Rombach/Seon

Hier wird keiner repariert: Vor 50 Jahren wurde die Stiftung «Seehalde» gegründet

Vor genau 50 Jahren wurde die «Seehalde» von Gertrud Walter und Ilse Maria Krauss gegründet, ein anthroposophisch orientiertes Heim mit Schule für Kinder mit einer Behinderung. 69 Wohnplätze bietet die Stiftung «Seehalde» heute an den beiden Standorten Rombach (seit April 2006) und Seon (seit 1990) an, dazu kommen zwei Tagesstrukturplätze und drei geschützte Arbeitsplätze.

Raphael klatscht energisch ein Tonkügelchen auf das Brett vor ihm auf den Tisch. Das Brett ist voller solcher Kugeln, gross wie Murmeln. «Daraus machen wir Schnecken für die Schalen», sagt Jasmin und zeigt ins Regal mit den fertigen Schalen mit Schneckenmuster. Jasmin aber sind die Schnecken verleidet, sie hat eine neue Idee ausprobiert: Sie kringelt die Würste nicht mehr, sie klebt sie direkt in die Schale. «Das ist meine Idee», sagt sie und strahlt.

Raphael und Jasmin sind zwei von 44 Klienten, die hoch oben im Rombachtäli in der Stiftung Seehalde wohnen, direkt am Waldrand mit bestem Blick über die Stadt und die Region, hinauf bis weit in die vom Dunst verhangenen Täler – und man kann sich noch so recken und strecken, aber den See sieht man nicht. Anünd Wepfer, Co-Gesamtleiter der Stiftung Seehalde lacht. Der Name «Seehalde» ist weit älter als die Anlage in der ehemaligen Sprachheilschule. Es ist der Name des Chalets in Seengen, von dem Ort, wo 1967 alles seinen Anfang nahm.

In Dornröschenschlaf gefallen

Vor genau 50 Jahren wurde die «Seehalde» von Gertrud Walter und Ilse Maria Krauss gegründet, ein anthroposophisch orientiertes Heim mit Schule für Kinder mit einer Behinderung. Bis zu 18 Kinder wurden hier zu besten Zeiten betreut, bis das Heim Ende der Siebzigerjahre nach dem Tod einer der Gründerinnen und verschiedenen Konflikten in einen Dornröschenschlaf verfiel. Neues Leben hauchten ihm Alessandro Mani und Verena Moos ein, die das Haus mehr und mehr in eine Wohn- und Beschäftigungseinrichtung für Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung umwandelten und verschiedene zusätzliche Häuser im Seetal und in Zofingen eröffneten. Ende der Neunzigerjahre zählte die «Seehalde» zehn Wohngruppen mit 60 Plätzen.

Heute gehört das Chalet in Seengen nicht mehr zur «Seehalde». Die Standorte beschränken sich inzwischen auf Rombach und Seon. In Rombach wohnen 44 Klienten in acht Wohngruppen, in Seon sind es 25 Klienten in vier Wohngruppen, das Durchschnittsalter liegt bei knapp 40 Jahren. Alle Klienten haben feste Tagesstrukturen, arbeiten in einer der vielen Werkstätten, in der Wäscherei, der Küche oder helfen bei der Umgebungspflege, jeder nach seinen Möglichkeiten. «Wir vertreten die Auffassung, dass jeder Mensch richtig ist, wie er ist», sagt Wepfer. «Ein Mensch mit Behinderung muss nicht repariert werden. Wir sprechen seine Ressourcen an, seinen gesunden Kern.»

An verschiedenen Märkten werden die in der «Seehalde» hergestellten Produkte verkauft. Einen Laden führt die Stiftung aber nicht. «Aufgrund des Behinderungsgrades steht die Produktivität nicht immer an erster Stelle», sagt Wepfer.

Die Wohngruppen sind allesamt nach Edelsteinen benannt, «Rubin» beispielsweise. Das zieht sich durch: «Rubin» steht auf dem Klingelschild, «Rubin» steht auf dem Besen, der neben der Tür lehnt, und rubinrot ist die Haustür gestrichen. In der Küche steht auf einer Wandtafel «Pouletbrust ausgeliehen». Eine Erinnerungsstütze, ungewollt komisch, aber wichtig. Jede Gruppe muss jeweils selber Nahrungsmittel für das Abendessen bestellen. «Wenn dann etwas an eine andere Gruppe ausgeliehen wird, muss das notiert werden, damit am Schluss die Rechnung aufgeht», erklärt Wepfer. Mittagessen kocht die Küchencrew, zweimal pro Woche darf sich eine der Wohngruppen ein Menü wünschen.

Die Zimmer der Bewohner sind klein, aber fein. Fast jeder hat sein eigenes Badezimmer, wenn nicht direkt im Zimmer, dann im Gang. Geteilt werden Stube, Aufenthaltsraum und die Küche. Das muss passen, wenn man so nah aufeinander lebt. «Bevor ein neuer Klient aufgenommen wird, muss er erst bei uns schnuppern und drei Wochen bei uns wohnen», sagt Wepfer. Die Bandbreite reiche dabei von eher selbstständigen bis hin zu schwerstbehinderten oder mehrfachbehinderten Erwachsenen aus der ganzen Schweiz. Freie Plätze gibt es zurzeit keine.

Neubau-Projekt liegt auf Eis

Dass die «Seehalde» voll belegt ist, ist die Regel. Nicht nur, weil die Stiftung die einzige anthroposophisch orientierte Institution im Kanton ist. «Wir haben im Aargau generell einen Plätzemangel für Menschen mit Behinderung», sagt Wepfer. Akut ist dieser insbesondere im Bereich der betagten Menschen mit Behinderung. «Die Betreuung und die Pflege werden im Alter deutlich intensiver, ausserdem können Tagesstrukturen nicht mehr wie gewohnt genutzt werden», sagt Wepfer.

Aus diesem Grund plant die Stiftung einen Neubau am Standort in Seon: ein Angebot für rund zehn Klienten mit einem erhöhten Pflegebedarf, aufgeteilt in zwei Wohngruppen. Doch ist das Projekt ins Stocken geraten; der Sparkurs der Regierung treffe auch den Behindertenbereich massiv, so Wepfer. «Aktuell gilt ein Baumoratorium, das Projekt liegt auf Eis.» Den Kopf in den Sand stecken will Wepfer aber nicht. «Wir hoffen, dass wir den Neubau in fünf Jahren eröffnen können.»

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