Armutsstudie
Hilfsorganisation warnt: Der Kanton Aargau wird immer ärmer

Die Armut im Kanton Aargau nimmt zu. Die Hilfsorganisation Caritas will nun aktiv dagegen vorgehen und fordert einen regelmässigen Armutsbericht. Das sei unnötig, findet die Regierung.

Sven Zaugg
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Keystone

Arm sind Menschen, die über so geringe Mittel verfügen, dass sie am gesellschaftlichen Leben nur beschränkt teilhaben können oder ganz davon ausgeschlossen sind. So umschreibt die Hilfsorganisation Caritas jenen Begriff, der in der Schweiz lange Zeit tabuisiert wurde und teilweise auch heute noch wird - Armut.

Caritas geht davon aus, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung von Armut (siehe Box) betroffen sind. Allein Im Kanton Aargau sind das bei einer Bevölkerungszahl von knapp über 600 000 nicht weniger als 60 000 Personen.

Armutsgrenze

2008 betrug die Armutsgrenze laut Bundesamt für Statistik (BFS) pro Monat 2300 Franken für Alleinstehende, 3900 Franken für eine allein erziehende Person mit zwei Kindern und 4800 Franken für ein Ehepaar mit zwei Kindern. Die relevanten Posten bei der Errechnung der Armutsgrenze sind: Wohnkosten, Nahrung, Kleider, Gesundheitskosten, Energieverbrauch, Fahrtkosten, Kommunikationsmittel, Bildung und Freizeit. Hinzu kommen Prämien für Versicherungen. (sza)

Sind bereits Kinder und Jugendliche von Armut betroffen, wird es später umso schwieriger (und kostspieliger), ihnen einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen, was zahlreiche Studien im In- und Ausland belegen.

Nachhaltige Familienpolitik gefordert

Caritas hat sich zum Ziel gesetzt, die Armut in der Schweiz bis 2020 zu halbieren. «Wir möchten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so ändern, dass weniger Menschen und vor allem weniger Kinder in Armut leben müssen», erklärt Kurt Brand, Geschäftsführer Caritas Aargau. Um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, braucht es verlässliche Grundlagendaten, die bei der Bekämpfung der Armut helfen sollen. Man wisse heute wenig über die Situation der Betroffenen, sagt Brand. «Ausmass, Entwicklung, Ursachen, und Wirkung von Armut werden kaum systematisch erfasst», kritisiert er und fordert, dass die Armutsbekämpfung konkreter und aktiver angegangen werden müsse.

Die Auffassung Brands teilt auch eine überparteiliche Gruppierung von Grossrätinnen und Grossräten. Sie verlangen vom Aargauer Regierungsrat einen regelmässigen Armutsbericht. Darauf aufbauend sollen Ziele und Massnahmen formuliert werden, «wie die kantonale Armutsrate effektiv gesenkt werden kann».

Im Fokus steht unter anderem eine nachhaltige Familienpolitik: Mangelnde Ausbildung habe einen grossen Einfluss auf die Armut; Frühförderung und die Familienpolitik seien entscheidend, ob Armut «vererbt» werde, argumentiert die Gruppierung.

Regierungsrat sieht keinen Nutzen in Armutsstudie

Der Kanton Aargau teilt zwar die Ansicht, dass der «Armutsprävention bei Kindern und Jugendlichen ein hoher Stellenwert zukommt». Die Bildung soll demnach in sozial benachteiligten Milieus gefördert werden, um den Übertritt in den Arbeitsmarkt überhaupt zu ermöglichen.

Man ist sich also weitgehend einig, dass die Armut bekämpft werden muss. Einzig bei der Umsetzung herrscht Uneinigkeit: Der Regierungsrat sieht keinen Nutzen in einem regelmässigen Armutsbericht.

«Der Regierungsrat legt sein Augenmerk auf die Erarbeitung einer Sozialpolitischen Planung und auf die Nutzung bestehender Instrumente, um dem Thema Armut gerecht zu werden», sagt Balz Bruder vom Department Gesundheit und Soziales (DGS). Konkret heisst das: Der Kanton verfügt laut DGS mit der Sozialpolitischen Planung, der Sozialhilfe- und Steuerstatistik über genügend Instrumente, mit denen die Entwicklung der Armut verfolgt werden kann. Nächstes Jahr sollen im Zuge dieser Sozialpolitischen Planung erste Ergebnisse präsentiert werden. Für eine Armutsstudie seien die Ressourcen jedoch nicht vorhanden, so Bruder.

Sozialhilfe als Investition in die Zukunft

Caritas-Geschäftsführer Brand bemängelt den Verzicht auf einen detaillierten, periodischen Armutsbericht und befürchtet, dass auf kantonaler Ebene zu wenig passieren wird, «damit wir die Armut in den Griff kriegen».

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Sozialdienste: «Die Nachbarkantone Bern, Solothurn oder Luzern kennen flächendeckend regionale Sozialdienste, die hochprofessionell arbeiten», sagt Brand. Im Kanton Aargau komme es sehr auf den Wohnort an, «wie professionell Sozialempfängern geholfen wird». Dazu sagt das Departement Gesundheit und Soziales lediglich: «Es ist schon heute so, dass die Gemeinden verpflichtet sind, einen Sozialdienst zu führen.»

Für Brand ist klar: «Die Politik hat ein grosses Interesse daran, nur wenige Sozialhilfefälle finanzieren zu müssen. Wenn aber die Hemmschwelle zu gross ist, Hilfe zu beantragen, verursacht dies langfristig Folgekosten.» Gründe für die hohe Hemmschwelle ortet Brand bei der Rückzahlung der Sozialhilfe, die im Kanton Aargau sehr streng geregelt sei. Die Hilfsorganisation schlägt vor, dass sich der Kanton mindestens in diesem Bereich an den «liberaleren» Richtlinien der Schweizerischen Konferenz Für Sozialhilfe (SKOS) orientiert. Die Sozialhilfe müsse in Zukunft weniger als Aufwand betrachtet werden sondern viel mehr als Investition in die Zukunft, hofft Brand.