Aarau

Hier fliegt Elefantendame Jenny: Nach 20 Jahren kommt sie nach Hause

Freitagabend in Aarau: Jenny fliegt!

Jenny fliegt!

Am Freitagabend ist Elefantendame Jenny auf der Dachterrasse des Naturama gelandet. Ein Heimkommen nach 20 Jahren.

Sie ist kleiner als gedacht. Und ein bisschen gruslig sieht sie aus, ein bisschen vertrocknet ihre Haut, stellenweise glänzend wie eine Lederhandtasche in der Abendsonne. Und die Eisenplatten, die ihre rechte Schulter zieren, lassen sie wirken wie ein Cyborg. Jenny ist heimgekehrt, diesmal als Kunstwerk.

Kein Wunder, verstummen die Gespräche im vorbeifahrenden Bus auf der Stelle, als die Passagiere den schwebenden ausgestopften Elefanten entdecken. Ein Kran hievt das merkwürdige Wesen vom Vorplatz hoch auf das Dach des «Naturama», vor den Augen der gut hundert staunenden Zuschauer. «Vor dreissig Jahren», sagt ein älterer Herr, «sind wir da draufgesessen!»

Ein schönes Leben hatte Elefantendame Jenny nicht. Jedenfalls nicht mehr, seit sie in Anfang des letzten Jahrhunderts in Myanmar gefangen und nach Europa gebracht wurde. Man behandelte sie schlecht; sie soll aber auch aggressiv gewesen sein. Jedenfalls tötete sie als Zirkus- und Zolli-Elefant drei Männer; einen Dompteur und zwei Wärter, die allesamt nicht besonders zimperlich mit dem Tier umgegangen waren. Jenny bezahlte ihre Gegenwehr mit dem Leben. Das war 1928.

Museums-Direktor und Biologie-Professor Paul Steinmann holte Jenny kurz nach ihrem Erschiessungstod nach Aarau ins Aargauer Natur- und Heimatmuseum. Mit seinen Schülern zerlegte er den Kadaver, wusch die Knochen in der Aare aus und verkaufte das Fleisch an gwundrige Aarauer, um die Museumskasse aufzupolieren (es soll sehr zäh gewesen sein). Ab 1928 also stand Jenny im Museum, bis sie 1998 ausrangiert und mit einem Kran aus dem Museum gehievt wurde.

Es sollte nicht der letzte Flug für Jenny bleiben: Nach einem Aufenthalt im Naturhistorischen Museum Bern wurde sie um 2000 als Werbeträgerin für eine grosse Veranstaltung mit einem Helikopter über die Stadt geflogen und an der Aare abgesetzt. Danach wurde Jenny im Museumsdepot versorgt. Doch anstatt sie zu entsorgen, beschloss das Museum, Jenny im Rahmen des Elefantenjahres einem Künstler zur Verfügung zu stellen. So kam sie 2015 zu Jwan Luginbühl, Sohn des Eisenplastikers Bernhard Luginbühl. Er flickte Jenny nicht nur, er stellte sie auch auf einen überdachten Metallwagen. «Jenny ist so weit herumgekommen, da ist es gut, Räder an den Füssen zu haben. Der Wagen ist sozusagen ihr Zügelwagen», so Luginbühl.

Mit Jennys feierlicher Ankunft – ihr zu Ehren spielten «Šuma Čovjek» – startet das Naturama sein neues Kulturprogramm «Rüssler»: So herrscht ab sofort jeden letzten Donnerstagabend im Monat von 17 bis 21 Uhr Barbetrieb, entweder bei Jenny auf der Terrasse oder bei ihren haarigen Verwandten, den Mammuts, im Untergeschoss. Bereits am 28. Juni findet der erste von zwei Storytelling-Abenden unter dem Titel «wahre Geschichten» statt. Und im September startet in Zusammenarbeit mit dem KIFF eine Konzertreihe, bei der vier Mal im Jahr regionale Künstler das Naturama rocken.

Der Grund für Jennys Rückkehr liegt in der neuen Naturama-Sonderausstellung «Fragile – gesammelt, gejagt, erforscht», die Ende April eröffnet worden ist. Auf der Suche nach speziellen Objekten fiel dem Team der einstige Museumsliebling ein. Das Tier hat eine besonders spannende und blutrünstige Geschichte.
So stand Jenny während siebzig Jahren im Natur- und Heimatmuseum in Aarau.

So stand Jenny während siebzig Jahren im Natur- und Heimatmuseum in Aarau.

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