Eigentlich wollte er ja nur aufräumen. Jetzt sitzt Fritz Burkhard in seinem Büro am Tisch, dreht lächelnd das kleine Foto mit dem eierschalengelben, gezackten Rand zwischen den Fingern, und erzählt längst erlebte Geschichten. Es ist die Aufnahme des Büro- und Lagerhauses der Firma Erné & Co., «Handel mit Kolonialwaren und Landesprodukten», an der Laurenzenvorstadt in Aarau.

Dort, wo heute das Paul-Karrer-Haus der Alten Kanti steht, besser bekannt als das «Aquarium». Burkhard hat das Foto irgendwann in den Jahren 1951 bis 1954 gemacht, als er bei Monsieur Hubert Erné, nebenbei auch Kavallerie-Major auf dem Waffenplatz Aarau, seine Lehre zum Kaufmann absolvierte. Vor ein paar Tagen ist ihm das Foto in die Hände geraten, zusammen mit Aufnahmen der Angestellten und anderen Lehrlingen.

Burkhard saugt die Luft ein, als würde er den Duft im Gebäude auch 60 Jahre später noch riechen. Ausgehend von dieser Melasse aus Zucker, der beim Herumtragen aus den Säcken rieselte und auf dem Holzboden erstarrte. Jedes Staubkorn, jedes Brösmeli blieb darauf kleben, wurde in die Melasse eingearbeitet durch die vielen flinken Sohlen der Angestellten.

Jahr für Jahr pickelten die Arbeiter in den warmen Sommermonaten den Lack ab. Ein eigenartiger Duft lag im Raum, süss und würzig. «Ein ganz merkwürdiger Geruch, aber nicht unangenehm.»

Fast so schnell wie die WSB

Burkhard ist Oberkulmer durch und durch. Hier wurde er 1934 geboren, hier ging er zur Schule und wohnt noch immer in seinem Elternhaus in der Weite zwischen Oberkulm und Gontenschwil. Aber seine Lehrzeit im Aarau der Fünfzigerjahre, die hat er nicht vergessen. Die Erinnerungen sind nicht vage, sie sind gestochen scharf. Als wäre es bloss ein paar Jahre her und nicht sechs Jahrzehnte.

Siebzehn Jahre war Burkhard alt, als er am 3. Januar 1951 an seinem ersten Arbeitstag im Morgengrauen zaghaft an die Bürotür klopfte. Samuel Suter, ein Gränicher und Freund der Familie, hatte dem Burschen die Lehrstelle vermittelt. Um die Stelle anzutreten, durfte Burkhard sogar frühzeitig aus der Bezirksschule austreten. «Schon damals musste jeder froh sein, eine Lehrstelle zu bekommen», sagt er.

Und so pedalte er Tag für Tag mit flatterndem Veston auf Vaters Velo nach Aarau. «Doch, doch, die WSB fuhr damals schon», sagt er, «aber sie hotterte so langsam durchs Tal, dass ich mit dem Velo fast gleich schnell war.»

Aarau, obwohl nur knapp 15 Kilometer von Zuhause entfernt, sei für ihn eine fremde Welt gewesen. Etwas ganz anderes als das Bauerndorf im Wynental. Imposante Bauten mit Jugendstilelementen, das gefiel dem Burschen:

«Sie machten den Eindruck, als könnten sie alle Zeiten überdauern», erinnert sich Burkhard. Trotzdem sei Aarau nicht weltstädtisch gewesen, eher familiär. «Aber als Landei wurde ich von den Städtern wegen meines andersartigen Dialekts oft gehänselt.»

Schnitzel im Bahnhofbuffet

Die Firma Erné & Co. belieferte unter dem Markennamen «Erco» Läden in der Stadt und den Dörfern der Region – innerhalb der Stadt mit Pferd und Wagen, ausserhalb mit röchelnden Lastwagen. Burkhard arbeitete in den Abteilungen Korrespondenz-Ablage, Buchhaltung, Fakturation, Einkauf, Verkauf, Spedition und Sekretariat. Ab und zu habe er mit dem Chauffeur auf Liefertour gehen und die Zuckersäcke und Konservendosen in die Lagerräume der Tante-Emma-Lädeli buckeln müssen.

Natürlich musste er auch den einen oder anderen Botengang erledigen: Gipfeli besorgen bei Brändli an der Bahnhofstrasse oder heimlich ein paar Flaschen Bier für die Angestellten – «die Flaschen holte ich über die Gasse beim ‹Frohsinn› und schmuggelte sie in den Keller».

Tabakwaren holen musste er weiter beim Zigarren-Fischer in der Laurenzentorgasse, vis-à-vis Papierbögen kaufen in der Papeterie Breuninger oder Geld zur Nationalbank am Schlossplatz bringen.

Noch heute schaudert es Burkhard, wenn er sich daran erinnert, wie die Bankbeamten stapelweise wüste oder angerissene Banknoten durch Lochen ungültig machten. «Ich bekam im ersten Lehrjahr einen Lohn von 47 Franken und 5 Rappen pro Monat und musste zusehen, wie da eine Fünfzigernote nach der anderen zerstört wurde.»

Auch wenn der Stiftenlohn knapp war, so habe er es sich nicht nehmen lassen, nach dem Feierabend ab und zu ein Mädchen ins Bahnhofbuffet auszuführen und sich vom Wirteehepaar Pauli mit Schnitzel/Pommes frites verwöhnen zu lassen. Gern ging er auch ins Kino. Bereits in den Fünfzigerjahren gab es in Aarau drei davon: das Schloss, das Ideal und das Kasino. Letzteres befand sich ungefähr da, wo heute der Kleiderladen C&A steht.

Apropos Kleider: «Wir mussten immer tipptopp angezogen sein, darauf legte der Patron wert.» Sauberes Hemd, Krawatte und Veston waren Pflicht. Madame Erné habe zudem verlangt, dass man vor ihr den Hut ziehe. «Von diesem Moment an habe ich mein ‹Zwätschgechäppi› getragen; das Béret hat mich von dieser Pflicht dispensiert», sagt Burkhard und lacht. Diese Angewohnheit ist bis heute geblieben: An der Garderobe hängt noch immer ein «Zwätschgechäppi».