Gränichen
Biken & Bushcraft: Wie Zappelphilipps im Wald zur Ruhe kommen

Primarlehrer Thomas Widmer leitet mit zwei Kollegen die Kinder-Bike-Camps «Focused Riders». Vor allem hyperaktive Kinder profitieren vom Austoben im Wald – und überbehütete Kinder, die nicht gelernt haben, wie man richtig vom Bike fällt.

Valérie Jost
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An den Bike-Camps von Focused Riders lernen Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren das Mountainbiken im Wald.

An den Bike-Camps von Focused Riders lernen Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren das Mountainbiken im Wald.

Bild: David Steiger

«Als Primarlehrer erlebe ich täglich Kinder, die unter Konzentrationsschwierigkeiten leiden. Dieselben Kinder sehe ich im Wald stressfrei und ruhig eine Hütte bauen und fokussiert ihr Mountainbike steuern», schreibt der Safenwiler Primarlehrer Thomas Widmer auf der Website von Focused Riders. Seit drei Jahren bietet er unter diesem Namen mit zwei langjährigen Kollegen Bike-Camps für Kinder zwischen 10 und 15 Jahren an.

Die Idee dazu kam dem ehemaligen Pflegefachmann während seiner «Jugend & Sport»-Ausbildung zum Mountainbikelehrer. Vom Ausbildungsleiter erhielt er die Erlaubnis, für die Camps auch den Bikelehrpfad in Gränichen zu nutzen – der direkt gegenüber eines privaten Waldstücks im Widmerschen Familienbesitz liegt.

Country-Feeling inklusive: Auch das Übernachten im Wald gehört zum Programm.

Country-Feeling inklusive: Auch das Übernachten im Wald gehört zum Programm.

Bild: David Steiger

Die ersten Camps führte er als Schullager durch und sprach gezielt jene Kinder seiner Klassen an, von denen er dachte, sie würden besonders profitieren: Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten, «Zappelphilipps». Doch er stellt klar: «Allen Kindern tut der Aufenthalt und das Biken in der Natur gut.» Denn viele Kinder seien unterbewegt und nicht viel im Wald unterwegs.

Kein enges Programm

Neben den Bike-Grundlagen wie korrektes Sitzen und Bremsen sei dem Dreierteam deshalb auch die Auseinandersetzung mit der Natur wichtig – oder «Bushcraft», wie sein Kollege Luzius Pfiffner es nenne: «Wer gerade keine Lust zum Fahren hat, kann mit ihm Schanzen bauen oder Holz schnitzen», so Widmer. Das Ziel sei, dass alle Kinder machen können, was sie wollen. «Gerade bei hyperaktiven Kindern ist das Schlechteste, was man machen kann, sie in ein enges Programm zu zwängen.» Und: Wenn ein Kind dann mal auf was konzentriert sei, sollte man es nicht unterbrechen. Nach dem Grundkurs seien sie deshalb frei – solange die Regeln der Waldbenützung eingehalten werden.

Mit «Bushcraft» ist auch die materielle Auseinandersetzung mit der Natur ein Thema im Camp.

Mit «Bushcraft» ist auch die materielle Auseinandersetzung mit der Natur ein Thema im Camp.

Bild: David Steiger

Nach demselben Prinzip bauen die Kinder auch die Feuerstelle und das Camp, in dem sie die Nacht im Wald verbringen, selbst auf. «So sind die Kinder immer beteiligt, statt einfach zu konsumieren, was wir Campleiter bieten.» Das Camp sei somit als Abendteuerwochenende zu verstehen, bei dem die Kinder auch aktiv mithelfen müssen, damit es funktioniert.

Die Kinder auch mal stürzen lassen

Überhütet sind die Kinder im Camp also bestimmt nicht. Das sei auch genau die Idee dahinter, sagt Widmer: «Überfürsorge ist meiner Meinung nach ein grosses Problem. So hält man die Kinder abhängig von den Eltern und sie lernen nie selbstständig zu werden.» Auf das Biken bezogen komme aber noch ein weiterer Punkt dazu: die höhere Verletzungsgefahr. Denn viele Kinder wüssten nicht, wie man richtig umfällt – da sie es nie gelernt haben: «Sie haben deshalb die Reaktionsfähigkeit nicht und fallen wie ein Stein vom Bike.»

Ein Falltraining, zuerst auf der weichen Wiese, gehört im Camp deshalb auch dazu. Die Kinder lernen, wie man sich abrollt, und verletzen sich bei einem echten Sturz somit weniger. Wenn sie die Gefahr aus eigener Erfahrung kennen, werden sie ausserdem automatisch vorsichtiger: «Sie trainieren ihre Selbsteinschätzung», fasst Widmer zusammen. Schlimme Verletzungen habe es in den Camps wohl auch deshalb noch nie gegeben.

Das nächste Camp findet am 15. und 16. Mai unter den nötigen Coronasicherheitsmassnahmen statt. Wer kein eigenes Bike hat, kann beim Camp-Partner Schmid Velosport in Rohr zum Selbstkostenpreis eines mieten.