Aare
Hunderte Äschen in der Aare sind von tödlichem Pilz befallen

Fischer haben drei kranke Exemplare zur Untersuchung nach Bern gebracht – mit Verdacht auf einen aggressiven Pilz. Die vielen Chemikalien im Wasser könnten die Ursache sein –oder der zu milde Winter.

Sabine Kuster
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Eine Äsche mit Pilzerkrankung (helle Flecken), fotografiert Ende März in der Aare.
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Von Pilz befallene Äsche in der Aare.
Von Pilz befallene Nase der Aare.
Von Pilz befallene Äsche in der Aare.
Von Pilz befallene Äsche in der Aare.
Von Pilz befallene Nase in der Aare.

Eine Äsche mit Pilzerkrankung (helle Flecken), fotografiert Ende März in der Aare.

zvg

«Seit Jahrzehnten hatten wir das nicht mehr so», sagt Markus Jurt. Er ist der Präsident der Vereinigten Fischereivereine Aarau-Brugg (VFAB). Grosse, helle Flecken auf den Körpern der Fische sind es, die ihm und seinen Fischerkollegen grosse Sorgen bereiten: Pilzbefall.

Jurt hat eine Meldung an alle Fischer verschickt: Wer einen verpilzten Fisch fange, solle dies umgehend mitteilen. Die ersten kranken Fische wurden am 27. März beim Kraftwerk der IBAarau gesichtet. Es handelte sich um Äschen.

Am 30. März entdeckte der Präsident des Fischerklubs Villnachern oberhalb des Kraftwerk Villnachern weitere befallene Fische – darunter auch die vom Aussterben bedrohten Nasen. Fischereiaufseher David Bittner von der Abteilung Jagd und Fischerei zeigte sich äusserst beunruhigt.

Verdacht auf hochansteckenden Pilz

Gleich am Tag nach dem ersten Fund wurden deshalb drei der Äschen zur Fischuntersuchungsstelle nach Bern gebracht. Nach einem ersten Augenschein befürchtete die zuständige Pathologin, es könnte sich um die hochansteckende Pilzerkrankung Saprolegnia Parasitica handeln.

Dieser Krankheitserreger wurde vor zwei Jahren aus dem Einzugsgebiet des Doubs in die Schweiz eingeschleppt – entweder durch fischfressende Vögel, wahrscheinlicher aber durch Kanuten mit ihren Kanus oder Fischer mit ihrer Ausrüstung und den Stiefeln.

Die Sektion Jagd und Fischerei des Kantons Aargau hat vor Saprolegnia Parasitica schon 2012 gewarnt. Der Aargau war damals jedoch noch nicht betroffen.

Vor allem am Kopf und an den Flossen wächst den erkrankten Fischen eine dicke Pilzschicht, die häufig zum Tode führt. Für die Menschen ist der Pilz keine Gefahr, die Fische können sogar bedenkenlos verspeist werden.

Das definitive Untersuchungsergebnis liegt noch nicht vor. Markus Jurt sagt: «Wir wollen nicht den Teufel an die Wand malen, solange wir keine sicheren Resultate haben.» Sehr besorgt ist er dennoch, dass es die aggressive Art des Saprolegnia Parasitica sein könnte.

Zuerst dachte Jurt, die Erkrankung sei vielleicht darauf zurückzuführen, dass die Äschen gerade am Laichen seien und die Muttertiere deswegen geschwächt. Doch er sagt: «Was wir jetzt sehen, ist nicht normal. Es sind sehr viele Fische vom Pilz befallen.»

Ist der milde Winter schuld?

Der Grund für den Pilzbefall könnte mit dem milden Winter und dem dadurch wärmerem Wasser zu tun haben. Oder aber mit Pestiziden. Erst vor einem Monat wurde publik, dass die Schweizer Flüsse nicht so sauber sind, wie allgemein angenommen wird.

Forscher kommen zum Schluss, dass die Schweizer Fliessgewässer einen ganzen Cocktail an Pestiziden aufweisen.

Über hundert verschiedene Chemikalien wurden gefunden. Im Aargau war die Surb untersucht worden. Resultat: 44 Herbizide, 24 Fungizide, 8 Insektizide.

«Das Wasser wird einfach zu wenig ernst genommen», sagt Jurt. Das neue Gewässerschutzgesetz müsse unbedingt rascher umgesetzt werden.

Das heisst: Die Kläranlagen besser ausrüsten, damit die Pestizide rausgefiltert werden. Die Kraftwerke müssten die Wasserstandschwankungen im erträglicheren Rahmen halten.

«Auch mehr Kies statt verschlammter Boden wäre wichtig», so Jurt.

Doch er ist pessimistisch: «Es wird zwanzig, dreissig Jahre dauern, bis das Gesetz in der Natur Erfolge zeigt.»

Dabei gehe es ihm nicht um den Fischfang: «Wir Fischer fischen nicht mehr, um die Familie zu ernähren.» Fischer sind heute die Anwälte des Unterwasserlebens.

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