das Präsidium. Werden Sie im Wahlkampf die Karte Frau spielen?

Nein. Es geht hier nicht um Frauenpower. Ich bewerbe mich mit meiner Leistung, nicht mit meinem Frau-Sein.

2013 traten Sie im Stadtpräsidiums-Wahlkampf nicht gegen Lotty Fehlmann Stark an – mit der Be-gründung, Sie wollten nicht jemanden konkurrenzieren, den Sie gut finden. Heisst das, Sie finden Da-niel Siegenthaler nicht gut?

Die Situation ist heute eine ganz andere: Lotty Fehlmann Stark war eine politische Powerfrau mit enormer Erfahrung – viel mehr als ich. Heute ist es umgekehrt: Ich bringe einen grösseren Rucksack mit als Daniel Siegenthaler, der seit 3½ Jahren in der Politik aktiv ist. Ich kenne ihn näher, seit er im Einwohnerrat ist. Er kommt gut rüber.

Könnten Sie sich vorstellen, in einem allfälligen zweiten Wahlgang mithilfe des bürgerlichen Lagers zur Stadtpräsidentin gewählt zu werden?

Eine gute Frage ... die ich so noch nie thematisiert habe. Ich weiss nicht, wie das die bürgerliche Seite sieht. Man müsste sicher eine Auslegeordnung machen.

Sie sind ursprünglich KV-Absolventin. Das Stadtpräsidium wäre ein grosser Karrieresprung.

Nachdem ich mich nicht überzeugen liess, das Lehrerseminar zu besuchen, habe ich bei der Landwirtschaftlichen Genossenschaft in Reiden LU das KV gemacht. Das war super, obwohl ich einmal statt Saathärdöpfel Speise- härdöpfel verkauft habe, das fand der Bauer nicht so lustig. Nach meiner Lehre war ich ein Jahr in Paris. Meine Eltern wollten diesen Aufenthalt nicht finanzieren, also ging ich als Au-pair. Ich konnte es mir in dieser Zeit nicht leisten, auf den Eiffelturm zu steigen, aber das Jahr in Paris war toll. Auch in Bournemouth (England) war ich in einem Sprachaufenthalt.

Und dann?

Nach verschiedenen Weiterbildungen habe ich später als Direktionsassistentin beim Ringier-Verlag in Zofingen und Zürich, bei Sprecher & Schuh und beim Herren-Oberbekleidungsgeschäft Ritex in Zofingen gearbeitet. Als Direktionsassistentin gehörte es dazu, strategisch und organisatorisch mitzudenken, das Time-Management im Griff zu haben, Krisensituationen zu managen, einen kühlen Kopf zu bewahren, schnell zu reagieren und wichtige Drehscheibe zu sein. Ergänzt mit viel Erfahrung und Vernetzung, sind das alles Eigenschaften, die mich für ein Stadtpräsidium qualifizieren. Nach England wollte ich dann eigentlich noch nach Italien, doch dann kam die Liebe …

… Sie haben Ihren Mann kennen gelernt?

Ja, an der Fasnacht in Reiden. Er ist aus Oberentfelden. 1986 zogen wir nach Aarau, zuerst an die Entfelderstrasse. 1988 konnten wir das Haus im Zelgli kaufen.

Sie sind zwar in Reiden aufgewachsen, aber Ihre Familie stammt aus dem Bündnerland.

Beide Elternteile kamen aus Sedrun, deshalb spreche ich auch Rätoromanisch. Meine Mutter war Nähschullehrerin, mein Vater Hoch- und Tiefbau-Polier. Er hat eine Anstellung in Reiden angenommen, deshalb sind meine Eltern dorthin gezogen. Aber wir sind sehr verbunden mit Sedrun. Wir besitzen dort ein Haus, und als Kinder haben wir alle Ferien dort verbracht. Mein Götti ist Bergbauer, ihm haben wir geholfen, beim Härdöpfle, Heuen, Emden …

Apropos Natur: Betreiben Sie Ihr Aloe-Vera-Geschäft noch?

Seit 20 Jahren interessiere ich mich für Produkte aus dieser Pflanze und habe auch entsprechende Weiterbildungen gemacht. Früher habe ich Massagen, Beratungen und Gesichtspflege, Farb- und Stil-Analysen angeboten. Aktuell bleibt, neben der Politik und dem B&B, nur wenig Zeit. Deshalb läuft das Aloe-Vera-Geschäft im Moment auf absoluter Sparflamme.

Sie haben sich 2001 selbstständig gemacht. Warum?

Wegen meiner ältesten Tochter. Ich habe mich damals mit anderen Eltern in der Betreuung aller Kinder abgewechselt. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich drei Halbtage auswärts. Eines Tages, Aline war Acht, stand sie mit verschränkten Armen vor mir und sagte ‹Mami, ich will das nicht mehr›. Da habe ich mir einen neuen Weg gesucht.

Hat die Stadt bei der ausserfamiliären Kinderbetreuung Nachholbedarf?

Wenn das FuSTA-Angebot im Stadtteil Rohr, im geplanten Dreifachkindergarten, realisiert werden kann, werden alle Quartiere flächendeckend die gleichen Voraussetzungen haben. Das ist sehr wichtig und gut. Mich haben Ganztagesschulen ja immer begeistert. In Aarau war das, zu meiner Zeit als Einwohnerrätin, ein zu grosser Schritt. Mit dem heutigen Modell kann jede Familie wählen, wie viel und welche Betreuung sie möchte.

Sie betreiben zusammen mit Ihrer Familie ein Gästehaus und ein Bed & Breakfast. Erklären Sie uns das.

Vor einigen Jahren konnten wir die zweite Haushälfte bei uns an der Dossenstrasse kaufen. Darin sind heute B&B-Zimmer. Zusätzlich führen wir an der Zelglistrasse ein Gästehaus – in einem ehemaligen Frauenaltersheim– mit einem Mix aus Wohngemeinschaft und B&B. Beide Häuser sind soziale Drehscheiben. Wir beherbergen die unterschiedlichsten Menschen, unterschiedlichster Berufsgattungen und Herkunft. Es läuft sehr gut. Man merkt, dass die Nachfrage nach noch mehr solcher Angebote in Aarau da ist.

Angelica Cavegn Leitner, Stadtpräsidenten-Kandidatin, 14. Juni 2017.

Angelica Cavegn Leitner, Stadtpräsidenten-Kandidatin

Angelica Cavegn Leitner, Stadtpräsidenten-Kandidatin, 14. Juni 2017.

Arbeiten Ihre Töchter noch mit?

Sie unterstützen uns bei Bedarf ‹ehrenamtlich›. Aline arbeitet als Kommunikationsspezialistin und Benita als Zivilstandsbeamtin. Geschäftsführer des Gästehauses ist mein Mann Daniel. Er ist 59 und war zuvor IT-Projektleiter und Experte für Systemsimulationen. Als ich in den Stadtrat gewählt wurde, hat er sich entschieden, das Gästehaus weiterzuführen. Er managt das mit sehr viel Herz.

Praktisch, eine Kommunikationsspezialistin in der Familie zu haben – macht Aline Ihren Wahlkampf?

Nein. Ich arbeite wieder mit meinem bewährten Team. Aline und Benita lesen Texte durch, geben Feedback, bringen Ideen und Vorschläge ein, reflektieren kritisch und das ist wertvoll für mich. Schauen Sie – (zieht ein kleines Plüsch-Einhorn aus der Tasche) – heute hat mir meine Tochter einen Glücksbringer für das Interview mitgegeben.

Sie haben Ihre Wahlkampf-Website erst gestern aufgeschaltet. Eilig haben Sie es nicht mit dem Wahlkampf.

Ich habe mich bewusst für einen späteren Start entschieden. Die Leute werden noch früh genug das politische Karussell spüren ... Das Wort Wahlkampf gefällt mir eh nicht. Ich habe meinem Team gesagt, dass ich mich nicht verstellen, sondern meine Art – viel unterwegs und ständig im Dialog mit den Leuten sein – auch während der Wahlzeit beibehalten werde. Am Wahltag will ich in den Spiegel schauen und sagen können: Du bist dir selber treu geblieben.

Optisch haben Sie sich im letzten Jahr stark verändert. Wie viel haben Sie abgenommen?

20 Kilo! Vor rund zwei Jahren stieg mein Gewicht stetig an, trotz bewusstem Essen und genügend Bewegung. Ich entschied mich, etwas zu tun. Eine Kollegin hat mich dann auf die HCG-Diät von Anne Hild gebracht. Ich kann sie jedem empfehlen. Aber ohne Disziplin geht es nicht.

In einem Interview haben Sie mal gesagt, als Pizza wären Sie eine Quattro Stagioni. Warum ausgerechnet diese?

Ich sehe mich als Generalistin, die sich für vieles interessiert und die Vielfalt der Menschen spannend findet.

Essen Sie noch Pizza?

Natürlich, zum Beispiel kürzlich während unseres Familienurlaubes in Italien. Einfach eine kleinere als früher …

Treiben Sie auch Sport?

Ich mache jeden Abend Kraftübungen, walke oft oder schwimme und bin immer mit meinem Velo unterwegs. Und in Sedrun gehe ich wandern.

Waren Sie in der Pfadi?

Ich war kantonale Leiterin der Wölfli-Stufe im Kanton Luzern und habe in dieser Funktion sehr früh und viel Führungsverantwortung übernommen. Eine absolute Superzeit. Mein Pfadiname war «Schnodi», weil ich eine Zeit lang immer erkältet war und die Nase hochgezogen habe. Wenn ich mich mit meinen Wölfli-Führerinnen treffe, sprechen wir uns noch heute mit den Pfadinamen an.

Sie sind im Stadtrat zuständig für Altersfragen. Kaum im Amt, gabs die erste Niederlage, als der Einwohnerrat die Golatti-Sanierung stoppte. Dann mussten Sie aus juristischen Gründen eine Taxenerhöhung zurücknehmen. Und kürzlich wurde die Verselbstständigung der Altersheime vom Volk abgelehnt. Fühlen Sie sich als Verliererin?

Nein. Zur Golatti-Rückweisung kam es, weil sich der Einwohnerrat für einen Richtungswechsel entschied und nicht gleichzeitig den Bau sowie die Frage der Rechtsform angehen wollte. Das mit den Taxen war ärgerlich, ja. Und die verlorene Abstimmung – ich hätte es mir ganz klar anders gewünscht. Das Positive ist, dass wir in den Vorbereitungen vieles erarbeitet haben, das wir jetzt weiter nutzen können, Eignerstrategie oder Leistungsvereinbarung zum Beispiel. Ich merke aber, dass die Enttäuschung bei den Mitarbeitenden in den Heimen nach der Abstimmung riesig war. Vor allem, weil sich die Wartezeit auf einen Neubau nun verlängern wird. Man hat drei Jahre verloren. Es ist mir extrem wichtig, dass wir nun zügig vorwärtsgehen können.

Was ist ihr grösster politischer Erfolg als Stadträtin?

Ganz toll finde ich die Koordinationsstelle Freiwilligenarbeit und Angebote im Asylbereich, die wir gemeinsam mit Buchs und Suhr aufgebaut haben. Sie konnte schnell realisiert werden, inklusive Unterstützung vom Regierungsrat.

Was gefällt Ihnen am besten an der Entwicklung der Stadt Aarau in den letzten Jahren?

Wir sind eine sehr offene Stadt geworden, die nichts überstürzt, aber stetig vorwärtsgeht. Auch was in der Altstadt und in den Naherholungsgebieten passiert ist, ist super. Unsere Gäste sind absolut begeistert von Aarau. Manchmal ist es gut, das von Aussen zu hören.

Soll die Stadt ihre Finanzprobleme mit einer Steuererhöhung lösen?

Wir hatten Stabilo 1 und 2, jetzt sind wir am LuP (Leistungs- und Prozessüberprüfung) und werden zudem weitere Finanzierungsmöglichkeiten diskutieren. Wenn wir all diese Auslegeordnungen gemacht haben, bin ich auch bereit, über eine Steuererhöhung zu reden.

Man hat das Gefühl, Sie und Noch-Stadtpräsidentin Jolanda Urech seien beide harmoniebedürftige Menschen. Wollen Sie Urechs Führungsstil beibehalten, wenn Sie gewählt werden?

Ja, Jolanda hat das in vielen Belangen sehr gut gemacht. Ich stehe für Konstanz und Kontinuität, und möchte die aufgegleisten Projekte weiterbringen. Vom Typ her bin ich wohl eher etwas direkter. Und ich bringe Dinge gerne zügig auf den Punkt. Ich möchte das Thema Stadtratsstruktur und die Stadtratspensen angehen. Als Präsidentin der Städtepartnerschaft Aarau Neuenburg sehe ich, wie Neuenburg aufgestellt ist. Fünf vollamtliche Stadtratsmitglieder mit einem wechselnden Stadtpräsidium. Diese Fragen möchte ich in den nächsten vier Jahren angehen. In diesem Zusammenhang wird das Projekt ‹Zukunftsraum› natürlich eine wichtige Rolle haben.