Zentrum für Demokratie
Gründer Andreas Auer tritt nach vier Jahren zurück

Andreas Auer, der Gründungsdirektor des Aarauer Zentrums für Demokratie, tritt auf Ende Jahr zurück. Er leitete diese Aussenstelle der Universität Zürich seit ihrer Gründung im Jahr 2008.

Hans Fahrländer
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Andreas Auer im ZDA, kurz nach seiner Wahl 2008. Archiv

Andreas Auer im ZDA, kurz nach seiner Wahl 2008. Archiv

Hünerfauth

Auch hat er massgeblich zu ihrer nationalen und internationalen Profilierung beigetragen.

Der 1948 in Chur geborene Auer wurde im Jahr 1980 als Professor für Staatsrecht an die Universität Genf gewählt. 1993 gründete er dort, unterstützt durch Stadt und Kanton Genf, das Forschungszentrum für Direkte Demokratie (c2d). Doch nach zehn Jahren begann die öffentliche Unterstützung zu bröckeln. Auer wollte sein «Kind» nicht einfach eingehen lassen und suchte nach Alternativen in der Deutschschweiz.

Im Haus Heinrich Zschokkes

Im Jahr 2008 wurde Auer als Professor für Öffentliches Recht an die Universität Zürich gewählt. Zum selben Zeitpunkt öffnete sich auch für das Demokratiezentrum eine neue Perspektive: Durch Vermittlung des Kantons Aargau, der Stadt Aarau und der Fachhochschule Nordwestschweiz zog es in die Villa Blumenhalde, erbaut 1817 von Demokratiepionier Heinrich Zschokke, am Hungerberg in Aarau ein. Die genannten drei Institutionen sind, zusammen mit der Uni Zürich, die Hauptträger des ZDA. Sie haben eine Grundfinanzierung für 15 Jahre zugesichert.

Andreas Auer leitete seit der Gründung einerseits das Gesamtinstitut, anderseits das Zentrum für Direkte Demokratie. Neben ihm in der Institutsleitung sind Professor Daniel Kübler, Leiter der Abteilung für Allgemeine Demokratieforschung, und Professorin Béatrice Ziegler, Leiterin der Abteilung Politische Bildung und Geschichtsdidaktik. Kübler wird auf Anfang 2013 neuer Direktor, Auer bleibt vorläufig in der Institutsleitung. Im August 2013 wird er wegen Erreichens der Altersgrenze als Professor der Uni Zürich emeritiert.

Zwischen Aarau und Südsudan

Zwischen 40 und 50 Wissenschafter arbeiten voll- oder teilzeitlich in Aarau, darunter Gastforscher aus aller Herren Ländern. Sie befassen sich mit Grundlagenforschung, aber zunehmend auch mit praktischer Beratung bei Verfassungs- und Demokratisierungsprozessen auf der ganzen Welt. So beriet das ZDA zum Beispiel die Staatsführung der Mongolei und begleitete den Demokratisierungsprozess in Westafrika.

Beim Arabischen Frühling in Tunesien und Ägypten gab es einzelne Mandate, ebenso beim Verfassungsprozess im jüngsten Staat der Erde, im Südsudan. Ein Projekt untersuchte demokratische Ansätze auf der Kreisebene in China, ein anderes die direkte Demokratie in den deutschen Bundesländern.

Auch die EU reihte sich unter die Auftraggeber ein und liess die Mitwirkungsrechte in den Mitgliedländern untersuchen. Auf nationaler Ebene ist der Nationalfonds wichtigster Auftraggeber. Andreas Auer amtet auch als Gutachter des Bundesrates. Der Standortkanton profitierte ebenfalls von der Kompetenz des ZDA, zum Beispiel mit einem Projekt «Die Staatsbürgerschaftsprüfung im Kanton Aargau».

Fehlendes Ausländerstimmrecht

Welches ist das grösste Manko der schweizerischen Demokratie? Der scheidende Direktor zögert keine Sekunde: «Das fehlende Ausländerstimmrecht. Rund ein Viertel der hiesigen Wohnbevölkerung, in einzelnen Gemeinden fast die Hälfte, ist von der Politik in diesem Land betroffen, aber von den Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen völlig ausgeschlossen. Leider hat das Ausländerstimmrecht politisch zurzeit keine Chance.» An zweiter Stelle nennt Auer Volksinitiativen, die dem Völkerrecht widersprechen. Er gibt zu bedenken: «Das Volk ist zwar die wichtigste Instanz in diesem Land, aber nicht die einzige. Das Volk darf nicht losgelöst vom Rechtssystem alles beschliessen, was es will.»

Ein Riesenkompliment

Fazit: Andreas Auer ist im Gebiet der Demokratieforschung eine internationale Kapazität. Und sein Zentrum hat sich zu einem national und international schwer zu umgehenden Bezugspunkt der Demokratieforschung entwickelt. Wie lautet die persönliche Bilanz des scheidenden Direktors nach vier Jahren? «Wir haben hier in Aarau ein Umfeld und Forschungsmöglichkeiten vorgefunden, die einmalig sind», schwärmt Auer. «Das fängt an bei der gesicherten Grundfinanzierung, setzt sich fort bei der grossen Forschungsfreiheit und endet beim Genius Loci, bei diesem wunderbaren Haus, in dem wir uns einfach wohlfühlen.»

Und Auer schliesst mit einem grossen Kompliment: «Dass sich eine Stadt und ein Kanton derart für ein Forschungszentrum engagieren, finanziell, aber auch emotional, das ist eine weltweit wohl einzigartige Situation.»