Detailhandel

Holziken ist bald ohne Lädeli – doch das Lädelisterben in der Region könnte schlimmer sein

In den 59 Gemeinden der AZ-Region Aargau West gibt es nur fünf Gemeinden, die ohne Lädeli da stehen.

Aus und vorbei. Am Samstag, 18. Januar, wird Toni’s Treffpunkt in Holziken letztmals geöffnet sein. Mit der Schliessung des Ladens verliert das Dorf seine letzte Einkaufsmöglichkeit für den täglichen Bedarf – für immer. Das ist umso erstaunlicher, als Holziken mit 1458 Einwohnern zwar ein kleines, aber nicht ein sehr kleines Dorf ist und ausserdem in letzter Zeit einen starken Bevölkerungszuwachs verzeichnete.

Wie steht es mit der Grundversorgung in den 59 Gemeinden der AZ-Region Aargau West? Besser, als man nach den Jahren mit grossem Lädelisterben meinen könnte – selbst wenn man die teilweise grossen Tankstellen-Shops nicht mitberücksichtigt.

Viele Kleine haben die Chancen der liberalisierten Öffnungszeiten genutzt. So haben viele Volg- und Denner-Satelliten abends bis 20, sogar 21 Uhr offen – und teilweise auch am Sonntag. Nur fünf der 59 Gemeinden sind ohne Lädeli: Neben Holziken sind dies Birrwil, Leutwil, Ammerswil und Leimbach.

Holziken und Birrwil haben beide über 1400 Einwohner. Das bisherige Geschäft in Holziken befand sich an einer suboptimalen Lage (schwierige Zufahrt), Birrwil verfügt über kein wirkliches Dorfzentrum.

Volg entwickelt sich zum ländlichen Platzhirsch

Die AZ-Region Aargau West verfügt über 14 Migros, darunter einen MMM im Wynecenter Buchs. Aus Hunzenschwil fährt jeweils am Dienstagnachmittag ein Gratisbus in dieses Einkaufscenter. Dabei ist Hunzenschwil, was den Detailhandel anbetrifft, gar nicht schlecht versorgt: Es hat einen Lidl, einen Volg, einen Coop Pronto und im Juni lag ein Baugesuch für einen Denner auf.

Migros-Filialen hat es nicht nur in den Städten, sondern auch in Gemeinden wie Fahrwangen, Seon oder Erlinsbach. Der orange Riese ist zudem mit vier Voi (Küttigen, Seengen, Niederlenz Unterkulm) vertreten sowie mit einem guten halben Dutzend Migrolinos, beispielsweise im Bahnhof Lenzburg.

Coop betreibt in Aargau West 20 Supermärkte, darunter auch einige Mega-Stores wie jenen in der Aarauer Telli. Coop-Läden hat es etwa in Unterkulm, Fahrwangen und Erlinsbach. Ausser in Möriken-Wildegg hat es an jedem Migros-Standort auch einen Coop.

Im Vergleich zur restlichen Schweiz sind die deutschen Discounter in der Region noch nicht verbreitet. Aldi hat vier Filialen (Aarau, Buchs, Reinach und Niederlenz), Lidl drei (Aarau, Niederlenz und Hunzenschwil). Das Expansionstempo ist etwas erlahmt, bekannt sind nur die Pläne von einem Lidl in Reinach.

m Bereich Nahversorgung hat sich die Volg-Kette (Tochter des Agrarriesen Fenaco) in den letzten Jahren sehr profiliert. Mit Ausbauten wie auch Neueröffnungen. Zuletzt in der neuen Grossüberbauung Römerpark in Oberentfelden vor einem Jahr.

Im nächsten Frühsommer kommt ein Volg in Erlinsbach AG dazu (statt des Prima der Bäckerei Leuenberger). Die meisten Volg-Läden haben abends lange offen. Gränichen, Hunzenzenschwil, Othmarsingen und Schafisheim sogar bis 21 Uhr. Einige Volg-Läden sind auch am Sonntag offen: so Meisterschwanden und Beinwil am See jeweils von 8 bis 20 Uhr. Diese beiden sind auch, wie viele andere Volg, Postagenturen.

Volg alleine ist allerdings noch kein Erfolgsrezept. So kämpfte der Volg Teufenthal ums Überleben. Seit einem Appell in Form eines Briefes an die Dorfbevölkerung ist der Umsatz aber erfreulicherweise leicht gestiegen.

Die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten macht sich auch Denner zunutze, insbesondere auch seine von Privaten geführten «Satelliten» (einst vom Schweizer Discounter-Pionier Karl Schweri im Kampf gegen das Lädelisterben ins Leben gerufen). Im Gebiet Aargau West gibt es 18 Denner, davon sind 6 Satelliten. Derjenige in Kölliken ist auch sonntags offen (9 bis 18 Uhr).

In der Region eher schlecht verbreitet ist Spar: Derjenige im Lenzopark in Staufen ist dafür gross (1200 Quadratmeter, über 8000 Artikel). Der Spar Oberentfelden ist neuerdings am Sonntag nicht mehr geöffnet – weil dann keine Angestellten, sondern nur die Ladeninhaber und deren Familienangehörige beschäftigt werden dürfen.

Die grosse Liebe der Kirchleerber zu ihrer Chäsi

Das Lädeli, das am stärksten an ein klassischen Tante-Emma-Laden erinnert, ist die Chäsi in Kirchleerau (870 Einwohner). Etwas Gemüse, Brot, Lebensmittel für den täglichen Bedarf, eine vielseitige Käsetheke – und, wie alle ganz Kleinen, die Möglichkeit, an einem Tisch einen Kaffee zu geniessen. Ebenso rührend wie das Lädeli ist seine Trägerschaft: Als die damalige Chäsi 2013 zuging, wurde ein Verein Dorfladen gegründet.

Jedes Mitglied zeichnete einen Anteilschein. Als im letzten Herbst Geld für kleine Modernisierungen benötigt wurde, organisierte der Verein spontan einen Fondue-Plausch, an welchem 188 Personen teilnahmen. Die gute Seele des Geschäfts ist Monika Schmid, die die Chäsi seit über fünf Jahren führt.

Die interessanten Fälle Brunegg, Biberstein und Reitnau

Ähnlich, aber deutlich grösser ist der Dorfladen in Reitnau. Auch er würde ohne Enthusiasmus nicht mehr bestehen. Eine wichtige Rolle spielt dabei SVP-Nationalrat Thomas Burgherr (Wiliberg). In Biberstein hat die Stiftung Schloss Biberstein ihren Schlossladen zu einem modernen Quartierladen erweitert. Er erreicht das Niveau eines Volgs – und hat eine Sitzecke, in der Weinproben durchgeführt werden.

Gross ist auch der Kampf der Brunegger für eine minimale Nahversorgung. 2013 wurde der Volg geschlossen – er war seinerzeit landesweit der erste mit einer Postagentur. Ende 2016 wurde die Bäckerei-Konditorei Lehmann eröffnet.

Im Angebot sind unter anderem auch gewisse Fleischwaren und ein Menu (gestern Spaghetti mit Tomatensauce) – schliesslich hat man auch ein in den Laden integriertes Café. Eine wichtige Rolle spielt auch der Bancomat, der nur dank finanziellem Engagement der Gemeinde eingerichtet werden konnte.

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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