Suhr/Gränichen

Hier entsteht für 14 Millionen Franken eine Brücke über die A1 – für Wildtiere

Die Arbeiten für den 50 Meter breiten Wildtierübergang über die A1 zwischen Gränichen und Suhr laufen.

Die Arbeiten für den 50 Meter breiten Wildtierübergang über die A1 zwischen Gränichen und Suhr laufen.

Jahrzehntelang war die A1 zwischen Gränichen und Suhr ein kaum unüberwindbares Hindernis für Rehe, Hirsche und Wildschweine.

Alle, die auf der A1 zwischen ­Aar­au Ost (Hunzenschwil) und Aarau West (Kölliken) unterwegs sind, müssen neuerdings vorübergehend vom Gas und es wird eng. Für die Automobilisten ist ersichtlich, dass zwischen Gränichen und Suhr gebaut wird. Aber was? Bis im November wird auf einer Breite von 50 Metern ein mächtiger Deckel aus Holzträgern erstellt. Die Brücke ist für einen ganz speziellen Verkehr bestimmt: Sie soll Tieren die Wanderung aus den Voralpen in den Schwarzwald ermöglichen – und umgekehrt.

Ganz wichtig im nationalen grünen Wegnetz

Die 14 Millionen Franken teure Brücke ist Teil eines komplexen Projekts, das acht Gemeinden betrifft: Biberstein, Auenstein, Aarau, Suhr, Buchs, Gränichen, Rupperswil und Hunzenschwil. Denn die Autobahn ist nur eines von mehreren Hindernissen: Die vierspurige SBB-Strecke zwischen Aarau und Lenzburg, der Autobahn-Zubringer A1R (ehemals T5, Aaretalstrasse), die Kantonsstrasse zwischen Rohr und Rupperswil und das verbaute Aare-Ufer sind weitere. Erst wenn auch die letzte Hürde genommen ist, tut sich für das Tierreich zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren wieder eine Verbindung auf, die seit der Fertigstellung der Autobahnabschnitte Oensingen – Lenzburg in den sechziger Jahren des letztens Jahrtausends unterbrochen ist.

«Der Wildtierkorridor Suhret funktioniert heute nicht und wird seiner herausragenden Bedeutung für das nationale grüne Wegnetz in keiner Weise gerecht», schrieb Thomas Gremminger in den Aarauer Neujahrsblättern 2019. Er ist Gesamtprojektleiter für die Aargauer Wildtierkorridore. Der Suhret das einzige 300 Meter breite Waldstück zwischen Olten und der Linth-Ebene, das die Tierwanderung zwischen den Voralpen und dem Schwarzwald ermöglich.

Der Hirsch könnte Richtung Norden vorstossen

Die Liste der Tierarten, die profitieren sollen, ist lang: Iltis, Hermelin, Mauswiesel, Baummarder, Feldhasen, Rehe, Wildschweine und etwa der Rot­hirsch.

Schon vor zehn Jahren hat die mittlerweile pensionierte Boniswiler Biologin Helen Müri die Sanierung des Waldgürtels Suhret zwischen Rohr und Rupperswil als für die Schweiz absolut erstrangig bezeichnet. «Diese Aussage stimmt auch heute noch», bestätigt Giovanni Leardini vom Departement Bau, Verkehr und Umwelt.

In einer ersten Etappe wurden einfache, anfänglich für den Forstverkehr konzipierte Unterführungen unter der damals noch zweispurigen SBB-Strecke Rohr–Rupperswil realisiert. Später, beim Ausbau auf vier Gleise wurde eine Unterführung verbreitert und ganz auf die Bedürfnisse der Wildtiere ausgerichtet. Mit zum Teil überraschenden Effekten. «Wir hätten vor dem Bau der Wildtierunterführung unter der SBB-4-Spur-Strecke nie gedacht, dass je ein Waschbär in die Fotofalle tappen wird, heisst es bei der Forstverwaltung Suhr-Buchs. «Als Naturfreund freut man sich natürlich über die von der Zivilisation verdrängten Arten.»

Nach der A1-Brücke fehlt noch ein «T5»-Übergang

Geplant ist neben der A1-Brücke auch ein Wildtierübergang über die A1R (ehemals T5). Dessen Bau hat der Kanton aufgeschoben, als absehbar wurde, dass die Verantwortung für die Strasse zum Bund wechseln wird, was anfangs Jahr geschehen ist. «Das Bundesamt für Strassen ist daran, die übergebenen Projekte zu überprüfen und zu priorisieren. Über den Zeitpunkt der Realisierung dieses Bauwerks kann heute noch keine Aussage gemacht werden», heisst es beim Bundesamt für Strassen (Astra).

Bessere genetische Durchmischung

«Von dem Wildtierkorridor erhoffen wir uns unter anderem auch eine bessere genetische Durchmischung», sagt Erwin Osterwalder. Er ist Fachspezialist Jagd und Fischerei beim Kanton. Dass das nötig ist, wissen die Spezialisten aus einer Untersuchung, die bei isoliert lebenden Rehen im Raum Zürich genetische Nachteile festgestellt hat.

Nach der Fertigstellung der A1-Widltierbrücke werden die Wildschweine aus dem Norden zu ihren Artgenossen im Raum Luzern vorstossen können und umgekehrt.

Warum muss die A1-Brücke 50 Meter breit sein? Ein schmaleres Bauwerk würde von den vorsichtigen Rehen und Hirschen gemieden. Sie fassen erst bei einer Breite ab 50 Metern ausreichend Vertrauen, um den Grünstreifen zu betreten. Ein Tunnel kam übrigens nicht in Frage, weil ihn grössere Tiere solche meiden würden – sie bevorzugen die Oberfläche.

Korridor wir Unfälle auf der A1 verhindern

Wie rege der neue Korridor genutzt werde, lasse sich nicht voraussagen, sagt Erwin Osterwalder. Doch Auswertungen bei bestehenden Wildtierkorridoren liessen auf ein gewisses Potenzial schliessen. «Gerade auch der Umstand, dass wir just an der Stelle des Übergangs über die A1 regelmässig Unfälle mit Rehen haben, zeigt ein Bedürfnis.» Daraus folgt auch die Hoffnung, dass die Autobahn durch den neuen Korridor sicherer wird. Ausserdem können sich durch die verbesserten Wandermöglichkeiten isolierte Wildtierbestände auch besser stabilisieren. Denn kleine Populationen sind schon nach ein paar schlechten Jahren vom Aussterben bedroht, wenn zu wenige Tiere für eine ausreichende Fortpflanzung überleben. Und nach ein paar guten Jahren drohen Krankheiten Überhand zu nehmen, weil zu viele Tiere auf zu kleinem Raum leben. So schildert es der «Grundlagenbericht Wildtierkorridore» des Kantons.

Es mag mühsam sein, wenn die A1-Bnützer wegen der Baustelle jetzt vom Gas müssen. Aber langfristig wird es sich auszahlen – speziell für die Tiere.

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