Bezirksgericht Aarau
Grosse Geldbeträge herumgeschoben – Ehepaar verurteilt

Ein Ehepaar besitzt Autogarage und Immobilienfirma. Jahrelang schieben sie Geld herum, ohne darüber Buch zu führen. Nun werden sie bestraft.

Sarah Serafini
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Ein wirres Spiel wurde im Bezirksgericht Aarau aufgeführt. Auf der Anklagebank sass am Mittwoch das Ehepaar R. Die Frau, eine 32-jährige Serbin, der Mann, ein 39-jähriger Kosovare. Beide leben seit längerer Zeit in der Schweiz. Sie seit 15, er seit 25 Jahren. Zusammen haben sie fünf Kinder, die zwischen dreizehn und sieben Jahre alt sind. Die Familie wohnt im Kanton Luzern.

Herr R. kaufte 2005 eine Auto-Garage im Bezirk Aarau. Im 2009 eröffnete Frau R. eine Immobilienfirma. Die Geschäfte liefen gut, Geld kam bei beiden genug rein. Nur mit dem Erfassen der Geschäftsvorgänge schien es das Paar nicht so genau zu nehmen. Beträge, manchmal auch in der Höhe von mehreren tausend Franken, wurden oft in bar bezahlt. Ein Kassabuch fehlte.

Munter wurde Geld zwischen verschiedenen Parteien hin- und hergeschoben. Mal gab es ein Darlehen hier, dann eine Zurückzahlung dort. Unbezahlte Rechnungen und schwer nachvollziehbare Geschäfte im Winter 2009 münden schliesslich in einer Anklage. Herr R. soll mehrfachen Betrug und mehrfache untreue Geschäftsbesorgungen getätigt haben.

Frau R. wird der mehrfachen Erschleichung einer falschen Beurkundung und der untreuen Geschäftsbesorgung beschuldigt. Der Staatsanwalt sagt, die Beweislast sei erdrückend und das Paar zu verurteilen. Die Beschuldigten hätten willentlich ihre Geschäftsgänge vernebelt, um sich zu bereichern.

Im Fall des Mannes beträgt die Deliktsumme eine halbe Million Franken. Der Staatsanwalt fordert für ihn eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten, davon 10 Monate unbedingt. Die Frau soll auf eine bedingte Geldstrafe und Busse verurteilt werden.

«Verschiedene Welten prallen hier aufeinander.» Valentin Landmann Anwalt

«Verschiedene Welten prallen hier aufeinander.» Valentin Landmann Anwalt

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Das Gericht unter Gerichtspräsidentin Bettina Keller sitzt vor einem Aktenberg. Das Thema ist schwierig. Es zu beurteilen, noch schwieriger. Vieles steht auf dem Spiel. Zuletzt gar die Aufenthaltsbewilligung der Beschuldigten. Im Falle einer Verurteilung könnte ihnen die Ausweisung aus der Schweiz drohen.

Autos für halbe Million gekauft

Geladen sind vier Zeugen, allesamt Mitarbeiter eines grossen Schweizer Autohändlers. Über längere Zeit kaufte R. bei ihnen Gebrauchtwagen, um sie sodann in seiner Garage zu reparieren und weiterzuverkaufen. Die Rechnungen seien anfangs fristgerecht und meist in bar beglichen worden. Der grosse Autohändler habe darum eine vertrauenswürdige Beziehung zu Herr R. aufgebaut.

Im Winter 2009 bezog R. gleich dreizehn Fahrzeuge im Wert von 515 000 Franken. Trotz Anrufen und Mahnungen habe Herr R. nicht bezahlt, sagt der Finanzchef des Autohändlers. Drei Wochen nach seinem grossen Autokauf verkaufte R. seine Garage. Die damalige Leiterin des Inkasso-Büros sagt: «Als wir das erfahren haben und realisierten, dass unsere Autos schon weiterverkauft wurden, ohne sie uns zu bezahlen, zeigten wir ihn an.»

Der Beschuldigte Herr R., Blazer über Pullover, hochgezogene Schultern, Hände auf den Knien, sagt in perfektem Schweizerdeutsch: «Falsch. All das ist falsch.» Einen Teil der bezogenen Autos habe er weiterverkauft und dafür 400 000 Franken erhalten. Er habe gedacht, die offene Rechnung bei dem Autohändler sei noch nicht so dringend. Er habe das Geld darum für andere Löcher gebraucht, die er stopfen musste. «Was haben Sie mit dem Geld gemacht?», fragt der Staatsanwalt. «Daran kann ich mich jetzt im Detail nicht erinnern», sagt R. «Das müsste ich in der Buchhaltung nachschauen.

Und Frau R.? Still sitzt sie kerzengerade neben ihrem Mann. Weisse Bluse unter schwarzem Pullover, die Hände liegen ineinandergefaltet im Schoss. Zur Gründung ihrer Immobilienfirma soll sie ein Darlehen von 100 000 Franken von einem Geschäfts- und Familienfreund erhalten haben. Ein Monat nach der Firmengründung überwies sie ihm das Geld und damit ihr gesamtes Aktienkapital zurück. Das ist laut Gesetz verboten.

Die Angeklagte als Strohfrau?

In fliessendem Hochdeutsch sagt sie: «Ich habe für die Firmengründung kein Darlehen erhalten. Das war mein eigenes Geld, eine Provision, die ich von dem Geschäftsfreund erhalten habe.» Kurz darauf habe ebendieser Freund ein Darlehen von 100 000 Franken benötigt. Das habe sie ihm gewährt. Es habe sich also nicht um eine Rückzahlung gehandelt. Weil zwischen Herr und Frau R. ebenfalls Geld geflossen sein soll, vermutet der Staatsanwalt, dass die Immobilien-Gründung nur ein Vorwand gewesen sei, um Geld zu unterschlagen. Frau R. habe dabei als Strohfrau fungiert.

Buchhaltung nicht verstanden

Der Fall sei nicht nur wegen der vielen Akten derart komplex, sagt der bekannte Milieu-Anwalt Valentin Landmann in seinem mit üppigem Blumenbouquet ausgeschmücktem Plädoyer. «Verschiedene Welten prallen hier aufeinander.» Diejenige der Solidarität der kosovarischen Diaspora beispielsweise.

Oder diejenige des Unternehmers mit Migrationshintergrund. Herr R. habe nichts von Buchhaltung verstanden, führte kein Kassabuch. «Von sträflicher Unordnung kann nicht die Rede sein. Die Staatsanwaltschaft ging vorschnell davon aus, dass das Chaos zu Betrugszwecken geschaffen wurde.» Der Böse sei der Käufer der Garage von R. Dieser habe versprochen, die Schuld der Garage zu übernehmen. «Nicht Herr R. ist der Betrüger. Er ist es, der betrogen worden ist», sagt Landmann.

Was nach der neunstündigen Gerichtsverhandlung übrig bleibt, sind rauchende Köpfe, aufgeschlagene Aktenordner und ein schlafender Dolmetscher. Die Gerichtspräsidentin braucht einen Tag Bedenkzeit, bis sie zum Schluss kommt: Das Ehepaar R. ist teilweise schuldig zu sprechen. Er bezüglich mehrfacher ungetreuer Geschäftsbesorgung, sie wegen der Erschleichung einer falschen Beurkundung.

Der Mann erhält eine bedingte Freiheitsstrafe von 13 Monaten und muss eine Busse von 8000 Franken und eine Ersatzforderung von 218 700 Franken bezahlen. Die Frau wird mit einer bedingten Geldstrafe von 26 100 Franken und einer Busse von 10 000 Franken bestraft.

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