Militärgeschichte
«Helm ab!» – Nach 210 Jahren schliesst das Aarauer Zeughaus

Das 210-jährige Zeughaus in Aarau wird geschlossen. In ihm steckt ein Stück Kantonsgeschichte – und Lebenserfahrung: Hier wurden Legionen junger Zivilisten in Wehrmänner verwandelt. Ab 2015 erbringt das Logistikcenter Othmarsingen die Leistungen.

Hans-Peter Widmer
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Die Zeughausanlage Aarau mit fünf Bereichen, darunter das Hauptgebäude (Bildmitte) und der markante u-förmige Komplex (rechts), wird nicht mehr für militärische Zwecke benötigt.ZWA

Die Zeughausanlage Aarau mit fünf Bereichen, darunter das Hauptgebäude (Bildmitte) und der markante u-förmige Komplex (rechts), wird nicht mehr für militärische Zwecke benötigt.ZWA

Dieses Ritual erlebten Abertausende Rekruten: Nach dem Einrücken hiess es «ab ins Zeughaus». In der Zivilkluft ging man rein und kam mit der Militärmontur raus.

Das Sortiment wurde reichhaltiger und komfortabler: Kampfanzug, Marschstiefel, Helm und weitere Utensilien – dazu die Ausgangsuniform, aus feinerem Stoff als zu alten Zeiten. Schliesslich drückte der Kadi jedem neuen AdA (Armeeangehörigen) das Sturmgewehr in die Hand. Damit war die Umwandlung vom Zivilisten zur Militärperson vollzogen.

Das Zeughaus begleitete die Armeeangehörigen von Anfang bis Ende der Dienstpflicht. Unter den Augen des strengen Zeughauspersonals waren früher regelmässige Inspektionen zu bestehen, an denen Waffen, Bekleidung und Ausrüstung kontrolliert wurden.

Wer ins Ausland dislozierte, musste die militärischen Effekten im Zeughaus deponieren. Das Zeughaus war auch für die Reparatur oder Ergänzung sowie für die Rücknahme der persönlichen Ausrüstung an den Wehrmännerentlassungen zuständig.

Riesige Materialmengen

Der zweite Schwerpunkt bestand darin, Geräte, Waffen, Munition und Fahrzeuge für zugeteilte Truppen einzulagern, zu warten, für WKs auszuliefern und am Schluss geputzt und gezählt zurückzunehmen. Zeitweise besassen bis zu 120 Kompanien und Stäbe in Aarau Zeughaus-Abteile für ihr bis zum letzten Stück registriertes Korpsmaterial.

Seit 1804 war das Zeughaus mit dem Infanterie- und früher auch noch mit dem Kavallerie-Waffenplatz eng verbunden. Es versorgte die Rekrutenschulen und das Militärmusikzentrum mit den persönlichen Ausrüstungen sowie dem Einsatz- und Ausbildungsmaterial. In einer «Haute Couture»-Abteilung beherbergte es das Uniformendepot für die vier Elite-Formationen des Schweizer Armeespiels und einen Leihpool für historische Uniformen.

Tiefgreifende Reformen

Das Zeughaus betreute sodann wichtige Infrastrukturanlagen: Kaserne, Truppenschiessplatz Gehren, Ortskampfanlage Eiken, Schiessanlage Lostorf. Dazu kamen Munitionsdepots und Munitionskavernen. Veränderungen, auch Mentalitätswechsel, prägten den Militärbetrieb: So praktizierten die einst als stur geltenden «Züghüsler» unter Betriebsleiter Urs Müller und dessen Vorgänger Willy Urech ein neues Dienstleistungsverständnis nach dem Motto «Der Kunde ist Partner».

Die Senkung des Dienstpflichtalters, der Truppenbestände und die Zentralisierung der Militärlogistik schlugen auf den Zeughausbetrieb durch.

Ab 2015 erbringt das Logistikcenter Othmarsingen die erforderlichen Leistungen. Den Waffenplatz betreibt die neue Sektion «Kreiskommando und Waffenplatz. Für die zwölf Mitarbeitenden im Zeughaus wurden sozialverträgliche Lösungen gefunden und die Lernenden verblieben in der Abteilung Militär und Bevölkerungsschutz. Zu den vier Personen, die in den Ruhestand treten, gehört Oberst Urs Müller. Er steuerte das Zeughaus seit 1991 durch bewegte Jahre.

Kettenhaft für Zeughauswart

Die eh bewegte Aargauer Zeughausgeschichte begann 1804 in der Festung Aarburg. Hier bewahrte der junge Kanton Waffen, Munition und Monturen für seine Truppen auf. Aber die schlecht belüfteten Kasematten eigneten sich nicht dazu. Deshalb wollte die Regierung die Magazine nach Aarau verlegen. Bis es 1818 endlich so weit war, kam es zu Zwischenfällen. Zeughauswart Franz Strauss entwendete 1300 Artilleriegeschosse, verschob 130 Gewehre nach Bern, zersägte eine 300-Kilo-Kanone und verkaufte sie in Einzelstücken. Er wurde steckbrieflich gesucht, nach Monaten aufgespürt, zu zwölf Jahren Kettenhaft verurteilt, aber aus gesundheitlichen Gründen mit zwei Monaten Hausarrest begnadigt.

Die Züglete ins alte Kornhaus an der Laurenzenvorstadt – später als General-Herzog-Haus bezeichnet – war nur als Provisorium gedacht. Daraus wurden 120 Jahre. Weil nun eine 20 000-köpfige kantonale Milizarmee das ursprüngliche «Berufsheer» ablöste, stieg der Raumbedarf. Erweiterungsbauten für Werkstätten, Fuhrwerk- und Kleidermagazine wurden nötig. Zusammen mit der 1849 bezogenen neuen Kaserne nahm der Waffenplatz Konturen an.

«Kriegsrakete» aus Aarau

In den ersten 50 Jahren glich das Zeughaus einem Rüstungsbetrieb. Es fabrizierte zum Beispiel eine von Zeughausverwalter Albert Müller entwickelte Artillerierakete. Im zweiten Freischarenzug gegen Luzern, 1845, führten die Aargauer diese Waffe mit, setzten sie aber nicht ein. Als General Dufour am Vorabend des Sonderbundskrieges, 1847, nach Aarau kam, wurde ihm die «Kriegsrakete» angeboten. Er weigerte sich jedoch aus Gründen der Menschlichkeit, von diesem Zerstörungsmittel Gebrauch zu machen.

Als Aarau 1874 zum Hauptwaffenplatz der neuen 5. Division bestimmt wurde, fasste das Zeughaus das Korpsmaterial nicht mehr. Bund und Kanton griffen daher zu, als die Hallen der zusammengebrochenen Internationalen Gesellschaft für Bergbahnen feil wurden, in denen Ingenieur Riggenbach die erste Vitznau-Rigi-Zahnradbahn konstruierte. Im U-förmigen Gebäudekomplex richteten sie ab 1882 ein kantonales und ein eidgenössisches Zeughaus ein.

56-Stunden-Arbeitswoche

Die Zeughausbelegschaft war in Beamte, Arbeiter und Hilfsarbeiter eingeteilt – mit unterschiedlichen Anstellungsbedingungen. Für Beamte galt eine wöchentliche Arbeitszeit von 44 Stunden, für Arbeiter die 56-Stunden-Woche. Die Beamten hatten Anspruch auf jährliche Dienstalterszulagen sowie zwei bis vier Wochen Ferien, und sie waren gegen die ökonomischen Folgen des Todes und der Invalidität versichert. Die Arbeitszeit der Arbeiter dauerte im Sommer von 6 bis 18 Uhr, im Winter von 7 bis 18 Uhr. Das eidgenössische Fabrikgesetz verhalf ihnen 1920 zur 48-Stunden-Woche.

Zahltag war alle 14 Tage, samstags – später zu Wochenbeginn, damit die Leute mit dem Geld in der Tasche am Wochenende nicht zu ausgedehnten Wirtshausbesuchen verleitet wurden. Die strenge Betriebsordnung untersagte den Genuss von geistigen Getränken und Schwatzen während der Arbeit. Ein Meister bekam eine scharfe Rüge, weil er am frühen Nachmittag in einem Geschütz-Aussendepot alkoholisiert angetroffen wurde.

Verwaltung statt Zeughaus

Neues Armeematerial erforderte ständige logistische Anpassungen. Der Einzug des Computers im Zeughaus war keine Frage. Zäher erschienen früher die wiederkehrenden Platzprobleme. In Etappen gelöst wurden sie nach langem Ringen zunächst mit dem Bau des eidgenössischen Zeughauses Nr. 3 während des Ersten Weltkrieges an der Ostseite des Rössligutes und mit der Einweihung des neuen kantonalen Zeughauses 1933 an der Rohrerstrasse.

In dieses Gebäude hielt nach einem Umbau 2001 auch die Abteilung Militär und Bevölkerungsschutz Einzug, weil im Zuge der Armeereformen weniger Magazinräume benötigt wurden. Nach der endgültigen Schliessung des Zeughauses soll das Gebäude Sitz des Gesundheitsdepartementes werden. Was mit den weiteren Liegenschaften, insbesondere dem unter Schutz stehenden grossen u-förmigenKomplex geschieht, ist offen. Dort sind noch das Magazin der Historischen Radfahrer-Kompanie und die Sattelkammer der Schweizer Kavallerie-Schwadron 1972 untergebracht.

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