Ein Nachmittag in Aarau

Her mit dem schönen Leben!

Silvia Dell’Aquila (42) betreibt die Plattform «We love Aarau». Die Soziologin ist Regionalleiterin VPOD. In ihrer Kolumne «Ein Nachmittag in Aarau» schreibt sie heute über die Digitalisierung.

Digitalisierung. Dieses Wort ist zurzeit in aller Munde. Im Stadtmuseum findet gerade eine Ausstellung zur digitalen Spielwelt statt, mit einem schönen Rahmenprogramm, das uns diese für viele unbekannte Realität näherbringt. So konnte ich am MAG-Wochenende im Foyer des Stadtmuseums auf einem Gerät über die New Yorker Skyline fliegen und es war so real, dass ich zwischendurch weiche Knie bekam.

Für die grosse Mehrheit ist die virtuelle Realität noch so etwas wie ein Geheimnis. Und ab einem bestimmten Alter versteht man auch nicht mehr wirklich alles. Auch ich verstehe mittlerweile nicht mehr viel und einiges kommt mir noch vor wie ein Science-Fiction Roman. Was fremd ist, macht manchmal etwas Angst.

Besonders in der Arbeitswelt wird das Thema Digitalisierung in den letzten
Monaten sehr intensiv diskutiert. Es geht meistens in eine Richtung: Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist nicht aufzuhalten, im besten Fall eine «Herausforderung». Meistens wird sie aber als ein nicht aufhaltbares Übel angesehen, für einige ist diese Entwicklung ganz einfach
«böse». Arbeitsplätze verschwinden, die Menschen sind gestresst, weil sie von Maschinen gesteuert oder ersetzt werden könnten.

Kann die Arbeit eines Menschen wirklich durch eine Maschine ersetzt werden? Die Realität zeigt, Maschinen können sehr wohl Menschen ersetzen und dies auch nicht schlecht. In der Industrie ist die Automatisierung schon angekommen, wohl bald auch in klassischen Büroberufen. Auch in Bereichen wie in Pflegeberufen wird es wohl nicht lange gehen, bis wir von netten Roboterli gewaschen und mobilisiert werden, bald könnten wir von Taxis ohne Taxifahrer/innen herumchauffiert werden und die Haare kann vielleicht auch eine Maschine trendig schneiden.

Die Augen davor zu verschliessen oder in einer Abwehrhaltung zu verharren, ist fatal, denn irgendwann wird man von der Wirklichkeit überrollt. Was ich nicht verstehe in all diesen Diskussionen, ist, weshalb man sich nicht vor allem überlegt, wie wir das Ganze für unsere Gesellschaft ins Positive drehen können. Wenn Maschinen den grössten Teil unserer Arbeit erledigen und die Produktivität damit steigern, dann müssen wir für das gleiche Resultat selbst weniger arbeiten. Der Mensch hätte mehr Freizeit und Musse bei gleichbleibendem Wohlstand.

Also dann, runter mit den Wochenarbeitszeiten! Aber das geht nur, wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen. Maschinen, die Menschen ersetzen, werfen Geld ab und dieses Geld muss in die Gesellschaft fliessen. Bill Gates forderte unlängst eine Besteuerung von Robotern.

Mit diesem Geld solle die Ungleichheit, die durch die Automatisierung der Arbeitswelt entstehen kann, verhindert werden. Sinnstiftende Tätigkeiten können finanziert werden und es kann in Dinge investiert werden, welche den Menschen eine Perspektive geben. Fliessen sollen die Gewinne aber sicher nicht in die oberen Konzernetagen. Scheint doch logisch, oder?

Dagegen werden sich wohl die üblichen Verdächtigen wehren, welche die Diskussion nach ihrem Gusto dramatisieren. Der Mensch solle sich anpassen: Weiterbildungsoffensive, Konzepte und Strategien müssen her. Und wer nicht mitkommt, der geht unter. Der Mensch muss sich anpassen? Nein, her mit dem schönen Leben, Maschinen machen jetzt unsere Arbeit! Wirtschaft und Politik sind gefordert, hier die richtigen Modelle zu finden, denn sie sind für den Menschen da und nicht umgekehrt.

Sie sollen sich anpassen und nicht wir an eine digitale Welt, die uns das Leben eigentlich erleichtern sollte. Während ich mir diese Gedanken mache, bin ich spielend durch das Stadtmuseum gekommen und werde in einen sehr analogen, kalten und regnerischen Sonntag gespült. Auf dem Schlossplatz ist kein Mensch. Wenn ich mich nur nach Hause beamen könnte ...

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