Aarau
Heinz Steiner flickte 200'000 Paar Schuhe – jetzt schliesst er seinen Laden

Schuhmacher Heinz Steiner gibt sein Geschäft in Aarau auf, das er 1980 von seinem Vater übernahm – aber nicht, weil ihm die Arbeit ausgegangen ist. Einen Nachfolger hat er trotzdem nicht gefunden.

Hermann Rauber
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Freuen sich auf den Ruhestand: Schuhmacher Heinz Steiner mit seiner Frau Erika.

Freuen sich auf den Ruhestand: Schuhmacher Heinz Steiner mit seiner Frau Erika.

Emanuel Per Freudiger

Vor 150 Jahren registrierte das Adressbuch in Aarau noch 37 Schuster, heute kann man die Zahl der Schuhmacher in der Stadt an einer Hand abzählen. Und Ende September schrumpft der Bestand noch einmal, gibt doch Heinz Steiner sein Geschäft an der Pelzgasse 9 auf.

Steiner wuchs in Brugg auf und kam nach dem Lehrabschluss und der Rekrutenschule im Juni 1963 nach Aarau. Er trat als junger Schuhmacher in die «Schuhreparatur-Werkstatt» des legendären Meisters Gustav «Guschti» Bader ein. 1965 übernahm Fritz Steiner, der Vater des heutigen Inhabers, den Betrieb an der ehemaligen Schuhgasse, so hiess nämlich in früheren Zeiten der nördliche Teil der Pelzgasse.

1980 ging die Werkstatt auf Sohn Heinz Steiner über. Er durfte dabei auf die Hilfe seiner Frau Erika zählen, die er 1967 geheiratet hatte. Die gelernte Schuhverkäuferin führte im Laden ein Sortiment an Bequem- und Gesundheitsmodellen und betreute die Kundschaft. Heinz Steiner arbeitete im hinteren Teil des Betriebs und hat im Laufe der Jahrzehnte «praktisch im Alleingang rund 150 000 Paar Schuhe repariert». Hinzu kamen noch mindestens 50 000 Paar Militärschuhe von RS- und WK-Einheiten in der Stadt und Region. Handwerklich besonderes Geschick war jeweils bei der Auffrischung von Reitstiefeln für die Kavallerie gefragt. Dabei durfte er bei «Nachtschichten» auf die Mitarbeit von Marcel Bühlmann zählen. Dessen Schwägerin, Käthi Bühlmann, half im Laden aus und entlastete tageweise Erika Steiner.

Der mittlerweile 71-jährige Schuhmacher hört nach fünf Jahrzehnten nicht etwa auf, weil ihm die Arbeit ausgegangen wäre. «In den letzten acht Jahren hat die Nachfrage sogar zugenommen», widerlegt Steiner die landläufige Meinung von der Wegwerfgesellschaft der «Turnschuhgeneration». Vor allem zunehmend jüngere Kundinnen und Kunden hätten die Dienste der Schuhmacherei gerne in Anspruch genommen. Doch am kommenden 27. September, am MAG-Samstag, ist endgültig Schluss. Eine Anlieferung ist nur noch bis Ende August möglich, dann läuft der Betrieb langsam aus, die Maschinen werden ausgeräumt.

Ein Nachfolger konnte nicht gefunden werden, deshalb dürfte eine neue Branche in den Laden an der Pelzgasse 9 in der Aarauer Altstadt einziehen. Doch das ist nicht mehr die Sorge von Heinz Steiner, der die Liegenschaft vor kurzem verkauft hat.

Heinz und Erika Steiner freuen sich auf den verdienten Ruhestand, den sie an ihrem Domizil im Aarauer Scheibenschachen geniessen wollen. Viel Zeit werden die Eheleute bei ihrem Sohn, der als Gastronom in den Flumser Bergen tätig ist, verbringen und dem Wandern und Skifahren frönen. Die treue und dankbare Kundschaft gönnt es ihnen von Herzen.