Die Mieter an der Erlinsbacherstrasse haben sich am Mittwochabend im Restaurant «Weinberg» getroffen, um sich gegenseitig das Herz auszuschütten und das weitere Vorgehen zu besprechen. Der Schock darüber, dass sie ihre Häuser wegen der Kraftwerkserneuerung verlassen müssen, sitzt noch immer tief. Dennoch sind im Verlauf des Abends auch Ernüchterung und Resignation spürbar: «Was können wir schon machen?»

Vertreten werden die Mieter von Rechtsanwalt Urs Hochstrasser, der angrenzend an das betroffene Quartier wohnt, indirekt also von den Plänen der IBAarau auch betroffen ist. «Die Kündigung rechtlich anzufechten, dürfte schwierig sein», sagt Hochstrasser. Da lange Kündigungsfristen eingeräumt werden, würden im juristischen Sinne kaum Härtefälle vorliegen. Die ersten Kündigungen werden per Ende September 2013 fällig, die weiteren zwei Jahre später.

Trotzdem wollen die Mieter nicht klein beigeben. Sie wollen, wie Kathrin Baumann an der Mieterversammlung es ausdrückte, ein Zeichen setzen, nicht nur gegenüber der IBAarau, sondern auch nach aussen, damit etwas in Gang komme. Die Mieter hoffen auf eine Fristerstreckung – und sind unschlüssig, was diese ihnen bringen soll, wenn sie sowieso raus müssen.

Wie eine grosse Familie

«Uns ist das Quartier, das platt gemacht wird, ans Herz gewachsen», sagt eine Mieterin. «Wir Nachbarn verstehen uns wie eine grosse Familie, die nun draufgehen soll», sagt ein Bewohner. «Es gehen doch nicht nur ein paar Häuser verloren, sondern ein Stück Kultur», wirft eine Frau ein.

Die IBAarau braucht im Bereich des Kraftwerks, das ab 2015 für 140 Mio. Franken erneuert werden soll, einen grossflächigen Installationsplatz. Dieser habe in der Nähe des Kraftwerks nicht gefunden werden können, liess die IBAarau verlauten. Als Lösung habe sich das Areal an der Erlinsbacherstrasse aufgedrängt.

«Wurden auch wirklich alle Möglichkeiten geprüft?», fragen die Quartierbewohner. Und wenn kein anderer Platz infrage kommt, muss dann wirklich das ganze Quartier geopfert werden? Die Mieter hegen den Verdacht, dass «der Installationsplatz nur als Vorwand herhalten muss, um den ganzen Strassenzug vom Kraftwerk und mit neuen teuren Wohnhäusern überbauen zu können.»

Hans-Kaspar Scherrer, Vorsitzender der Geschäftsleitung, bestätigt auf Anfrage der az, dass nebst dem Bedürfnis der Kraftwerkserneuerung auch die Frage beantwortet werden musste: Was geschieht mit der Überbauung? Weil das Land zwischen Damm und Erlinsbacherstrasse für das Kraftwerk auch in 60 bis 80 Jahren wichtig sei, sei auch kein Verkauf geplant. «Die Mietobjekte bleiben im Besitz der IBAarau.» Es seien auch keine Luxus-Wohnungen geplant.

Unter den Mietern hat es auch frühere Mitarbeiter des Elektrizitätswerks der Stadt Aarau, der Vorgängerin der IBAarau. Die Loyalität gegenüber dem früheren Arbeitgeber ist noch immer spürbar. Es sei legitim, wenn die IBAarau als Eigentümerin das Land besser nutzen wolle, meint ein pensionierter Mann im «Weinberg», um gleich anzufügen: «So etwas wäre früher nicht vorgekommen.»

Vor schwieriger Wohnungssuche

Die Mieterschaft ist gemischt, es hat ältere Leute darunter, die zum Teil Jahrzehnte hier wohnen, und junge Familien, die ihre Kinder im Garten spielen lassen können und von der optimalen Erschliessung mit dem Bus profitieren. Alle haben die gleiche Sorge: «Wo sollen wir eine vergleichbare neue Wohnung finden?»

Die Mieter werfen der IBAarau mangelnde Sensibilität bei der Kommunikation vor. «Es stellt sich immer die Frage, wie man eine derart schlechte Nachricht überbringen kann», sagt Hans-Kaspar Scherrer. «Es war mir ein Anliegen, den betroffenen Mietern die Nachricht persönlich mitzuteilen und nicht per Informationsschreiben oder Kündigungsbrief.»