«Corona-Manifest»

Globuli und Spaziergänge gegen Corona: Aarauer Anwalt fordert mehr Komplementärmedizin

Andreas Roethlisberger kritisiert in seinem Manifest den Bundesrat. (Archivbild)

Andreas Roethlisberger kritisiert in seinem Manifest den Bundesrat. (Archivbild)

Der prominente Aarauer Anwalt Andreas Röthlisberger geht mit einem Corona-Manifest an die Öffentlichkeit. Seine Forderungen: ein stärkeres Immunsystem und der Einbezug der Komplementärmedizin. Infektiologe und KSA-Chefarzt Christoph Fux widerspricht – in beiden Punkten.

Kein Händeschütteln, Hände waschen und desinfizieren, zwei Meter Abstand, keine Ansammlungen von mehr als fünf Personen. Der Aarauer Anwalt und Geschäftsführer des Fachverbands der aargauischen Kies- und Betonbranche Andreas Röthlisberger steht grundsätzlich hinter den Massnahmen des Bundesrats zur Eindämmung der Coronapandemie, wie er in seinem Corona-Manifest schreibt, das er in einem Inserat in der Sonntagspresse publik gemacht hat. «Aber: das sind lediglich Sofortmassnahmen», so Röthlisberger. Diese dienten dazu Zeit und Ressourcen zu gewinnen, um Lösungsansätze zu entwickeln.

Genau diese vermisst Röthlisberger offenbar beim Bundesrat. Nach mehr als zwei Monaten bewege man sich immer noch im Modus der Sofortmassnahmen, schreibt er weiter. Die aktuelle Herausforderung laute derzeit: «Was kann jeder/jede Einzelne tun, um die Infektion gut zu überstehen?»

Laut Röthlisberger könne das Coronavirus nur durch Stärkung des eigenen Immunsystems erfolgreich bekämpft werden. Um sich zu immunisieren sei dies das Wichtigste was Bürger aktuell tun könnten. Dazu müsse jeder normale Bürger seine Selbstverantwortung wahrnehmen und das Immunsystem mit viel Bewegung, frischer Luft, Sonnenlicht und gesunder Ernährung stärken. Weder der Bundesrat noch Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit würden dies jedoch klar und deutlich sagen, kritisiert Röthlisberger.

Mehr Komplementärmedizin gegen Pandemie

Weiterhin bemängelt er, dass sich der Bundesrat nur einseitig und ausschliesslich von Fach-Experten der konventionellen Schulmedizin beraten liesse. Das traditionelle Wissen über Volksgesundheit unserer Grosseltern und Eltern sei scheinbar verloren gegangen. Röthlisberger: «Wie ist es sonst möglich, dass das grosse Wissen der Naturheilpraxis sowie der Komplementärmedizin vollständig auf der Seite gelassen wird?»

Der Lockdown werde letztlich grössere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen als das Coronavirus selbst, schlussfolgert Röthlisberger. Menschen würden durch Angst, Stress, Verzweiflung und Depressionen krank und alte und kranke Menschen verlören in Einsamkeit die Lebensfreude und -willen. Als Konsequenz fordert Röthlisberger, dass der Bundesrat die Komplementärmedizin aktiv in die Bewältigung der Pandemie miteinbeziehen soll, der dazu auch einen Verfassungsauftrag habe. «Machen wir vorbeugend und bei der Behandlung von viralen Erkrankungen Gebrauch von unserem breit verankerten Erfahrungswissen der Komplementärmedizin.»

Der Dachverband Komplementärmedizin Dakomed unterstützt grundsätzlich Röthlisbergers Forderungen. «Die Komplementärmedizin kann anders an medizinische Fragestellungen herangehen», sagt Dakomed-Geschäftsführerin Isabelle Zimmermann. Man müsse daher auch komplementärmedizinische Therapien und Arzneimittel bei der Pandemiebekämpfung miteinbeziehen. Die Stärkung des eigenen Immunsystems sei grundsätzlich sinnvoll. «Ich würde aber nicht so absolut formulieren», sagt Isabelle Zimmermann, «denn Heilversprechen sind unverantwortlich und mit aller Deutlichkeit abzulehnen.»

Am eigenen Immunsystem sterben

Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital Aarau, sieht die Aussagen von Röthlisberger aus zwei Gründen kritisch. «Da Daten zur Wirksamkeit alternativer Therapien gegen die neuen Coronaviren fehlen, geht es zum einen um eine grundsätzliche Diskussion über die Wirksamkeit von Komplementärmedizin», so Fux. Mit Ausnahme der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) gebe es kaum verlässliche medizinische Daten, die zeigen, dass diese Therapien wirksamer seien als Placebo. Die Wirksamkeit von Homöopathie beispielsweise sei aus schulmedizinischer Sicht mittlerweile widerlegt.

Zum anderen würde ein starkes Immunsystem nicht zwangsläufig bei einer Coronainfektion helfen. «Im Gegenteil: die Corona-Patienten sterben oft an einer Überreaktion des Immunsystems», so Fux. Patienten die auf Intensivstationen eingeliefert würden, hätten teilweise gar keine aktiven Viren mehr im Körper. Sie kämpfen eigentlich gegen die überschiessende eigene Abwehr, welche zu Gerinnseln führe und die Lunge zerstöre. Das sei auch der Grund warum Kinder mit einem noch schwächeren Immunsystem vom Coronavirus kaum betroffen seien.

Die Forderung nach mehr Bewegung, frischer Luft und gesunder Ernährung sieht Christoph Fux jedoch positiv. «Ein trainierter Mensch mit einem guten Lungenvolumen wird im Falle einer Lungenentzündung ganz anders schnaufen können.» Ein gesunder Lebensstil könne so etwa Gefässkrankheiten vorbeugen, die im Falle einer Corona-Infektion zu Komplikationen führen können. «Auch für die Psyche ist ausreichend Bewegung wichtig», sagt Fux. Das Immunsystem zu stärken sei grundsätzlich richtig. Dass dies jedoch der einzige Weg sei, um das Coronavirus nachhaltig zu bekämpfen, entbehre medizinisch jeder Grundlage.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1