Suhr
Hier setzt Andreas Neeser ein poetisches Zeichen gegen den Verkehr

Die Autos fuhren Karussell, die Motoren brummten und in der Mitte auf dem Kreisel bewegte Schriftsteller Andreas Neeser hinter einem Stapel Bücher seine Lippen. Man konnte nur erahnen, dass er aus den Büchern vorlas.

Sabine Kuster
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Genau so hatte sich Neeser die Aktion am gestrigen Nachmittag vor dem Möbelhaus Pfister in Suhr vorgestellt: als stilles, poetisches Zeichen gegen den Verkehr anlesen. Die 50 Bücher, die er von zu Hause mitgebracht hatte, waren Werke quer durch die Weltliteratur der Lyrik.

Als die Reporterin sich für einen Moment zum Schriftsteller auf die Insel gesellte, um doch etwas davon mitzubekommen, las er gerade die Ballade von Schillers «Kraniche des Ibykus» vor. Die erste Zeile passte zufälligerweise: «Zum Kampf der Wagen und Gesänge... zog Ibykus, der Götterfreund.»

Die Autofahrer erfuhren davon nichts und eine einzige Suhrerin, die von dieser unbewilligten und nicht ungefährlichen Aktion auf dem Kreisel erfahren hatte, konnte von ferne auch nicht hören, was da vorgetragen wurde. Doch sie brachte dem Vorleser einen Kaffee.

Ein eigener Dorfschreiber für Suhr

Die Aktion führte Neeser in seiner neuen Funktion als Dorfschreiber durch. Unter der Federführung von Eli Wilhelm haben die Kultur- und die Bibliothekskommission von Suhr den Schriftsteller für ein Jahr zu diesem neu geschaffenen Amt berufen. Er nimmt in diesem Rahmen an den neu eingeführten «Stammtischen» teil, an denen über Kultur und die Identität von Suhr geredet wird. Ausserdem kann er drei Veranstaltungen selbst gestalten - die gestrige Aktion war die erste davon.

Bewährt sich das Pilotprojekt, so will die Kulturkommission im nächsten Jahr zum Beispiel einen «Dorfmaler» oder einen «Dorfmusiker» engagieren. Neeser liess sich auch vom einsetzenden Regen nicht von seinem Vorhaben abhalten («Jetzt verregnet es mir meinen Hölderlin!») und lass eineinhalb Stunden ohne Unterbruch. «Literatur», so fand er, «muss immer ein wenig weh tun.» Am Ende tönte seine Bilanz jedoch durchwegs positiv: «Es war wunderbar: etwas Stilles, Poetisches gegen den schnellen Fluss der Zeit.» Literatur sei das Gegenteil, gehe in die Tiefe und erlaube höchstens Schritttempo.

Statt dokumentieren, lieber agieren

Neeser, der seit einem Jahr in Suhr wohnt, versteht sich nicht als Chronist, auch will er keine Erzählung über das Dorf schreiben - lieber startet er selbst Kultur. Neesers zweite Aktion wird im August stattfinden und ist ein lang gehegter Wunsch: In der Aula des Schulhauses Feld werden eine Malerin vor einer weissen Leinwand stehen, ein Musiker vor einem leeren Notenständer und Neeser selbst vor unbeschrieben Blättern. Dann will er sehen, was geschieht.