Aarau
«Hilfe brachte Armut und Korruption»: Afrikanische Flüchtlinge über ihre Heimat

Äthiopische Asylbewerber wollen mithilfe des Netzwerks Asyl Aargau ihre vergessene Heimat zum Thema machen. An einer Tagung im Aarauer Bullingerhaus erzählten sie von ihren Erfahrungen in Äthiopien und ihrem Leben als Flüchtling in der Schweiz.

Peter Weingartner
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Gesprächsleiter Max Heimgartner und Geri Müller hören Abdul Abdulrahmans Schilderungen zu.wpo

Gesprächsleiter Max Heimgartner und Geri Müller hören Abdul Abdulrahmans Schilderungen zu.wpo

Peter Weingartner

Äthiopien steht nicht im Fokus der Medien. Wenn ein afrikanisches Land in die Schlagzeiten gerät, dann sind das die Zentralafrikanische Republik, Südsudan, Tschad oder Nigeria. Das wollen im Aargau lebende Flüchtlinge aus Äthiopien ändern. An der Tagung des Vereins Netzwerk Asyl Aargau am Samstag im Bullingerhaus erzählten sie von Menschenrechtsverletzungen und dem autoritären Regime, das keine Opposition dulde.

«Die Menschen sind gebrochen, vergessen», sagte beispielsweise Abdul Abdulrahman. Der Secondo mit äthiopischen Wurzeln, mit 16 vor dem damals kommunistischen Regime geflohen und heute Sozialarbeiter und Sozialpädagoge, unterstützt in seiner alten Heimat eine Schule für sehbehinderte Mädchen.

Schwatz beim Kaffee, dem Exportprodukt Nummer 1 von Äthiopien
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Patrizia Bertschi, Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl Aargau, Max Heimgartner und Geri Müller hören Abdul Abdulrahman zu
Man liess es sich schmecken und diskutierte weiter
Interkulturelles Bullingerhaus
Girma Kana stellte sein Heimatland vor
Interkulturelle Unterhaltung in der Pause
Ein Buffet mit äthiopischem Mittagessen
Auch Gesprächsleiter Max Heimgartner und Geri Müller hören Abdul Abdulrahman aufmerksam zu
Abdul Abdulrahman in der Diskussion

Schwatz beim Kaffee, dem Exportprodukt Nummer 1 von Äthiopien

Peter Weingartner

Ohne Bestechung läuft nichts

Er habe da einen Gefangenen besucht, der beschuldigt wird, zum Glaubenskrieg angestiftet zu haben. «Teile und herrsche» – das sei offenbar die Strategie des Regimes. Streitigkeiten, die zu blutigen Auseinandersetzungen führen, würden bewusst provoziert. «Um zehn Minuten mit dem Gefangenen reden zu können, musste ich alle Stellen bestechen», erzählte er.

Ein anderer Mann, dessen Familie er besucht hat, sitzt seit zehn Jahren im Gefängnis, weil er Streit mit einem Polizisten gehabt habe. Und damit nicht genug: Das Regime verkaufe nicht nur die Rohstoffe des Landes in die Industrieländer, sondern zu Tausenden auch Mädchen in arabische Länder.

Ein Liter Wasser sei so teuer wie in der Schweiz; dies bei einem Tageslohn von 3.50 Franken. Und wer reklamiere, komme in den Knast. Asylbewerber Andualem Bekele verwies auf fehlende politische Rechte, was ein Parlament möglich mache, in dem 545 von 547 Sitzen von der Regierungspartei besetzt sind.

Rohstoffe, ohne die kein Handy funktioniert

«Die Afrikaner laufen ihren Rohstoffen nach», sagte Nationalrat Geri Müller in der Diskussion mit Asylbewerbern, geleitet von Max Heimgartner. Die USA, EU, China und Russland kämpften in Afrika um Rohstoffe, ohne die die Weltwirtschaft nicht mehr liefe. Und auch kein Handy. So arrangiere man sich mit dubiosen Regimes, um Stabilität zu sichern; bei der Einhaltung der Menschenrechte mache man dafür leicht Abstriche.

Abdulrahman provozierte mit der Aussage: «Solange vom Westen Hilfsgelder fliessen, bleibt das Regime an der Macht. Hilfe brachte Armut und Korruption.» Was er damit wohl meint: Wenn staatliche Hilfsgelder durch staatliche Hände bei den Empfängern gehen, bereichern sie das Regime und kommen nicht zu den Bedürftigen.

Was tun? Erfolgreiche Revolutionen könnten nur von unten kommen, wenn das Volk einig ist, so Geri Müller. Nicht einfach in einem Land mit über 80 Ethnien und Sprachen, dessen Regime es immer wieder gelingt, Streitigkeiten auch zwischen Religionsgemeinschaften zu schüren, und das kritische Journalisten einsperrt. Die Schweiz könnte mithelfen – Beispiel Tschad –, verschiedene ethnische Gruppen zusammenzuführen.

Petition an Bundesrätin Sommaruga

Woldeselassie Testu lebt und malt in Zofingen. Seit 13 Jahren hat er den Status eines «vorläufig aufgenommenen» Flüchtlings. Zahlreiche Äthiopier, auch Frauen, leben mit 7.50 Franken Nothilfe pro Tag seit Jahren hier. Die «Masseneinwanderung», so Geri Müller, liesse sich eindämmen, wenn man die Leute, die hier sind, anstellte.

Am Ende der Tagung appellierten die Teilnehmenden in einer Petition an Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Sie fordern eine menschenwürdige Behandlung von Asylbewerbern, die Anerkennung von politischen Flüchtlingen aus Äthiopien, eine Bleiberechtsregelung für Personen in jahrelanger Nothilfe und den entschiedenen Einsatz zur Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen des äthiopischen Regimes.