Der 21. Juni ist der längste Tag des Jahres. Gestern ging die Sonne in Aarau erst um 21.28 Uhr unter. Die letzten Minuten des Sonnenuntergangs erfolgten zwar hinter den Wolken, aber es ist davon auszugehen, dass das Gestirn sich an die astronomischen Berechnungen gehalten hat. Der längste Tag bescherte dem Eidgenössischen einen perfekten Partyabend. Schon in den frühen Morgenstunden machten die Turner keinen Hehl daraus, was nach der Leibesertüchtigung auf dem Programm stand: Feiern. Und dieser Disziplin widmeten sie sich mit Hingabe.

Es gibt wohl kaum eine Party, wo die Stimmung so lange vor Mitternacht schon so ausgelassen ist. Kein Wunder, denn für viele sind die letzten Wettkämpfe schon etliche Stunden her – oder lagen noch so weit vor ihnen, dass sich die Turner nicht mit möglichen Folgeschäden des Trinkens befassen wollen. Der DJ vor dem «Wild West Village», einem der grossen Festzelte im Schachen, lässt keinen Klassiker aus dem Après-Ski- und Hundsverlochete-Genre aus: Bereits um 19.15 Uhr singt Helene Fischer atemlos, darauf folgt die Hymne «Macarena», deren Tanz auch heute, 26 Jahre nach Veröffentlichung, noch Hüften allen Alters zum Schwingen bringt.

Ein paar Songs später tanzen schon die Ersten auf den Bänken. Überraschenderweise gehören diese Turner eher zum älteren Segment. «55 plus», sagt Bruno vom TV Riniken zum Alter seiner Gruppe. Er selber sei aber «ziemlich über 60». Es war der Song «Whatever you want» von Status Quo, der Song aus der Jugend, der sie zu wilden Luftgitarrensoli auf den Festbänken animierte. Das Festzelt hinter den Turnern ist dabei praktisch leer. «Turner sind lieber draussen», erklärt Bruno. Seit 15 Uhr seien sie schon hier am Feiern. Irgendwann wollen sie dann zum Bahnhof und wieder nach Hause, nach Riniken und Rüfenach, doch noch hoffen sie auf einen weiteren Song aus der Jugend.

Hütte ist voll

Die «Turnfest-Hütte» widerlegt Brunos These, dass Turner lieber draussen seien. Das riesige Zelt ist schon zu früher Stunde gut gefüllt. Es herrscht eine Stimmung, als würden die Toten Hosen und s’Vogellisi zusammen auftreten. Wer nicht auf den Bänken steht, ist kein richtiger Turner.

Wie am Ballermann: Megastimmung im Turnerzelt

Wie am Ballermann: Megastimmung im Turnerzelt

Die Frauengruppe im roten Dress stellt sich von vorne als Männer heraus. Die langen Haare, die unter den Stirnbändern hervorwellen, sind unecht. Aber die Schnäuze, die haben sie eigens für das Turnfest wachsen lassen. «Wir haben uns die Fotos von ehemaligen Turnern angeschaut», sagt einer. Und wie die Vorbilder von damals wollten die Turner aus Goldingen – «unbedingt St. Gallen schreiben» – auch einen Schnauz wachsen lassen. Ausser einer, bei dem wollte es nicht spriessen. Um halb neun ist die Festhütte zum Bersten voll. Der TV Buchrain trägt neue Bänke hinein, der DJ fordert abwechslungsweise die Berner, die Männer oder die Frauen zum Brüllen oder Kreischen auf. Draussen geniessen die Turnerinnen und Turner die letzten Sonnenstrahlen, die Sonnenbrillen mit den farbigen Gläsern haben sich so richtig gelohnt.

Man mag vom Eidgenössischen halten, was man will. Die Musik, das joviale Schunkeln und «Guet esch e Crèmeschnitte»-Sprüche sind nicht jedermanns Sache. Doch die Turnerinnen und Turner, die sind nett. Ausnahmslos. Und an keiner anderen Veranstaltung freuen sich die Leute so sehr, wenn man ihnen sagt, dass sie betrunken auf Bänken tanzend in der Zeitung erscheinen werden.