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Hat ein Schwabe den Aarauer Maienzug kopiert?

Dudelsackpfeifer und Trommler in Weiss: Auch in Ravensburg wird mit dem Rutenfest ein traditionelles Schülerfest gefeiert.zvg

Dudelsackpfeifer und Trommler in Weiss: Auch in Ravensburg wird mit dem Rutenfest ein traditionelles Schülerfest gefeiert.zvg

Historiker glaubten stets, dass die klassischen Schulfeste im Aargau eine typische Erfindung des Berner Aargaus sind. Doch offensichtlich weit gefehlt: Auch in Ravensburg wird das traditionelle Schulfest gefeiert – ähnlich wie in Aarau.

Bis jetzt gingen die Historiker davon aus, dass die klassischen Schulfeste wie der Aarauer Maienzug, der Brugger Rutenzug, das Lenzburger Jugendfest oder das Kinderfest in Zofingen eine typische «Erfindung» des Berner Aargaus sind. Doch offensichtlich reicht dieses Brauchtum bis weit nach Süddeutschland hinein.

Denn solche «Rutenfeste» (auch mit der Schreibweise Ruthen oder Ruethen) sind im oberbayerischen Landsberg am Lech, in der württembergischen Stadt Ravensburg östlich des Bodensees oder – etwas bescheidener – im schwäbischen Bopfingen auf der Alb bekannt.

Geradezu frappant sind die Ähnlichkeiten zwischen dem Aarauer Maienzug und dem alljährlichen Rutenfest in Ravensburg. Die Parallelen beginnen schon bei der historischen Erklärung des Begriffs.

Es handle sich nämlich um «einen Schulausflug ins Grüne», bei dem die Schüler die Ruten für das kommende Schuljahr schneiden sollten. Diese Ruten dienten dem Lehrer für die Zucht und Ordnung in der Schulstube.

Genau diese Lesart existiert bis heute für den Aarauer Maienzug, denn «Maien» oder «Meyen» ist ein längst verschwundener Ausdruck für Ruten. In Ravensburg wird dieser «etwas makabre Hintergrund» für ein Fest mit dem Hinweis abgeschwächt, dass «die Rute auch als Symbol für den Ernst des Lebens» gedient haben könnte.

Eine Rute für die Lateiner

«Historisch richtiger» sei – mindestens für Ravensburg – die Deutung, «dass im Mittelalter die Rute tatsächlich die Grammatik respektive die Beherrschung der lateinischen Sprachlehre symbolisierte», weshalb die Lateinschüler zum Schulabschluss mit der feierlichen Übergabe einer belaubten Rute geehrt worden seien. Die praktisch identische Überlieferung des Ursprungs des Rutenfestes findet sich in Landsberg, wo das Ereignis allerdings nur alle vier Jahre stattfindet.

Der Festablauf von Ravensburg lässt sich ohne Mühe mit jenem von Aarau vergleichen. Es gibt am Vorabend eine Art Zapfenstreich (mit Trommel- und Fanfarengruppen), am Haupttag Schülerdarbietungen und Tanz, im Mittelpunkt steht der grosse Festumzug, bei dem zum Teil auch Erwachsene in historischen Gewändern und Gruppen teilnehmen.

In Abweichung zu Aarau organisieren die Ravensburger Gymnasien jedes Jahr ein «Adlerschiessen», zu dem «sogar viele nach Übersee ausgewanderte Ravensburger in ihre ehemalige Heimat zurückreisen».

Maienzug 2013: Aarau im Ausnahmezustand

Maienzug 2013: Aarau im Ausnahmezustand

Nicht zuletzt auch das Datum von Rutenfest und Maienzug sind identisch, nämlich im Juli am Ende des Schuljahres und vor den langen Sommerferien. Wo aber liegt die gemeinsame Klammer dieser Rutenfeste?

Der Aarauer Maienzug ist urkundlich 1588 erstmals erwähnt («in die Rueten gahn»), das Ravensburger Rutenfest lässt sich 1645 fassen («Ruetten gehen»), ist aber mit Sicherheit älter. In Landsberg ist der Brauch 1751 das erste Mal nachweisbar. Vermutungen, dass die Wurzeln bis ins Mittelalter reichen könnten, sind nicht zu belegen.

Brauchtum exportiert?

Aarau wie Ravensburg haben eine habsburgische Vergangenheit, Landsberg hingegen nicht. Der Einfluss der «Gnädigen Herren von Bern» ging nie bis nach Süddeutschland.

War es vielleicht ein reisender Schwabe oder Oberbayer, der in Aarau Station machte und auf diese Weise mit dem Schulfest an der Aare in Kontakt kam und den Brauch «exportierte»? Gab es vielleicht einen religiösen Zusammenhang?

Dieser müsste dann aber vor der Reformation, also noch im 15. oder frühen 16. Jahrhundert liegen. Oder handelt es sich bei der räumlichen Ausbreitung des Rutenfestes um einen simplen historischen Zufall?

Wir wissen es nicht. Entscheidend ist, dass die traditionsreichen Schulfeste sich an so unterschiedlichen Orten erhalten haben und immer noch fröhliche Urständ feiern.

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