Frau Graf, im März 2009 schafften Sie bei den Grossratswahlen zwar den für eine Newcomerin beachtlichen, aber eigentlich aussichtslosen sechsten Ersatzplatz. 2012 konnten Sie dann doch ins Parlament nachrutschen.

Franziska Graf: Für mich war das eine riesige Überraschung. Ich war damals in der SP Rohr, hätte wegen der Überalterung der Mitglieder so ziemlich jedes Amt übernehmen können. In den Ferien bekam ich ein Mail vom Präsidenten: Sie suchten jemanden, der für den Grossrat kandidiert und nicht in Aarau wohnt. Ich schrieb zurück: O.K., auf einem der letzten Plätze — im Sinn von «ich mache euch diesen Liebesdienst, aber ich habe null Ambitionen». Das Resultat war vor diesem Hintergrund sehr gut. Dass ich nachrutschen konnte, war dann reiner Zufall.

Sind Sie ein politisches Glückskind?

Nicht ein Glücks-, sondern ein Überraschungskind. Nach all dem, was ich erlebt habe, glaube ich, eine politische Karriere ist nicht planbar. Ich selber hätte nie gedacht, dass ich politisch aktiv werde.

2013 hatten Sie wieder Glück. Sie wurden nachnominiert, weil die Stadtpräsidenten-Kandidatin Lotty Fehlmann Stark kurzfristig ausfiel.

Dass Lotty Fehlmann ausgefallen ist, würde ich nicht als Glück bezeichnen. Ich habe sehr grosse Achtung vor dieser Frau, ihrem Wissen und ihrer Leistung. Aber ja, meine Stadtratskandidatur war wieder ein Zufall. Ich war damals im Toggenburg, als mich der SP-Präsident anrief.

Und?

Ich war schon eine Zeit lang politisch aktiv und hatte gemerkt: Es gefällt mir. Und meine vierjährige Ausbildung zur Kinesiologin war gerade zu Ende. Ich habe damals im Vorstand Werbung gemacht für Gabriela Suter, weil ich gerade in den Grossen Rat nachgerutscht war. Ich bin kein Fan von Doppelmandaten. Und als Rohrerin fühlte ich mich in der SP Aarau nicht voll unterstützt. Schliesslich hat mich der Vorstand dann doch nachnominiert.

Würden Sie sich im Herbst als Stadtpräsidenten-Kandidatin aufstellen lassen, wenn SP-Kandidat Daniel Siegenthaler im ersten Wahlgang enttäuschen sollte?

Dass mich dieses Amt grundsätzlich interessiert, habe ich kundgetan. Das wäre sicher eine ganz spannende Aufgabe. Parteiintern ist die Sache absolut klar: Daniel Siegenthaler ist unser Kandidat für das Stadtpräsidium. Wir gewinnen nur, wenn wir gemeinsam an einem Strick ziehen. Meine politische Karriere war bisher nicht planbar. Ich sage niemals nie, wünsche mir aber sehr, am Wahlsonntag mit Daniel Siegenthaler auf eine gelungene Wahl zum Stadtpräsidenten anzustossen.

Im Winter hatten Sie noch Stadtpräsidenten-Ambitionen. Dann verzichteten Sie zugunsten von Siegenthaler. Die Genossin Graf ist ihrer Partei gegenüber sehr loyal eingestellt.

Ich bin gerne Stadträtin. Ich bin auch gerne SP-Stadträtin. In der Politik ist es wie im Handball: Da spielt man auch nicht immer auf der Position, die man am liebsten hat. Das gehört dazu – und auch dann gibt man alles.

Warum wird es das rot-grüne Lager schaffen, am 24. September die Mehrheit im Stadtrat zu erobern?

Wir haben die besseren Kandidaten. Vor allem, weil diese nicht nur für das Sparen dastehen. Die Bevölkerung hat genug vom Sparen und dem damit verbundenen Leistungsabbau.

Würde es Sie stören, falls die wählerstarke SVP ganz aus dem Stadtrat fiele?

Mich würde es nicht stören, wenn die SVP nicht mehr im Stadtrat wäre. Mich hat aber sehr geärgert, dass es die SVP nur schaffte, einen Zelgli-Bewohner zu nominieren. Sie hatten öffentlich angekündigt, sie würden mit zwei Kandidaten antreten. Ich erwartete, dass einer davon in Rohr wohnt. Es hätte dort zwei absolut kompetente und valable SVP-Einwohnerräte.

Das Ja zur Kreisschule Aarau-Buchs war Ihr politischer Grosserfolg. Was ging Ihnen im Moment des Sieges durch den Kopf?

Ich war total überrascht über die Klarheit der Annahme in Aarau. Und ich war aber genau so überrascht über die Knappheit in Buchs. Das Resultat war eine grosse Erleichterung. Erleichterung, dass die Frage jetzt geklärt ist. Ein Gefühl des Triumphs habe ich aber nicht gespürt.

Sie sagten, Sie hätten sehr viel Arbeit gehabt mit der Kreissschule. War das letzte ihr strengstes Jahr?

Nein, ich arbeitete seit der zweiten Woche meiner Amtsdauer, also seit dem Januar 2014 an diesem Projekt. Und jetzt geht es streng weiter: Die Kreisschule muss umgesetzt werden und es kommen die Gespräche mit Küttigen über die Zusammenarbeit bei der Oberstufe.

Der Kampf für die Sache der Frau scheint Ihnen wichtig zu sein. Fühlen Sie sich als Emanze?

(lacht) Überhaupt nicht. Ich bin auch nicht bei den SP Frauen aktiv. Mich nervt eher, dass die Männer heute so emanzipiert sind – niemand hilft einem mehr in den Mantel ... Im Ernst: Ich engagiere mich für Fairness und Gerechtigkeit für alle.

Wir wagen es fast nicht zu fragen: Warum schreiben Sie auf Ihrer Internetseite, dass Sie pinkigen Lippenstift lieben?

Weil mir das einmal verboten worden ist ... Eine aktive Politikerin hat mir gesagt: «Wenn du Erfolg haben willst, darfst du dich nicht so weiblich anziehen und unter keinen Umständen pinkigen Lippenstifte verwenden.» Aber genau die habe ich gerne. Von diesem Zeitpunkt an habe ich sie erst recht verwendet. Ich liebe übrigens auch rote Lippenstifte – einfach knallige Farben.

Sie scheinen viele Brillen zu haben.

Nein, das täuscht, ich habe nur eine. Aber weil sich mein Sehvermögen relativ schnell verändert, brauche ich immer wieder eine neue.

Ihre Kinder Severin und Meret sind 20 und 17. Wie hatten Sie mit Ihrem Mann die Kinderbetreuung organisiert, als diese noch klein waren?

Ich sage immer: Ich bin glücklich verliebt, aber alleinerziehend. Mein Mann und ich sind ein sehr gutes Team. Er hat immer alles, das ich entschieden habe, eins zu eins mitgetragen. Thomas ist Informationstechniker TS, hat eine 100-Prozent-Stelle und war oft im Ausland, total unregelmässig. Ich war gezwungen, mit Nachbarinnen, meiner Schwester und meiner Schwiegermutter eine Betreuung aufzuziehen, die auch ohne Vater funktioniert.

Sind Sie stolz darauf, was Sie als Stadträtin im Bereich ausserfamiliäre Kinderbetreuung erreicht haben?

Ich bin stolz darauf, dass etwas gegangen ist – es geht mir selbstverständlich viel zu langsam. Und wir haben noch ein grosses Potenzial. Aber ich bin guten Mutes, dass wir den Fahrplan zur Umsetzung des Kinderbetreuungsgesetzes (KiBeG) einhalten können.

Sie gehören zur Kategorie der Ur-Aarauer.

Schön, dass Sie das sagen. Denn in der Entscheidungsfindungsphase über eine allfällige Stadtpräsidenten-Kandidatur hat mir jemand gesagt: Dafür müsstest du eine richtige Aarauerin sein ...

Und?

Ich bin in diesem Sinn keine echte Ur-Aarauerin. Ich bin in Aarau geboren und in Rombach aufgewachsen. Meine Eltern sind ursprünglich aus Winterthur. Nach ihrer Trennung lebte je ein Elternteil in Aarau, einer in Rombach und wir Kinder konnten wählen. Ich habe bei der Storenstoff AG in Buchs die KV-Lehre gemacht und lebe seit 1995 in Rohr ... also Aarau, meinem Heimatort.

Sie haben es in einem jahrelangen Kampf geschafft, dass der Kanton eine Lärmschutzwand entlang des Autobahnzubringers T5 baute. Wie wohnen Sie am Pulverhausweg?

Wir fühlen uns da sehr wohl. Aber es ist keine Traumwohnlage. Es ist wegen der Strasse noch immer sehr laut. Wir haben 1997 das Einfamilienhaus gekauft – im Wochenbett meines ersten Kindes las ich das Inserat.

Wie weit haben Sie es in der Pfadi gebracht?

Als Wölfli war ich noch absolut begeistert von der Pfadi. Ich hiess «Schnuff» – weil ich meine Nase immer zuvorderst hatte. Wir hatten mit «Strolch» einen tollen Leiter. Später, bei den Pfadisli, wurde vor allem über Jungs geredet. Das hat mich nicht interessiert. Ich stellte sogar ein Gesuch, ob ich nicht in die Buben-Pfadi gehen dürfe – was natürlich nicht bewilligt wurde. Dann trat ich aus der Pfadi aus und begann, Handball zu spielen.

Später galt Ihre sportliche Liebe dem Kajak. Jetzt sind Sie Seglerin. Was fasziniert Sie mehr am Segeln?

Während der Lehre begann ich, Kajak zu fahren. Es ist nicht so, dass mich das nicht mehr interessiert. Aber ohne Training kann ich nur noch die Reuss hinunterfahren. Und beim Segeln wird man etwas weniger nass ...

Konkret?

Ich habe Anfang Jahr die theoretische Hochsee-Prüfung gemacht. Jetzt muss ich noch 1000 Pflicht-Meilen fertig absegeln, bis ich den Schein bekomme. Wir haben kein eigenes Boot. Mein Mann und ich sind Mitglied in einem Verein, der eigene Schiffe hat. Sie sind in ganz Europa unterwegs und man meldet sich für einzelne Abschnitte an. Eine sehr sinnvolle und auch günstige Variante

Ihren heutigen Mann haben Sie beim Kajakfahren kennen gelernt.

Ja, während des Anfängerkurses auf der alten Aare, er war mein Kursleiter. Ich war 18. Es ging dann noch fünf Jahre bis zum ersten Kuss. Er ist ein Ur-Rohrer.

Sie haben sich 2011 für den Bau einer Aarebadi engagiert. Werden Sie das jetzt wieder tun?

Ich bin sehr stolz darauf, dass dank mir eine kleine Leiter montiert wurde, über die man problemlos wieder aus dem Kanal kommt. Allerdings wurde sie nicht von der Stadt montiert – wir mussten mit den richtigen Leuten sprechen und nach einem anderen Weg suchen. Eine Aarebadi fände ich nach wie vor super. Aber in Zeiten, in denen wir über Sparmassnahmen bei der Jugendarbeit reden, liegt sie nicht drin. Wenn wir in Aarau wieder Geld haben, käme für mich eine Aarebadi auf jeden Fall infrage.

Hat man als Rohrer eigentlich einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Aarauern?

Der Weg von Rohr nach Aarau ist kürzer als der Weg von Aarau nach Rohr. Es gibt Rohrer, die damit ein Problem haben. Wir sind sicher politisch untervertreten, was natürlich auch daran liegt, dass sich zu wenig Rohrer politisch engagieren. Verheerend finde ich, dass es nur eine Rohrer Kandidatin für den Stadtrat gibt. Gar niemanden gibt es aus der Telli, dem Scheibenschachen, dem Damm, der Altstadt – das ist ein Problem.

Fühlen Sie sich im Stadtratswahlkampf als Quotenrohrerin?

Ja. Ich bin nicht als das nominiert worden, aber ich wurde es, weil Regina Jäggi aufhört.

Was ist das grösste Problem der Aarauer Politik?

Die Konzentration auf die zwei Quartiere Zelgli und Gönhard.

Sie haben auf der SP-Tournee durch die Quartiere schon vier Anlässe hinter sich. Im Kasinopark kamen nur 30 Personen. Sind solche Veranstaltungen nicht vergebene Liebesmühe?

Nein, es war bisher enorm bereichernd und spannend. Wenn man ein echtes Gespräch führen will, sind 30 eigentlich schon viel.

Bleibt der Wahlkampf so harmonisch, wie er bisher war?

Das habe ich nicht alleine in der Hand. Ich bin im Sternzeichen des Widders geboren und entspreche jedem Zuckerklischee. Ich bin absolut kein harmoniebedürftiger Mensch. Wichtig ist mir, dass ich dem treu bleibe, was ich sage, und dass ich meine Linie durchziehe. Der Erfolg ist mir nicht so wichtig. Ich will für das gewählt werden, wofür ich stehe.

Angst vor einer Abwahl?

Ich mache mir keine Sorgen um meine Wiederwahl. Nicht, weil ich das Gefühl hätte, ich werde sowieso gewählt. Sondern, weil ich noch viel Tolles wüsste, das ich machen könnte, wenn ich abgewählt würde.

Was arbeiten Sie neben Ihrem Stadtratsmandat?

Regelmässig als Buchhalterin und nach Vereinbarung als Kinesiologin.

Wir wünschen Ihnen schöne Ferien!

Zuerst gehen wir ins Toggenburg, wo mein Vater in Stein ein uraltes, abgelegenes Bauernhaus besitzt. Dort kann ich wunderbar abschalten. Dann haben wir auf dem Vierwaldstättersee eine Woche lang ein Segelschiff gemietet.