Der Herr auf dem Ölgemälde neben der Flügeltür guckt gestreng auf die Besucherinnenschar. Weiber im Saal des ersten Bundeshauses der Helvetik, da kräuselts dem Herrn den Schnauz. Frauen hatten damals im Haus zum Schlossgarten nichts verloren, höchstens zum Saubermachen waren sie in den ehrwürdigen Räumen geduldet. Und jetzt, gute 200 Jahre später, steht eine ganze Horde Frauen da, kaut an belegten Broten und hat für solcherlei altbackenes Männerzeugs nur ein müdes Lächeln übrig.

Es ist Weltfrauentag und rund 40 Frauen – nur Frauen – machen sich über Mittag in der Aarauer Altstadt unter der Führung von Edith Schmid und Claudia de Klark auf die Suche nach Frauengeschichten. Organisiert ist der Anlass vom Tourismusbüro aarau info, und eigentlich hätten noch viel mehr Frauen dabei sein wollen. Sie wurden auf nächste Woche Dienstag vertröstet; dann wird nachgedoppelt.

Flucht vor der Hochzeit

Der Rundgang ist eine Hommage an die Frauen, eine Erinnerung an diejenigen, die mit tragischen und schönen Geschichten dazu beigetragen haben, den Weg für die heutigen Frauen zu ebnen. Es ist eine Reise von Aaraus Gründungszeit im 13. Jahrhundert bis heute. Von 1270, als Frauen in das Kloster in der Halde flüchteten, um der Heirat und dem Kinderkriegen zu entgehen und stattdessen eine Karriere machen zu können und Schriften zu lesen.

Claudia de Klark erzählt zwischen den Toren die Geschichte von Anna von Kyburg, die als erste Frau noch minderjährig die Stadt Aarau erbte.

Claudia de Klark erzählt zwischen den Toren die Geschichte von Anna von Kyburg, die als erste Frau noch minderjährig die Stadt Aarau erbte.

Schliesslich war man im Mittelalter nicht zimperlich, zwölfjährige Mädchen galten bereits als heiratsfähig. Es war auch völlig normal, dass der Ehemann doppelt so alt war wie seine Braut. Da schauderts die Frauen von heute in ihren Wintermänteln.

Das mit dem Heiraten besserte sich über die Jahrhunderte nicht wesentlich: 1744 beispielsweise wurde die Aarauerin Salome Rothpletz als Vierzehnjährige mit Gabriel von Wattenwil verheiratet und stieg so in den Berner Patrizierzirkel auf. Oder Anna Elisabeth Nüsperli, genannt «Nanny», die 1805 als 20-Jährige unter die Haube kam und ihrem Mann Heinrich Zschokke zwölf Buben und ein Mädchen gebar. 13 Kinder – was Frauen von heute aufstöhnen lässt, war für die Aarauer von damals eine wunderbare Sache. Denn die Zschokkes, die in der Blumenhalde ennet der Aare wohnten, pflegten an jedem Feiertag und Geburtstag selbst gebasteltes Feuerwerk in die Luft zu lassen.

Sich gegen die Männer zu behaupten war für die Frauen schwierig: Höhere Ausbildungen blieben ihnen verwehrt, für die Arbeit im Haushalt und die Kindererziehung braucht es schliesslich auch keine studierten Frauen. Erst ab 1865 durften die Mädchen die Bezirksschule besuchen, ab 1901 das Gymnasium. Wer sich das nicht gefallen liess, brauchte Biss. So wie Marie Heim-Vögtlin, die beim Erziehungsrat ein Gesuch stellte, um die Matura in Aarau machen zu können, und schliesslich 1874 die erste Schweizer Ärztin wurde, gar die erste Gynäkologin Europas. Oder Betty Wyler-Jäger, die 1912 an der ETH ihr Diplom machte und zeitlebens Hosen trug.

Claudia de Klark erzählt die Geschichte jener geschäftstüchtigen Frau, die einst die öffentliche Badstube an der Golattenmattgasse geführt hat.

Claudia de Klark erzählt die Geschichte jener geschäftstüchtigen Frau, die einst die öffentliche Badstube an der Golattenmattgasse geführt hat.

Es gibt noch mehr schöne Frauen-Geschichten: So eilte beispielsweise den Küttiger Marktfrauen ein unvergleichlicher Ruf voraus, wie sie mit den weissen Kopftüchern und vor Schweiss glänzenden Stirnen im Graben standen und ihr Gemüse feilboten. So soll die Männerwelt im Juradorf geschwärmt haben: «Wenn die biblische Eva eine Küttigerin gewesen wäre, würde die Menschheit heute noch im Paradies leben. Sie, die Küttiger Eva, hätte sicher den Apfel nicht ihrem Adam geschenkt, sondern auf dem Aarauer Markt verkauft.»

Oder dann ist da die Geschichte von Frau Wicki aus der Halde, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur um ihre zehn Kinder und einen pflegebedürftigen Mann kümmerte, sondern nebenbei noch sehr erfolgreich eine Wäscherei betrieb. Sie war die erste Halde-Bewohnerin, die sich 1955 eine Badewanne im Haus einbauen liess. Bis anhin war man für das wöchentliche Bad in die Badestube von Lina Schmid in der Golattenmattgasse gegangen – züchtig bedeckt selbstverständlich.

Versöhnliche Aktualität

Die Frauen auf der Führung reagieren mal verächtlich schnaubend, mal anerkennend nickend, mal verständnislos kopfschüttelnd. Manche Geschichte hört sich so unglaublich merkwürdig an, ungerecht, traurig. Zum Glück versöhnt einem die Aktualität: Die Stadtregierung und der Einwohnerrat sind in Frauenhand, ebenso wie der Werkhof, das Stadtmuseum, das Forum Schlossplatz und das KuK. Seit ein paar Wochen hat Aarau sogar eine Stadtweibelin, ganz zu schweigen von all den erfolgreichen Unternehmerinnen, Beizerinnen und Künstlerinnen.

Nach eineinhalb Stunden ist die Führung vorbei, die Frauen huschen davon, die Zeit drängt und die Arbeit ruft. Wären wir doch in China: Da bekommen Frauen zur Feier des Weltfrauentages am Nachmittag frei.

Frauenführung «Über Frauen – nicht nur für Frauen», Dienstag, 15. März, 12 Uhr.