Manchmal können Strassennamen etwas verraten, das man vielleicht lieber nicht gewusst hätte. Der Gedanke, dass neben dem eigenen Haus früher Tiere oder gar Menschen vergraben wurden, ist nicht für alle ein angenehmer.

Der Tod hat sich in viele Bezeichnungen eingeschlichen. Namen wie eine «Friedhofstrasse» lassen schnell eine Deutung zu. Andere haben den makaberen Bezug besser versteckt.

In Aarau findet man Hinweise auf den Tod im Stritengässli, und gemäss Paul Erismanns Auflistung alter Flurnamen («Aarauer Strassennamen», 1957) auch im Cheibegässli im Gönhard und im Scheibenschachen mit dem alten Flurnamen Schindergarte. «Strite» bedeutet in Mundart Immergrün – und das Pflänzchen mit den violetten Blüten trägt wiederum die Übernamen «Toteblüemli» oder «Toteveieli».

Beginnend beim Haldentor führt das Gässli denn auch in den Schachen, einen alten Richtplatz der Aarauer. Ausserdem lebte der Henker der Stadt im Haus direkt neben dem Haldentor.

Leicht zu übersehen ist der Tod im Flurname Cheibegässli; «Cheib» steht nicht für einen Kerl, sondern für den mittelalterlichen Ausdruck «keibe». Das alemannische Wort bedeutet Leichnam, Aas, Kadaver oder ansteckende Tierseuche.

Den Flurnamen Cheibebode findet man unter anderem auch in Gränichen, und in Lenzburg gibt es beim Eingang zum Lütisbuech einen Chaibegarten. Statt tote Tiere zu vergraben, wurde dort vor zehn Jahren mit Teichen neuer Lebensraum für Amphibien geschaffen.

Schindanger macht Schlagzeilen

Eindeutig ist die Sachlage beim Schinder- oder Wasegarte im Aarauer Scheibenschachen: Auch der Schindanger war ein Ort, auf dem das tote Vieh gehäutet und die Kadaver verscharrt oder Aasfressern überlassen wurden.

Begraben wurden hier aber auch Menschen, die hingerichtet worden waren oder denen nach christlichem Verständnis keine Bestattung in geweihter Erde zukommen durfte, beispielsweise Prostituierte oder Selbstmörder.

Gut möglich, dass im heutigen Scheibenschachen einst die Hingerichteten verscharrt wurden, die auf der Richtstätte oberhalb der heutigen Küttigerstrasse ihr Leben lassen mussten. Diese Richtstätte stammt vermutlich aus dem Mittelalter; der Galgen ist auf einer Zeichnung von Hans Ulrich Fisch dem Jüngeren (1613 bis 1644) noch zu sehen.

Vermutlich hat der Galgen aber nicht den Aarauern gedient, sondern der Berner Landvogtei Biberstein, zu der auch Küttigen gehörte. In Rombach ist der Hinweis auf die Richtstätte noch immer im Strassenverzeichnis sichtbar: Hier gibt es den «Galgenhübel», wobei die Bezeichnung jüngeren Datums ist.

Obwohl der langjährige Anwohner und Künstler Eduard «Düdül» Steiner noch heute – augenzwinkernd – behauptet, der Begriff «Scheibenschachen» stamme eigentlich von «Cheibenschachen» und nicht von den Scheibenständen, weil man hier die «Cheiben» vom Galgen verscharrte, ist die Erinnerung an den Aarauer Schindanger weitestgehend verblasst.

Dabei machte der Schindanger vor gut 200 Jahren international Schlagzeilen, und zwar in Zusammenhang mit dem deutschen Schriftsteller Johann Kaspar Riesbeck, der sich in Aarau niedergelassen hatte und dessen «Briefe eines Reisenden Franzosen über Deutschland» am Vorabend der Französischen Revolution europaweit Beachtung fanden. Riesbeck lebte ab 1783 in Aarau, bis er im Februar 1786 an der Tuberkulose starb.

100 Goldmünzen gegen Gerücht

Nach Riesbecks Tod verbreitete sich in Österreich das Gerücht, dass die protestantischen Aarauer den katholischen und hoch verschuldeten Riesbeck auf dem Schindanger verscharrt hätten. Diese Meldung warf so hohe Wellen, dass deutsche Zeitungen die Stadt Aarau aufforderten, «das Schimpfliche dieser Erzählung baldigst zu widerlegen».

Darauf liess die Stadt eine Gegendarstellung verfassen, in der es heisst, man habe Riesbeck auf dem Gottesacker der Stadt beerdigt und sein «Leichenbegängnis mit dem Begleite der angesehensten Geistlichen und Magistratspersonen» geehrt. «Seine Leiche wurde in der gleichen Reihe beygelegt, wie bey uns gegen den Vornehmsten wie gegen den Geringsten gebräuchlich ist.» Schultheiss und Rat gingen sogar so weit, demjenigen 100 Goldmünzen zu versprechen, der diese Angaben widerlegen könne. Das Gold blieb in Aarau.

Welch grosses Hindernis ein offensichtlicher Bezug zum Jenseits ist, zeigt das jüngste Beispiel in Staufen: Der Galgenacher befand sich neben der Richtstätte Fünflinden, die bereits von den Berner Landvögten als Richtplatz und Schindanger genutzt worden war, und auf der unter anderem auch 1854 der berüchtigte Müheler Ein- und Ausbrecherkönig Bernhart Matter von Scharfrichter Mengis geköpft wurde.

Doch der direkte Hinweis auf die Vorgeschichte schien eine zu grosse Zumutung für die Anwohner der neuen Überbauung, und so taufte die Gemeinde 2015 die neu gebaute Strasse über den Galgenacher ganz unverfänglich auf Tulpenweg. Wer also weder ortskundig ist, noch die Fünflinden oder den Galgenacher aus dem Heimatkundeunterricht kennt, muss schon gewiefter Lateiner sein, um die historische Vergangenheit des Ortes zu erahnen. Sie versteckt sich in der Tiliastrasse: Tilia, lateinisch «die Linde».