Aarau

Hoffnung für den «Krähenbaum»: Kriegt er eine Galgenfrist bis Juli?

Die Rotbuche beim Kantonsspital Aarau soll gefällt werden, weil sie von den Krähen besetzt wird und dadurch Dreck anfällt.

Die Rotbuche beim Kantonsspital Aarau soll gefällt werden, weil sie von den Krähen besetzt wird und dadurch Dreck anfällt.

Das drohende Ende des «Krähenbaums» beim Kantonsspital Aarau bewegt. Was sagen die Patienten dazu, warum wurden die Mitarbeiter überhaupt informiert – und warum könnte der Baum eine Galgenfrist bis im Juli erhalten? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die Kommentarspalten zeigen es: Die einen halten den Aufruhr um die drohende Baumfällung beim Kantonsspital Aarau (KSA) für übertrieben, die anderen applaudieren den Naturschützern und Mitarbeitenden, die für den Baum auf die Barrikaden gehen (die AZ berichtete). Klar ist: Bei den meisten Menschen wecken Bäume Emotionen. Während die Schlieremer lieber einen ganzen Baum versetzen, statt ihn zu fällen (siehe Video unten), versucht der KSA-Verwaltungsrat derzeit, der Öffentlichkeit zu erklären, weshalb eine rund 100-jährige Buche auf dem Spitalareal fallen soll. Die AZ hat 9 Fragen und Antworten dazu zusammengetragen.

1. Warum soll der Baum weg?

In den Ästen der Blutbuche nisten zahlreiche Krähen. Sie machen einerseits Lärm. Vor allem morgens und abends. Andererseits verunreinigt ihr Kot den Weg unter dem Baum. Und dabei handelt es sich um einen der Hauptzugänge zum Kantonsspital, direkt beim Restaurant. Weil man diesen Weg sauber halten will, hat das KSA Mehrarbeit: «Das Team Arealunterhalt muss zwei- bis dreimal pro Woche mit den Putzmaschinen durchfahren», so Mediensprecherin Andrea Rüegg.

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2. Bekommt man das Krähen-Problem mit der Fällung eines einzigen Baumes in den Griff?

Das KSA ist sich bewusst, dass die Krähen wohl nicht ganz vom Gelände verschwinden, wenn man ihren Haupt-Baum entfernt. Man hofft aber, dass sie sich auf andere, weniger exponierte Bäume verziehen.

3. Hat das KSA schon andere Methoden ausprobiert?

«Das Kantonsspital Aarau hat in den letzten 10 Jahren mit ganz unterschiedlichen Methoden versucht, der Krähenproblematik im KSA-Areal Herr zu werden», so Rüegg. Weder das Entfernen der alten Nester ausserhalb der Brutzeit noch das Aufhängen von Folienbändern brachten einen spürbaren Effekt; auch der Versuch, die Krähen mittels Klangelementen auf andere Bäume zu locken, scheiterte. Vor einem Jahr engagierte das KSA sogar eine Tierkommunikatorin, um herauszufinden, warum sich die Krähen überhaupt beim Spital aufhalten. «Wir wollten in unserem schönen Spitalpark nicht einfach Vögel abschiessen oder Bäume fällen», erklärte KSA-Sprecherin Andrea Rüegg damals. Laut Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach kämpfen Städte europaweit gegen als störend empfundene Saatkrähenkolonien – und eine Standardlösung gibt es nicht: «In Münsingen werden beispielsweise lebende Falken auf der Hand herumgetragen», sagt der Experte. Möglich sei auch ein Rückschnitt des Baumes, denn Saatkrähen bauen ihre Nester am liebsten in stark verzweigten Baumkronen.

4. Wie viele Krähen gibt es überhaupt auf dem KSA-Gelände?

Sicher ist, dass es sowohl Raben- als auch Saatkrähen hat. Jedes Jahr nisten ungefähr 40 Saatkrähen-Paare beim KSA, zu einem grossen Teil auf besagter Buche. Rabenkrähen kommen in grossen Schwärmen, zählen kann man sie unmöglich.

Rotbuche in Schlieren um 170 Meter versetzt:

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So einen Baumtransport hat die Schweiz noch nie gesehen: Eine 70- bis 80-jährige Rotbuche ist im Stadtzentrum von Schlieren ZH auf einem Tieflader um rund 170 Meter versetzt worden - wegen der Limmattalbahn.

5. Was sagen die Patienten zu den Vögeln?

Bei der KSA-Beschwerdestelle ist erst eine offizielle Beschwerde eingegangen. Unter den Patienten und KSA-Besuchern gibt es aber sowohl Krähenfreunde als auch -feinde: Den Gegnern missfallen nicht nur Lärm und Dreck; einige Leute assoziieren Krähen – insbesondere Rabenkrähen – mit Unglück oder gar mit Hexerei. Rabenfans loben die Intelligenz der Tiere und schätzen es, ihr Sozialverhalten zu beobachten. So erzählen auch KSA-Patienten, die über längere Zeit bleiben müssen, die Krähen hätten ihren Alltag bereichert.

6. Der Baum steht am Rande des Baufeldes für den geplanten Neubau von Haus 1 (soll 2024 fertig sein). Muss er deshalb weg?

Wo genau im Baufeld das neue Spital stehen soll, wird sich erst in etwa einem Jahr zeigen. «Es ist noch nicht entschieden, welche Bäume weichen müssen», so die KSA-Mediensprecherin. «Ziel ist es, möglichst viele von ihnen zu erhalten. Bei der Rotbuche ist aufgrund ihrer Lage eine Fällung möglich.»

7. Warum hat das KSA die Fällung überhaupt im Intranet angekündigt und so Widerstand riskiert?

Aus Sicherheitsgründen, erklärt die Mediensprecherin: «Für dieses Vorhaben muss während mehrerer Stunden die Zufahrt zum Haupteingang sowohl für Autos wie auch für Fussgänger gesperrt werden.»

8. Dutzende KSA-Mitarbeitende haben gegen die Fällung demonstriert. Müssen Sie mit Sanktionen rechnen?

100-jähriger Baum soll wegen Krähen gefällt werden – Spitalangestellte demonstrieren

Das KSA respektiere die freie Meinungsäusserung der Mitarbeitenden, erklärt Andrea Rüegg. Tatsache ist: Der Park liegt den Mitarbeitenden sehr am Herzen. Immer wieder wird er auch bei Mitarbeiterumfragen erwähnt, wenn es darum geht, was zur Attraktivität des Arbeitsplatzes beiträgt.

9. Wie geht es mit dem Baum weiter?

«Aufgrund der Vorkommnisse Ende letzter Woche wurde der Entscheid zur Fällung der Rotbuche bis auf weiteres vertagt», hiess es am Montag vonseiten des KSA. Das bedeutet noch nicht, dass der Baum gerettet ist. Er erhält aber möglicherweise eine Galgenfrist. Die Saatkrähen, die ihre Nester auf dem Baum haben, geniessen eine Schonzeit vom 16. Februar bis zum 31. Juli. Während dieser Zeit darf der Baum sicher nicht gefällt werden. Aus Sicht der Vogelwarte Sempach ist es wichtig, dass eine Fällung ausserhalb der Schonzeit erfolgt. «Dann haben die Saatkrähen kein Problem damit, sie werden auf einen anderen Baum ausweichen», so Michael Schaad. «Bei allem, was man bisher über Saatkrähen weiss, kann man davon ausgehen, dass sie nicht einfach vom Areal verschwinden werden.»

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