Mostindien», «Steinbockitaliener» oder eben: «Rüebliländer». Nick- oder Kosenamen sind meist humoristisch und mit einem Augenzwinkern entstanden. Wie der Aargau wirklich zum Zusatz «Rüebliland» gekommen ist, bleibt wohl für immer ein Geheimnis. Dass die Aargauer «Rüebliländer», zumindest vor bald hundert Jahren, als knorrig und schräg, aber auch als gesellig und durchaus sympathisch galten, beweisen die zahlreichen historischen Postkarten von damals.

Das Rätsel bleibt ungelöst

In der Deutschschweiz ist die Aargauer Rüeblitorte wohlbekannt und ein Klassiker bei vielen Feiern. Wie die Torte zu ihrem Namen gekommen ist, bleibt aber rätselhaft. Klar ist nur, dass ihr Ursprung im Kanton Aargau liegt. Tatsache ist, dass die Rüeblitorte vor rund 130 Jahren erfunden wurde. Damals tauchte für den Kanton Aargau das erste Mal auch der Spitzname «Rüebliland» auf. Grund dafür könnte eine Verwechslung gewesen sein. Denn im Aargau werden schon seit je Zuckerrüben angebaut. Oder hat der Volksmund «Rüebli» mit Räben verwechselt, weil die Herbsträbe eine alte Aargauer Kulturpflanze ist?

Ein Pfarrer schuld?

Eine andere mögliche Erklärung besagt, dass ein Basler Pfarrherr irgendwann einmal sein Amt in Brugg versehen und seiner Familie immer wieder Karotten mit nach Hause gebracht hat. Der Name «Rüebliland» käme somit aus dem Baselbiet.

Eine vierte mögliche Erklärung bietet die Aargauer «Rüebli»-Anbaumethode der Nachkriegszeit. Dabei wurden die Karottensamen in Gerstenfelder gesät, sobald die Frucht keimte. Ernten konnte man dann zuerst Gersten und danach die «Rüebli».

Arbeitaufwändige Kultur

Der Aargau gehört zu den wichtigsten Gemüsebaukantonen. 2015 wurden gemäss der Statistik des Landwirtschaftlichen Zentrums Liebegg in Gränichen knapp 200 Hektaren Rüebli angepflanzt. Zu wenig, um bei einer gesamtschweizerischen Anbaufläche von rund 1800 Hektaren Jahresproduktion als «gekrönter Rüeblikanton» in die Kränze zu kommen. Das Rüebli als solches ist und bleibt aber bei den Konsumenten beliebt. Pro Kopf und Jahr werden davon fast acht Kilogramm verspeist. Und auch beim Gemüseanbau selber schwingt das Rüebli mit einem Arbeitsaufwand von rund 900 Stunden pro Hektare obenauf.

Dass dem Aargau der Spitzname «Rüeblikanton» erhalten bleibt, dafür sorgt seit bald 40 Jahren der unterdessen zur Tradition gewordene Aarauer Rüeblimärt in der herbstlichen Kantonshauptstadt Aarau. Zehntausende von Besuchern aus der ganzen Schweiz pilgern jeweils ins «Rüebliland» und sorgen gut gelaunt für grosse Stimmung. Die Wetteraussichten für kommenden Mittwoch sind gar nicht so schlecht.

Eiskalt und wunderschön: Der Rüeblimärt-Aufbau im Morgengrauen

Eiskalt und wunderschön: Der Rüeblimärt-Aufbau 2017 im Morgengrauen.

Die Ruhe vor dem Sturm ist hart verdient. Mitten in der Nacht sind sie aufgestanden, die Standbetreiberinnnen und Standbetreiber am Aarauer Rüeblimärt. Um  parat zu sein, wenn um 7.30 Uhr die vielen Besucher kommen.

Botschafter für gute Stimmung

Sympathisch, witzig und lebensfreudig sind sie, die «Rüebliländer»! (Sag das mal den Zürchern ...) Diese Botschaft über die Kantonsgrenzen hinausgetragen haben Anfang des letzten Jahrhunderts die unterdessen raren und begehrten Rüeblikarten. Mit einem Augenzwinkern und viel hintergründigem Humor beweisen die bis ca. 1930 gelaufenen Postkarten, dass die Aargauer durchaus mit Ironie und Doppelbödigkeit umgehen können. Die Aargauer haben sich damals nicht nur als jass- und festfreudig, sondern auch als trinkfest präsentiert.

Gegen 100 Kartensujets

Die postalischen Grüsse aus dem «Rüebliland», die von nicht weniger als neun Kartenverlagen (in Zürich, Basel und Will SG) herausgegeben wurden, haben lange Zeit auch den Hobby-Historiker und Sammler Willy Dätwyler aus Unterentfelden begeistert. Über Jahrzehnte hat sich der vor zwei Jahren verstorbene ehemalige Staatsbeamte – übrigens gleich wie das Aargauische Staatsarchiv 1963 für eine volkskundliche Dokumentation – nach Rüeblikarten gesucht und so eine grosse Sammlung von gegen hundert verschiedenen Sujets zusammengestellt. Abgebildet sind, neben Fest- und Feiertagsanlässen auch Liebes-Szenen Jassmotive und sogar politische Sujets wurden für Rüeblikarten ausgewählt. Zudem wurden auch Porträtaufnahmen mit Rüebli samt Kraut verziert. Sie alle sind bis heute eine Augenweide und Beweis, dass sich auch im Rüebliland nicht alle zu wichtig nehmen.