Hirslanden
Herzchirurg Thierry Carrel: «Bei schönem Wetter fahre ich mit dem Rennvelo zurück nach Bern»

Herzchirurg Thierry Carrel (56) stellte in der Hirslanden Klinik sein Buch vor.

Nadja Rohner
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«Tagespensum noch reichlicher ausgefüllt» – der Berner Herzchirurg Thierry Carrel operiert einen Tag pro Woche in Aarau. Alex Spichale

«Tagespensum noch reichlicher ausgefüllt» – der Berner Herzchirurg Thierry Carrel operiert einen Tag pro Woche in Aarau. Alex Spichale

Alex Spichale

Thierry Carrels zwei Visitenkarten passten in keine Tasche: Der Berner Starchirurg hatte zum Talk über sein Buch «Von Herzen» zwei Patientinnen mit nach Aarau gebracht – junge Frauen, die nach erfolgreicher Herztransplantation so derart übersprudeln vor Lebensfreude, dass ihre traurigen Krankengeschichten in den Hintergrund treten.

Man konnte kaum glauben, dass etwa Krisztina Bende drei Jahre lang mit einem Kunstherzen in ihrer Brust gelebt hatte – tagsüber mit Batterie im Handtäschli, abends mit der Steckdose in der Wand verbunden. «Ich darf gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn der Strom ausgefallen wäre», erzählte sie. Auch ins Ausland durfte sie nicht, Bende war während der drei Jahre «nur zwanzig Minuten in Domodossola». Im Mai erhielt sie ein Spenderherz, darf wieder reisen und fühlt sich jetzt «grossartig», obwohl sie täglich 20 Tabletten nehmen muss. Nur noch acht braucht Aline Streule, die innert 36 Stunden drei Herzen in der Brust hatte: Ihr eigenes, dann ein Spenderherz, das nicht schlagen wollte, und schliesslich – ein kleines Wunder – fanden die Ärzte sofort ein weiteres Spenderherz für sie.

Er lässt Patienten erzählen

Genau um solche Krankengeschichten gehts im 2015 erschienenen Buch, das Thierry Carrel zusammen mit Autor Walter Däpp verfasst hat. Zwanzig Patienten Carrels erzählen von ihrer Krankheit, der Behandlung, dem Hoffen und Bangen. Carrel seinerseits beleuchtet im Buch die medizinischen Aspekte der Eingriffe.

Es waren denn auch viele Patienten des Herzchirurgen, der seit 2014 in Aarau operiert, unter den rund 60 Zuhörern. Sie alle nickten und murmelten zustimmend, als Däpp sagte, Carell interessiere sich in ausgeprägtem Mass für das Leben seiner Patienten und wäre sicher auch ein guter Hausarzt geworden. «Das wäre ich auch gerne», entgegnete Carrel. «Ich wollte unbedingt einen Bauernhof mit vielen Kindern und Tieren.» Es sei tatsächlich so, dass er sich nicht nur für das Herz, sondern für den ganzen Patienten interessiere. «Ich bin auch schon mit dem Velo nach Ennetbürgen gefahren, um mit einem Patienten, einem 94-jährigen Stalingrad-Überlebenden, Znacht zu essen», erzählte der Chirurg.

Er berichtete auch von aussergewöhnlichen Fällen wie diesem: Ein Mann starb in den 90er-Jahren wenige Stunden nach seiner Herztransplantation an einer Hirnblutung – worauf Carrel und sein Kollege beschlossen, das frisch transplantierte Herz einem weiteren Patienten einzupflanzen. «Medizin-Sensation an der Uni Zürich: Drei Männer und ein Herz!», titelte der «Blick» damals.

«Habe sehr vieles entdeckt»

Starchirurg Thierry Carrel, 1960 in Freiburg geboren, hat schon über 12 000 Eingriffe durchgeführt. Zudem ist er Stiftungsratspräsident der Kinderherz-Stiftung Corelina. Carrel hat eine Tochter aus erster Ehe. Er lebt mit seiner zweiten Ehefrau, SRF-Moderatorin Sabine Dahinden, in Bern. Dort ist er Direktor der Uniklinik für Herz- und Gefässchirurgie des Inselspitals. Seit 2014 ist Thierry Carrel zudem Co-Chefarzt der Herzchirurgie an der Hirslanden Klinik Aarau.

Herr Carrel, Sie haben einen vollen Terminplan. Wie oft trifft man Sie in Aarau an?

Thierry Carrel: Ich operiere in der Regel einen Tag pro Woche in Aarau und besuche hin und wieder am Wochenende oder an einem Abend unsere Patienten. Aber jeden Tag ist mein Partner Lars Englberger oder ein Chirurg aus dem Berner Team in Aarau anwesend.

Bekommen Sie von der Stadt etwas mit oder eilen Sie immer gleich wieder davon?

Mein Tagespensum ist seit der Aufnahme unserer Tätigkeit in Aarau noch reichlicher ausgefüllt. Ich habe aber sehr vieles in Aarau entdeckt: Restaurants wie das «Meats», die «Tuchlaube», das «Beluga», das «Einstein», die Pizzeria Petite Italie ... Ich durfte bereits einige Vorträge halten im Kultur- und Kongresshaus, war als Gast beim Wirtschaftssymposium eingeladen. Ich bin aber auch schon auf dem Land gewesen, habe die Klinik Barmelweid besucht und trat als Redner bei den Lions in Beinwil, beim Rotary in Suhr und in Aarau und werde in einigen Tagen im Careum bei einer Tagung über Führung sprechen.

Sie haben also schon vieles gesehen. Was gefällt Ihnen hier am besten?

Die sehr gut erhaltene Altstadt mit dem typischen Gassenring aus der Kyburgzeit. Auch die vielen bemalten Ründen der Dachgiebel sind einmalig. Nicht zuletzt die Kontraste zwischen der Altstadt und die modernen Bauten – so zum Beispiel das Hirslanden Medical Center – und die Nähe zur Aare; das erinnert mich an Bern.

Was unterscheidet die Hirslanden Aarau von anderen Kliniken?

Die Infrastruktur der Klinik ist durch und durch auf dem neusten Stand und der Betrieb hat genau die richtige Grösse, um optimal überblickbar zu sein. Die Klinik verfügt zudem über eine dynamische Leitung, was rasche Anpassungen an Veränderungen ermöglicht. Die Vergrösserung der Intensivstation, die durch die Ausweitung der Herzchirurgie notwendig wurde, wurde zum Beispiel innert Rekordzeit entschieden und umgesetzt.

Woher kommen die Patienten, die Sie in Aarau operieren?

Vor allem aus dem Kanton Aargau, aber wir betreuen auch zunehmend Patienten aus den Kantonen Luzern, Solothurn, Baselland und sogar einzelne aus dem Kanton Zürich.

Ich habe gehört, Sie reisen ab und zu mit dem Velo an.

Ja, bei schönem Wetter und speziell am Freitag. Normalerweise mache ich nur einen Weg, abends zurück nach Bern mit dem Rennvelo. Dafür brauchte ich etwa zweieinhalb Stunden. Und wenn ich in Bern ankomme, bin ich geistig wieder ganz frisch!