Aarau

«Ich bin vogelfrei»: «Surprise»-Verkäufer will sein Leben nicht tauschen

«Mein Traumberuf ist Prediger»: Markus Thaler verkauft in der Bahnhofsunterführung die «Surprise».

«Mein Traumberuf ist Prediger»: Markus Thaler verkauft in der Bahnhofsunterführung die «Surprise».

Markus Thaler verkauft das Strassenmagazin beim Bahnhof – morgens läuft es besonders gut. Tauschen mit den vorbeieilenden Pendlern will er nicht: «Dann wäre ich gestresst, hätte Sorgen, die ich nicht haben möchte.»

Seine Verkaufs-Passnummer trägt er um den Hals. ZH 1236. Die gleiche Nummer, die auch mit Kugelschreiber auf seinen «Surprise»-Magazinen geschrieben steht. Morgen für Morgen steht Markus Thaler (44) aus Windisch in der zugigen Bahnhofunterführung Aarau, mit einer «Surprise» in der Hand, dem Strassenmagazin, das von sozial benachteiligten Menschen verkauft wird.

Dass er am Rande der Gesellschaft steht, weder richtigen Beruf noch Einkommen hat, und jetzt im Herbst bei seiner Arbeit eine Jacke tragen muss, macht ihm nichts aus. «Dafür bin ich vogelfrei.» Früher verkaufte er an der Rosenbörse in Aarau und Baden Rosen. Dann ging die Börse ein. Einen Beruf hatte Markus Thaler nie erlernt, zwei Lehren brach er ab.

Läufts gut, so verkauft er 20 Magazine am Tag. Sechs Franken kostet eine Ausgabe, drei Franken darf er behalten, 30 Rappen bezahlt er für die AHV. Oft erhalte er ein schönes Trinkgeld, Kaffee oder Kuchen von seinen Kunden. «Was du gibst, bekommst du zurück», sagt er und lächelt sanft. Nebst dem, dass er Magazine verkaufe, verschenke er Freude und Zeit. Er höre Passanten zu, spreche ihnen Trost zu. «Menschlichkeit ist wichtiger als Geld.»

Tauschen will er nicht

Während er erzählt, eilen Menschen an ihm vorbei. Damen mir Rollkoffern, Herren mit Aktentaschen, mit schicken Anzügen, mit ledernen Portemonnaies. Möchte er nicht manchmal sein Leben mit einem anderen tauschen? «Dann wäre ich gestresst, hätte Sorgen, die ich nicht möchte.»

Erfüllung fände er bei seiner Frau – und im Glauben. Hätte er vor über 20 Jahren nicht zu diesem gefunden, so wäre er heute wohl ein anderer. «Ich trieb Kampfsport, interessierte mich für Esoterik. Doch dann begegnete ich Jesus, erst da merkte ich, wie mir Liebe und Freude in meinem Leben fehlten. Ich liess von allem Okkultismus ab.»

Zusammen mit seiner Frau besucht er eine freie Christengemeinde im Kanton Zürich. Von dieser Glaubensgemeinschaft werde er auch materiell unterstützt. Hin und wieder predige er. Sein grösster Traum ist es, als Prediger zu leben.

Umsatz in Aarau ist morgens gut

Jeden Nachmittag, nach 14 Uhr, macht Markus Thaler Feierabend, zumindest wenn er die «Surprise» in Aarau verkauft. Steht er am Hauptbahnhof Zürich, arbeitet er bis abends. «Da verkauft sich das Strassenmagazin ebenso gut wie morgens. In Aarau kaufen die Passanten das Magazin lieber morgens, abends wollen sie nur noch eins: nach Hause.» Trotzdem sei der Bahnhof Aarau ein idealer Verkaufsplatz. Es herrsche ein reger Durchgangsverkehr, die Stammkundschaft sei gross.

Die jüngste Ausgabe von «Surprise» handelt von der «bösen Banane», die bei Kindern Karies hervorrufen soll. Für Markus Thaler fragwürdig. Schliesslich müsse jeder Mensch aber selbst herausfinden, was ihn glücklich mache. Er habe sein Glück gefunden. Als «Surprise»-Verkäufer Nummer 1236.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1