Hunzenschwil / Aarau
Tansania-Auswanderin: «Ich kann mich überall daheim fühlen»

Mit 16 zog sie erstmals nach Afrika, aktuell lebt Daniela Lilja (29), aufgewachsen in Hunzenschwil, in Tansania. Der nächste Umzug steht bereits an.

Katja Schlegel
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Daniela Lilja aus Hunzenschwil (29) arbeitet für Helvetas in Dodoma, der Hauptstadt von Tansania.

Daniela Lilja aus Hunzenschwil (29) arbeitet für Helvetas in Dodoma, der Hauptstadt von Tansania.

Bild: Zvg/Aargauer Zeitung

Das Afrika, von dem in Europa nie etwas zu lesen ist, das wird Daniela Lilja vermissen. Das Afrika der Veränderung, Tansania im Speziellen. Das mit 56 Millionen Einwohnern fünftgrösste Land Afrikas, das beispielsweise im März mit Muslima Samia Suluhu Hassan erstmals eine Frau ins Präsidentenamt gewählt hat. Eine Frau des Wandels, die bereits Gelder umdisponiert hat, um mehr Lehrpersonen und Pflegepersonal anzustellen, und Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern fördern will.

Seit rund zwei Jahren lebt Daniela Lilja (29) in Tansania, dem ostafrikanischen Land zwischen Kenia und Mosambik, bekannt für seinen Naturreichtum und den Kilimandscharo. Doch aufgewachsen ist sie in Hunzenschwil, bis zu ihrer Auswanderung lebte sie jahrelang in Aarau. Und bald schon wird es sie in eine andere Richtung ziehen, nach Belgien. Doch der Reihe nach.

«Ich wollte nicht wie alle andern in die USA»

Mit 16 Jahren hat sich Daniela Lilja entschlossen, für ihr Austauschjahr als Kantischülerin nach Südafrika zu gehen. Der Entscheid kam spontan. «Ich wollte nicht wie alle andern in die USA, ich wollte etwas anderes», sagt sie.

Und so reiste sie nach Südafrika, als Gast einer schwarzen Familie im von Apartheid gezeichneten Land – und kam ganz schön auf die Welt. «Ich habe mich sehr erschrocken, mit wie vielen Vorurteilen ich da konfrontiert wurde.» Dass sie beispielsweise als junge Weisse mit ihrem schwarzen Gastvater, einem Hünen von einem Mann, im Park Sport machte, sorgte jeweils für viel Aufregung. «Und das ist noch eine der harmlosen Geschichten», sagt sie.

Doch Daniela Liljas Begeisterung für Afrika ist ungebrochen. In Basel, Botswana und Südafrika studierte sie Geografie und Ethnologie, und so ergab das eine das andere: Sie entschloss sich, sich in der Entwicklungszusammenarbeit zu engagieren.

Seit rund zwei Jahren arbeitet sie nun in Tansania für Helvetas, eine Schweizer Organisation für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe. Sie unterstützt ein Projekt, das Jugendlichen eine Berufsausbildung ermöglicht, ihnen den Einstieg ins Berufsleben erleichtert, Perspektiven schafft. Jugendlichen werden Wege und Möglichkeiten aufgezeigt, ihre Wünsche und Talente zu nutzen, und Lehrbetriebe bekommen pädagogische Hilfe und werden mit Berufsschulen verlinkt. «Eine Ausbildung ist wichtig für die jungen Menschen, denn arbeiten müssen in Tansania alle», sagt Daniela Lilja. Das Land kennt keine Sozialhilfe für Arbeitslose, wer nicht arbeitet, hat kein Geld. Das Projekt ermöglicht jedes Jahr rund 1000 Jugendlichen den Einstieg ins Berufsleben.

Mit welcher Meinung sie grösste Mühe hat

Es ist eine Arbeit, die ihr grosse Freude macht, vor allem das Zusammenarbeiten mit den Jugendlichen und ihrem Team vor Ort. Aber auch eine Arbeit, die sie zum Nachdenken gebracht hat. Die landläufige Meinung in westlichen Ländern, als Weisse den Schwarzen etwas erklären zu müssen, macht ihr Mühe.

Daniela Lilja arbeitet aktuell für ein Helvetas-Projekt in Tansania.

Daniela Lilja arbeitet aktuell für ein Helvetas-Projekt in Tansania.

Helvetas/Franz Thiel

Vor allem in einem Land wie Tansania, das mit dem europäischen Bild Afrikas so gar nichts zu tun habe. «Unser Bild von Afrika ist geprägt von Armut und Konflikten. Aber in Tansania ist das so weit weg. Hier gibt es wohl arme Menschen, aber keine Slums. Und die Mittelschicht wächst.» Daniela Lilja beschreibt das Land als sehr lebendig, kreativ, zufrieden. Und als sicher; sie habe überhaupt keine Mühe damit, auch abends alleine unterwegs zu sein. Gefährlich werden könnte ihr eher ein Hund, ein Huhn oder eine Geiss, die ihr vors Velorad springt.

Sie schwärmt von der Freundlichkeit, Gelassenheit, dem herzlichen Miteinander. Vom Essen, arabisch angehaucht und mit viel Gemüse, und von der Musik.

Was sie das Leben in Tansania gelehrt hat

Lange wird Daniela Lilja nicht mehr in Tansania bleiben. Sie will weiter studieren, Soziale Arbeit. Ende Juni zieht sie weg, nach Brüssel zu ihrem schwedischen Mann Simon, der da für die EU arbeitet.

Denn eines hat sie das Leben in Tansania gelehrt: Familie und Freunde stehen hier über allem. Und beides fehlt ihr, Corona hat das nicht einfacher gemacht. «Es ist halt schon weit bis in die Schweiz», sagt sie. Belgien sei da viel besser. Wobei: Manchmal sei sie schon etwas zerrissen. Die Ferne lockt. «Wer weiss, wo es meinen Mann und mich dereinst hin verschlägt», sagt sie und lacht. «Ich kann mich überall daheim fühlen.» Sicher ist, dass sie Tansania wieder besuchen wird: «Ich freue mich bereits sehr darauf, in ein paar Jahren zurückzukehren und zu sehen, wie sich Stadt und Land weiter verändert haben.»

Worauf sie sich in Europa freut

Auch wenn sie Tansania vermissen wird – auf eines freut sie sich in Europa sehr: «So nahe am Äquator fällt die Sonne um halb sieben hinter den Horizont, dann ist es stockdunkel», sagt Daniela Lilja. Die langen Sommernächte hat sie vermisst. «Und vor allem: einen Sommerabend in der Aarauer Schwanbar.»