Noch bis zum 2. November können sich Leistungserbringer für einen Platz auf der Spitalliste 2020 des Kantons Aargau bewerben. Nur wer einen Platz auf der Liste hat, darf die Kosten der Behandlung dem Kanton und den Krankenkassen im Rahmen der Grundversicherung verrechnen. Die Leistungsaufträge sind begehrt – und umkämpft.

In der Herzchirurgie zeichnet sich ein Showdown zwischen zwei ehemaligen Partnern ab. Das Kantonsspital Aarau (KSA) will nicht mehr mit der Hirslanden Klinik zusammenarbeiten, sondern selber Herzoperationen anbieten. Eine Partnerschaft mit dem Universitätsspital Basel soll das ermöglichen. Die beiden Spitäler werden sich zusammen um den Leistungsauftrag der Herzchirurgie bewerben, wie sie am Sonntag mitteilten.

Die Hirslanden Klinik wird den Leistungsauftrag der Herzchirurgie nicht freiwillig abtreten und sich auch um den Auftrag bewerben. Das Team um die Chirurgen Thierry Carrel und Lars Englberger führte letztes Jahr 365 Herzoperationen durch. Ein Wegfall des Leistungsauftrages dürfte also durchaus wirtschaftliche Folgen für die Privatklinik in Aarau haben.
Baden will keine Herzchirurgie

Wer den Auftrag erhält, entscheidet die Regierung im Juni 2019. Dass zwei Leistungsaufträge vergeben werden, ist kaum realistisch. Ein wichtiges Ziel der Spitalliste sei, eine Überversorgung zu verhindern, sagte Barbara Hürlimann, Leiterin der kantonalen Abteilung Gesundheit, zur AZ. In der Schweiz gibt es bereits 16 Herzzentren, obwohl Experten davon ausgehen, dass ein Drittel genügen würde.

KSB will keine eigene Herzchirurgie

Wohl auch aus diesem Grund hat das Kantonsspital Baden (KSB) im Gegensatz zum KSA kein Interesse daran, eine eigene Herzchirurgie aufzubauen. «Jährlich weist das KSB gut 100 Patienten für Herzoperationen und komplexe Herzklappeninterventionen der Klinik Hirslanden zu», sagt Sprecher Omar Gisler. Es bestehe seit Jahren eine enge Zusammenarbeit zwischen den beiden Kantonsspitälern und der Hirslanden Klinik. «Die Versorgung der Patienten aus dem Kanton Aargau ist damit gewährleistet.»

Sollte sich die Regierung für die Kooperation Aarau/Basel entscheiden, müssten die Aargauer Patientinnen und Patienten für Eingriffe am Herzen das Spital nicht mehr wechseln. Das KSA könnte eine Behandlung «aus einer Hand, an einem Ort und während 24 Stunden anbieten», heisst es in der Medienmitteilung.

Investitionen in überschaubarem Bereich

Das Spital verfüge bereits über «eine umfangreiche Infrastruktur, die es für eine Herzchirurgie braucht», sagt Sprecherin Isabelle Wenzinger. Was einzig dazukomme, sei «die Anschaffung einiger weniger neuer Geräte». Die Investitionen für diese Geräte lägen im Rahmen eines «überschaubaren Betrags von rund zwei Millionen Franken», sagt die Sprecherin.

Neben der Infrastruktur brauche es auch rund um die Uhr einen Facharzt für Herzchirurgie und die Gewährleistung des kardiotechnischen Dienstes. «Das KSA wird dies in Kooperation mit dem Unispital Basel jederzeit sicherstellen können», sagt Isabelle Wenzinger. Eigene Herzchirurgen stelle man keine an.

Das Team aus Basel wird «die spezialisierte Leistung vor Ort im KSA erbringen». Sollte die Kooperation zustande kommen, würden «bei Bedarf zusätzliche Spezialisten angestellt», sagt die KSA-Sprecherin. Gemäss heutigem Konzept wären die Ärzte alleine beim Unispital Basel angestellt.

Qualität wichtiger als Ort

Die Nachricht des KSA, künftig mit dem Basler Spital zusammenzuspannen, kam nicht nur für die Hirslanden Klinik überraschend. CVP-Grossrat Andre Rotzetter sagt: «Bis jetzt war die Kooperation mit der Hirslanden Klinik öffentlich geschätzt.»

Seinen Ratskollegen Clemens Hochreuter (SVP) überrascht vor allem der Zeitpunkt: «Ich dachte eigentlich, es würden im Hinblick auf die neue Spitalliste Gespräche zwischen den beiden Kantonsspitälern und der Hirslanden Klinik laufen, wie die Leistungen sinnvoller verteilt werden können.»

Dass sich das KSA auf den Leistungsauftrag bewirbt, könne er hingegen verstehen. «Der Schmerz hallt immer noch nach, dass damals in den 90er-Jahren die Hirslanden Klinik und nicht das KSA den Zuschlag für die Herzchirurgie erhalten hat.» Bei der Herzchirurgie spiele neben wirtschaftlichen Überlegungen immer auch das Prestige eine Rolle.

Mehr Umsatz ist keine politische Frage

Aus Sicht der Patientinnen und Patienten sei es wichtig, dass sie «die nötigen Leistungen zeitgerecht und in optimaler Qualität» erhalten, sagt Severin Lüscher (Grüne). «Wo das stattfindet – im KSA, in der Hirslanden Klinik oder in Basel –, ist gerade bei hoch spezialisierten und lebenswichtigen Eingriffen nicht die entscheidende Frage.» Als Politiker wünscht er sich die «volkswirtschaftlich beste Lösung».

Ob das KSA «mehr oder weniger Umsatz oder mehr oder weniger Rendite erzielt» sei hingegen keine politische, sondern eine betriebswirtschaftliche Frage. Als Hausarzt und Zuweiser sind Severin Lüscher schlanke und transparente Entscheidungswege, gute Erreichbarkeit und Kommunikation auf Augenhöhe wichtig. «Alle drei involvierten Anbieter haben bisher diesbezüglich sehr gute Arbeit geleistet», sagt der Grossrat.

Nur ein einziger Leistungsauftrag

Einig sind sich die Parlamentarier, dass der Regierungsrat nur einen Leistungsauftrag vergeben sollte. «Sonst hätten wir eine Überversorgung», sagt Clemens Hochreuter. Wird allerdings nur ein Leistungsauftrag vergeben, wird es einen Verlierer geben. Dadurch besteht das Risiko, dass der Bewerber, der leer ausgeht, den juristischen Weg einschlägt und den Entscheid des Regierungsrates vor dem Bundesverwaltungsgericht anficht.

Das war in der Vergangenheit bereits mehrmals der Fall. «Das würde langwierig und teuer», sagt Clemens Hochreuter. Für Severin Lüscher stellt sich deshalb die Frage, wie sich solche juristischen Auseinandersetzungen verhindern lassen. Barbara Hürlimann kündigte an, man strebe «möglichst einvernehmliche Lösungen an» und werde Gespräche mit allen Bewerbern führen.