Hip-Hop-Pionier beehrt Aarau

Grandmaster Flash: «Meine Platten leben in einem eigenen Haus»

Grandmaster Flash mit dem Klassiker «The Message»

Grandmaster Flash mit dem Klassiker «The Message»

Wie kein Zweiter hat Joseph Saddler alias Grandmaster Flash aus dem Plattenspieler ein Musikinstrument gemacht. Nun kommt der Hip-Hop-Pionier ins KiFF.

Grandmaster Flash, sehnen Sie sich manchmal in die Zeit zurück, als es noch kein Sampling gab und der DJ mit seinen Künsten der Einzige war, der einen spannenden Break ins Unendliche verlängern konnte?

Grandmaster Flash: Nein. Ich weiss, dass ich und meine Vorgänger das Sampling erfunden haben. Danach hat man eben Maschinen gebaut, die genau das imitieren, was wir zuvor mit unseren Händen gemacht haben.

Kein bisschen nostalgisch?

Nein. Ich möchte mit dem, was ich mache, am Groove der Zeit sein. Das Einzige, was immer gleich bleibt, ist das Vinyl. Alles andere muss sich ändern – die Musik, die DJ-Sets, die Technik, der Hip-Hop. Deswegen mag ich auch nicht, wenn mich die Leute wie einen lebenden Mythos oder ein Stück Hip-Hop-Folklore behandeln. Das können sie lange genug tun, wenn ich tot bin.

Wie hat die Digitalisierung die Machtverhältnisse zwischen den Musikern und den Labels verändert?

Vollkommen. In den 70er- und 80er-Jahren gab es eine Handvoll Plattenfirmen, die wirklich zählten. Wenn Dich davon keine unter Vertrag genommen hat, konntest Du es gleich vergessen. Heute ist das anders: Ein Nobody, der bei sich zu Hause einen guten Song mit dem richtigen Groove zum richtigen Zeitpunkt aufgenommen hat, kann im Internet innerhalb kürzester Zeit bekannt und erfolgreich werden. Die Digitalisierung hat das Spielfeld eingeebnet.

Sie haben Ihr letztes Album, «The Bridge», bei sich zu Hause aufgenommen.

Für die Platte habe ich mir im Keller mein Traumstudio eingerichtet. Meine Frau wirft mir immer noch vor, dass ich ein Vermögen dafür ausgegeben habe. Aber der Aufwand, den ich für das Album betrieben habe, wäre sonst niemals möglich gewesen. Über die meisten Songs bin ich 30-mal drübergegangen. Wann immer ich eine Idee hatte, konnte ich in den Keller gehen und daran arbeiten. Die besten Einfälle habe ich oft, wenn ich gerade in Unterwäsche oder im Schlafanzug stecke. Ich springe dann aus dem Bett, sage zu meiner Frau: «Schatz, ich muss ins Studio!» So entsteht eine Art digitale Song-Notiz, das, was ich einen Song in Unterwäsche nenne. Später arbeite ich daran weiter mit Musikern oder Toningenieuren, damit aus einem Unterwäsche-Song ein richtiger Track und aus mehreren Tracks ein Album wird.

Welche Idee steckt hinter dem letzten Album?

Ich wollte, dass man hört, woher ich komme: aus dem Old School Hip-Hop. Deswegen habe ich auch Weggefährten wie Grandmaster Caz eingeladen. Gleichzeitig wollte ich möglichst viel der unterschiedlichen Einflüsse, Sprachen und Kulturen haben, die ich höre und sehe, wenn ich als DJ um die Welt reise.

Keine rein amerikanische Hip-Hop-Scheibe also.

Ich wollte über die US-Szene hinaus. Auf «We Speak HipHop» rappen die heissesten MCs aus Japan, Frankreich, Spanien und Schweden zusammen mit KRS-One. Hip-Hop gibt es heute überall. Nur haben das viele Amerikaner noch nicht begriffen.

Wirklich?

Meine Schwester Penny zum Beispiel. Die war noch nie im Ausland. Wenn ich nach Europa fliege, will sie immer wissen, was ich dort überhaupt mache. Wenn ich erzähle, dass die Leute dort noch mehr auf Hip-Hop stehen als bei uns, kann sie das gar nicht fassen: «Die verstehen doch nichts!» Ich sage dann: «Doch, Penny. Die verstehen Hip-Hop vielleicht sogar besser als wir.»

Akzeptiert DJ Grandmaster Flash auch Laptop-DJs?

Wenn die mit den Soundfiles das Gleiche anstellen wie mit dem Vinyl, habe ich damit kein Problem. Ich bin mittlerweile ja selbst auf den Geschmack gekommen und kombiniere den Plattenspieler mit dem Laptop. Natürlich ist mir Vinyl am liebsten. Aber so viele Platten kann man gar nicht mitschleppen, wie auf einen Laptop passen. Schon wegen der Gepäckkosten. Einmal musste ich am Flughafen 2500 Dollar Zuschlag zahlen.

Braucht es denn so viele Platten?

Zu mir kommen die 18-Jährigen genauso wie die 40-Jährigen. Ich muss dafür sorgen, dass alle ihren Spass haben, tanzen und ausflippen. Das kann ich nur, wenn ich wahnsinnig viel Musik mit mir rumschleppe.

Wie viele Platten besitzen Sie denn?

Stellen sie sich eine LP vor. Und dann hängen sie ganz, ganz viele Nullen dran. Die genaue Zahl – keine Ahnung. Ich weiss nur, dass ich neben meinem Wohnhaus ein weiteres Haus gebaut habe. In dem einen Haus lebe ich mit meiner Familie, in dem anderen leben meine Platten.

Entdecken Sie überhaupt noch neue Musik, wenn Sie in Schallplattenläden herumstöbern?

Aber klar. Zuletzt hat mich ein Typ namens Strawinsky umgehauen.

Igor Strawinsky?

Genau. Der unglaublichste Songschreiber, den ich je gehört habe. Im Hip-Hop produzieren wir lustige, wütende, traurige oder verliebte Nummern. Er steckt das alles in einen einzigen Song. Als ich «Le sacre du printemps» in einem Plattenladen anhörte, fühlte ich mich wie in einem Karussell der Gefühle. Ich habe die Platte heimgenommen, um sie zu studieren.

Und haben Sie die Platte schon mal bei einem DJ-Set aufgelegt?

Das kommt noch. Erst einmal muss ich seine Struktur begreifen. Dann wird Grandmaster Flash eines Tages auch den richtigen Beat zu Strawinsky finden.

DJ Grandmaster Flash KiFF Aarau, Sa, 19. Februar, 22 Uhr.

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