Die Willenskundgebung der Kirchgemeindeversammlung war unmissverständlich: Der Ende Juli auslaufende Anstellungsvertrag von Pfarrer Andy Jecklin soll nach dem Willen der Erlinsbacher Reformierten bis zur Pfarrwahl weiter gelten.

Von einer Pfarrwahlkommission, wie sie der Kirchgemeinderat einzusetzen beabsichtigte, wollte die Kirchgemeindeversammlung am Donnerstagabend nichts wissen. «Wir wollen keine Auswahl, wir wollen Andy Jecklin als Pfarrer», brachte ein Versammlungsteilnehmer diese Haltung auf den Punkt.

Ins Gemeindehaus disloziert

Es war eine eindrückliche Demonstration für Andy Jecklin: Die Mobilisierung der Volksbewegung, die ihn als Pfarrer in Erlinsbach SO will, hatte bestens funktioniert. Ernst Moser hatte nicht zu viel versprochen, als er sagte: «Wir werden das Kirchgemeindehaus im Vorziel am 25. Juni mit 100 Personen stürmen.»

Dieses erwies sich für die rund 150 Personen als zu klein, weswegen die Versammlung in den Gemeindesaal am Dorfplatz verlegt werden musste. Stimmberechtigt waren freilich nur 73 Personen.

Die übrigen waren reformierte Zaungäste aus Erlinsbach AG oder Angehörige anderer Konfessionen. Aber auch sie waren Teil der Drohkulisse, mit der sich Kirchgemeinderat Wolfgang Akermann konfrontiert sah – als einziger verbliebener Vertreter des Triumvirats, das bisher im zerstrittenen Kirchgemeinderat über die Mehrheit verfügt hatte.

Am 16. Juni hatte Kirchgemeinderatspräsident Ruedi Kyburz per sofort demissioniert. Vizepräsident Werner Schlatter hatte sich für die Versammlung krank gemeldet.

Die Fraktion im Kirchgemeinderat, die zu Andy Jecklin hält, Käthy Schüttel und Margrit Maier, hatte am Donnerstagabend – mit dem Volk im Rücken – das Heft in der Hand.

Wolfgang Akermann war komplett isoliert, und ihm blies ein eisiger Wind entgegen. Spürbar wurde das schon bei der Rechnung, als aus dem Saal das Begehren laut wurde, die Miete der von Akermann belegten Wohnung im Kirchgemeindehaus Vorziel zu überprüfen und auf ein marktübliches Niveau anzuheben.

Dann griff Käthy Schüttel den Amtskollegen an, als dieser den druckfrischen Flyer für das Jubiläum 450 Jahre Kirchgemeinde Erlinsbach vorstellte. «Wir haben doch gesagt, dass wir auf das Risotto-Essen verzichten.»

Vollends unter Beschuss geriet Akermann, als er darlegte, dass er und Vizepräsident Werner Schlatter an einer Ratssitzung vom 22. Juni die Verlängerung des Anstellungsverhältnisses vom Pfarrer Jecklin beantragen wollte, dass dessen Fraktion dies als Taktik abgetan und die Sitzung platzen lassen habe.

Akermanns Rücktritt gefordert

Schnell wurde klar, dass sich der Saal nicht mehr mit halben Sachen zufriedengeben wollte. Akermann hatte ein regelrechtes Scherbengericht über sich ergehen zu lassen.

Er wurde stundenlang bearbeitet, sofort zurückzutreten. Stellvertretend für zahlreiche andere Voten in der gleichen Tonlage dasjenige von alt Kantonsrätin Trudi Moser: «Herr Akermann, merken Sie nicht, dass Sie gehen sollten? Und Herr Schlatter am besten auch gleich!»

Sogar die Wählbarkeit Wolfgang Akermanns als deutscher Staatsbürger nach solothurnischem Recht wurde in Zweifel gezogen. «Wenn Sie das Wahlrecht nicht haben, sind Sie morgen draussen», rief ihm Trudi Moser zu.

Akermann weigerte sich jedoch, dem massiven Druck aus der Versammlung nachzugeben. Er machte wiederholt deutlich, er wolle sich erst mit Synodalratspräsidentin Verena Enzler besprechen.

Was ihm den Vorwurf eintrug, er harre aus, bis Andy Jecklin den Bettel hingeschmissen habe. «Das ist nur noch Zerstörung.»

Der Pfarrer selber hatte nämlich zusätzlichen Druck aufgebaut, als er sagte, er müsse in den nächsten Tagen eine Entscheidung treffen. Er fühle sich zwar von der Volksbewegung getragen, er könne aber keine weitere Woche mehr «in dieser personellen Konstellation» – gemeint: mit Wolfgang Akermann als Personalchef – aushalten.

Kirchgemeinderat tagt am Montag

Beschliessen konnte die Versammlung nichts Definitives. Zwar stimmte sie der von Käthy Schüttel beantragten Verlängerung des geltenden Arbeitsvertrags von Andy Jecklin mit überwältigendem Mehr bei 3 Enthaltungen zu. Doch den formellen Beschluss muss der Kirchgemeinderat noch fassen.

Zu diesem Zweck setzte Käthy Schüttel eine Sitzung auf nächsten Montag, 9 Uhr an. Die Versammlung auf ihrer Seite hatte auch Trudi Moser mit dem Antrag: «Wir beschliessen, dass Wolfgang Akermann aus dem Kirchgemeinderat geht.» Was der Betroffene daraus macht, ist einstweilen noch offen.